SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 2.1.3 Das materialistische ProblemDas Christentum mit seinen absoluten ethischen Normen hat als allgemeine Handlungsgrundlage an Bedeutung verloren. Die Naturwissenschaften gewinnen zwar Erkenntnisse, aus denen sich Handlungsanweisungen ableiten ließen, aber sie erlegen den Menschen keine moralische Pflicht zum Handeln auf. Das hat die Herausbildung einer Gesellschaft begünstigt, in der der eigene materielle Wohlstand das wichtigste Ziel wird und in einer übersteigerten Form, dem Materialismus, endet: Durch Überbefriedigung der physischen Bedürfnisse wird die ökologische Tragfähigkeit überschritten. [ 2 ] Ein weiteres Kennzeichen des Materialismus ist das Austragen innerartlicher Konkurrenzkämpfe über materielle Statussymbole: Das englische Sprichwort »keeping up with the Joneses« umschreibt die Sorge, das Eigentum (Haus-, Gartenausstattung) des Nachbarn könnte besser, wertvoller oder neuer sein als das eigene. Dieses materialistische Streben läßt sich oft als Überbefriedigung des Schutzbedürfnisses erklären, kann aber u. U. auch als Werbungsverhalten gedeutet werden, worauf im nächsten Kapitel eingegangen wird. Die westliche Zivilisation hat sich außerdem zum Umgang mit der Natur eine Bekämpfungsstrategie ausgewählt, die der Urangst des Menschen vor der lebensbedrohenden Natur Rechnung trägt: Die Natur muß gezähmt und darf hemmungslos ausgebeutet werden. Sie ist eine Ressource, die allein dem Menschen zur Verfügung steht. Treten dabei Probleme auf, so versucht der Mensch tendenziell, diese durch naturzerstörende Maßnahmen zu lösen. Diese Scheinlösungen schlagen irgendwann auf den Menschen als neue Probleme zurück, und die Einsicht, daß bei diesem Kampf der Mensch unterliegen und damit aussterben könnte, setzt sich nur langsam durch. Sinnvoller wäre sicher eine Kooperationsstrategie, wie sie viele andere menschliche Gesellschaften entwickelt haben: Dort versteht sich der Mensch als Teil der Natur und fühlt sich in ihre Kreisläufe eingebunden. Das Leben ist nicht von Ausbeutung, sondern von gegenseitigem Geben und Nehmen gekennzeichnet. Auch in diesen Gesellschaften sind sich die Menschen der möglichen Bedrohung durch Naturgewalten bewußt, wissen aber gleichzeitig, daß bei richtigem Umgang mit der Natur diese Leben gibt und erhält. Die Kooperationsstrategie fordert weniger Energieeinsatz und zerstörerische Eingriffe als die Bekämpfungsstrategie, verlangt aber vom einzelnen eine größere Flexibilität: Der Mensch paßt nicht die Natur seinen Bedürfnissen an, sondern richtet sich nach den natürlichen Gegebenheiten seiner Umwelt. Ein Strategiewechsel ist dringend erforderlich, läßt sich aber im demokratischen System der westlichen Zivilisation nur schwer durchsetzen: Schon jetzt rufen kleinere Gesetzgebungsvorhaben im Umweltschutz diejenigen zum Protest, die ihren Wohlstand bedroht sehen. Großunternehmer drohen mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und ziehen so die Mehrheit auf ihre Seite. Damit es wirklich zum Umsteuern kommt, muß der großen Mehrheit der Bevölkerung also die dringende Notwendigkeit zum gesellschaftlichen Umbau, der mit dem Strategiewechsel verbunden wäre, bewußt gemacht werden. Für den Einzelnen würde dies auch einen Abschied vom eigenen materialistischen Streben bedeuten, er müßte sich eingestehen, wie unwichtig sein bisheriges Sinnen und Trachten gewesen ist. Die entstehende geistige Leere ist durch neue Anreize zu füllen, im Verlauf der Arbeit wird deutlich werden, welche das sind. Quellen:Glossar:[ Materialismus ] Fußnoten:[2] Diesem Phänomen unterliegen v. a. die postindustriellen Gesellschaften (Europa, Nordamerika, Japan), in den Entwicklungsländern wird die ökologische Tragfähigkeit durch Überbevölkerung und immer noch stattfindender Ausbeutung durch die reichen Länder überschritten. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |