SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 1. AufgabenstellungAm Ende des zwanzigsten Jahrhunderts steht die Menschheit vor großen Problemen: In fast allen Kulturen wird mittlerweile nach marktwirtschaftlichen Prinzipien gehandelt. Die Zerstörung der Natur durch übermäßige Nutzung der vorhandenen Ressourcen und mangelnde soziale Gerechtigkeit durch eine starke Betonung des Wettbewerbs sind Kennzeichen dieses Systems. Oft wird darauf vertraut, auftretende soziale und ökologische Probleme durch weiteres wirtschaftliches Wachstum lösen zu können. Daß dieser Lösungsansatz nicht greift, stellen u. a. Meadows et al. (1993) in ihrem Werk »Die neuen Grenzen des Wachstums« fest. Auf die Möglichkeit des Zusammenbruchs des gesamten Weltwirtschaftssystems wird hingewiesen. Ein Beispiel für das Scheitern der wachstumsorientierten marktwirtschaftlichen Systems ist die Wirtschaftskrise in Südostasien 1998, die in Indonesien zu einer Staatskrise mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt hat. Es ist deutlich geworden, daß die Strategie, die Europa, Nordamerika und einigen anderen Regionen Wohlstand beschert hat, nicht beliebig wiederholbar ist und schon gar nicht die Probleme lösen kann, die sie selbst mitverursacht hat. Aus der Sicht der Ökologie betrachtet, ist die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen das drängendste Problem, denn nur eine Gesellschaft, die diese Grundlagen dauerhaft bewahrt, ist überlebensfähig. Wird dieser Zustand der Ökostabilität nicht erreicht, muß die betreffende Gesellschaft folglich zugrunde gehen. Eine Lösungsmöglichkeit für die bestehenden Probleme wird unter dem Begriff »Nachhaltigkeit« zusammengefaßt. Nachhaltigkeit beschreibt eine unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten dauerhaft beständige Gesellschaftsform bzw. die Entwicklung darauf zu. Vielfach werden diese drei Aspekte als gleichwertig betrachtet. Da Ökostabilität aber als Voraussetzung für das Überleben der Gesellschaft gesehen werden muß, besteht ein Primat der Ökologie. Die Gesellschaft muß sich an ihr ausrichten, die Wirtschaft dann wiederum der Gesellschaft dienlich und dementsprechend strukturiert sein. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, muß gerade in den Wohlstandsländern der Naturverbrauch massiv reduziert werden. Gleichzeitig muß in den ärmeren Ländern der Lebensstandard angehoben werden, um ein für gesellschaftliche Stabilität erforderliches Minimum an sozialer Gerechtigkeit zu erreichen. Dies darf aber nicht zu Lasten der natürlichen Lebensgrundlagen gehen. Um eine nach diesen Gesichtspunkten sinnvolle Entwicklung zu beginnen, muß die Frage nach den Bedürfnissen des einzelnen Menschen beantwortet werden: Was braucht der Mensch zum Leben, was muß ihm in jeder, also auch in der nachhaltigen Gesellschaft mindestens garantiert werden? Die vorliegende Arbeit soll zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Im nächsten Kapitel wird zunächst auf die physischen Bedürfnisse eingegangen, die ein Lebewesen zum Erhalt der körperlichen Integrität befriedigen muß. Der Schwerpunkt wird aber auf möglichen psychischen Bedürfnissen liegen, die in der westlichen Zivilisation, den industriellen und postindustriellen Gesellschaften, vernachlässigt worden sind. In dieser Vernachlässigung sehen Meadows et al. eine Ursache für die gegenwärtigen Probleme, die im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung beseitigt werden muß. Sie stellen die Forderung, Möglichkeiten zur Befriedigung noch ungedeckter psychischer Bedürfnisse wie »Identität, Gemeinschaft, Anreize und Anerkennung, auch Liebe und Spaß« (Meadows et al. 1993: 258) anzubieten. Der in der englischsprachigen Welt und besonders in Amerika verbreitete Terminus »Streben nach Glückseligkeit« aus rein hedonistischen Motiven steht dabei keinesfalls im Mittelpunkt. Weiter heißt es: »Wenn man solche Bedürfnisse mit materiellen Dingen zu befriedigen sucht, führt das zu einem unstillbaren Hunger nach Scheinlösungen für reale Probleme. Die dadurch entstehende Leere ist eine der Triebkräfte für materielles Wachstum. Eine Gesellschaft jedoch, die fähig ist, ihre nichtmateriellen Bedürfnisse zu artikulieren und sie zu befriedigen, hat auch einen geringeren Bedarf an Durchsatzmengen und kann einen höheren Grad menschlicher Befriedigung und Erfüllung geben.« Demzufolge würde eine Befriedigung der psychischen Bedürfnisse dem übersteigerten Streben nach materiellen Werten abhelfen und dazu beitragen, den Naturverbrauch und damit die Zerstörung der Lebensgrundlagen zu reduzieren. Zusätzlich wären die Menschen glücklicher und zufriedener. Auf der Suche nach den psychischen Bedürfnissen werden in der Arbeit menschliche Gesellschaften betrachtet, die mit einer anderen Sichtweise und anderen Zielen als die westliche Zivilisation den Zustand der Nachhaltigkeit und der Ökostabilität erreicht haben. Von ihnen soll gelernt werden, wie sich die westliche Zivilisation in Zukunft orientieren könnte. Nach der Schilderung von mehreren Beispielen aus zwei großen kulturellen Gebieten und der Bewertung eines Transferversuchs in die westliche Zivilisation bilden konkrete Vorschläge zur Befriedigung psychischer Bedürfnisse den Abschluß der Arbeit und können zugleich als Startpunkt für neue Forschungen und Überlegungen dienen. Quellen:Glossar:[ Ökostabilität ] [ Nachhaltigkeit ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |