SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 2.3 Die psychischen Bedürfnisse2.3.1 Der Mensch will mehr als MateriellesDie bisher betrachteten Bedürfnisse können als Motivation für sehr viele menschliche Verhaltensweisen gesehen werden. Sollte die bisherige Beschreibung abschließend sein, so müßte jegliches Handeln jedes Menschen als Suche nach Nahrung oder Schutz, Konkurrenz- oder Werbungsverhalten zu deuten sein. Daß dies nicht gelingen kann, soll folgendes Beispiel verdeutlichen: Im großen Bereich der Musik ist es durchaus denkbar, daß Menschen anderen gefallen möchten, besser als ein Konkurrent zu sein versuchen oder um einen Partner werben. Dieser Motivation folgen viele Musiker nicht. Ihnen geht es um den Ausdruck persönlicher Empfindung, vielleicht auch um das Erreichen tranceähnlicher Zustände oder um das Erleben der Einheit der Band oder des Orchesters. Diese Motive haben nichts mit physischen Bedürfnissen zu tun, denn die Musiker würden ohne Musik keinen unmittelbaren körperlichen Mangel erleiden. Im Verlangen nach künstlerischem Ausdruck kann vielmehr ein echtes psychisches Bedürfnis gesehen werden, besonders, wenn dem Musiker Publikum und Geldverdienst unwichtig sind. Deutlicher noch ist die Frage nach dem Grund eines Konzertbesuchs, z. B. eines großen Rockkonzerts. Die Antwort könnte sein: »Spaß haben.« oder auch: »Aufgehen in der Masse«. Niemand wird es hier schaffen, Konkurrenz- oder Werbungsverhalten zu unterstellen: Der Konzertbesucher will ja eher nicht aus der Masse herausfallen. Bei der körperlichen Bedrängnis besonders in den ersten Reihen kann kein Schutzbedürfnis unterstellt werden. Es gibt also auch hier noch weitere Bedürfnisse, die als Handlungsmotivation dienen. Allgemein werden alle diese mit phyischen Bedürfnissen nicht erklärbaren Handlungen dem psychischen Wohlbefinden des einzelnen Menschen dienen. Die Befriedigung physischer Bedürfnisse kann die Sorge um die Zukunft mindern und ist so sicher ein erster Schritt dazu. Damit verknüpft ist das Zusammenleben mit anderen Menschen. Eine Gemeinschaft, sei es Familie, Freundeskreis, Verein oder Firmenbelegschaft, bietet nicht nur körperlichen Schutz, sie gibt auch psychische Geborgenheit: In einem Kreis von Gleichgesinnten kann der einzelne Mensch geistigen Anreiz und Belohnung erhalten, er bekommt Aufgaben, deren Lösung ihm (neben Bezahlung im Beruf) auch geistige Befriedigung bringt. Lob und Anerkennung zu erhalten, bringen dann nicht materielle Vorteile gegenüber Konkurrenten, sondern persönliche Zufriedenheit. Dazu kommt das im vorigen Kapitel schon erwähnte Bedürfnis nach Liebe. Solche psychischen Bedürfnisse stellen auch Meadows et al. fest: »Menschen brauchen (…) Respekt und das Gefühl attraktiv, zu wirken, nicht nur äußerlich. Sie brauchen Anregung und Abwechslung. Sie benötigen (…) das Gefühl, etwas Wichtiges mit ihrem Leben anfangen zu können. Menschen brauchen Identität, Gemeinschaft, Anreize und Anerkennung, auch Liebe und Spaß.« Für den im Beispiel erwähnten Musiker ohne Publikum ist die Musik identitätsstiftend, beim Konzert erhält er dagegen die Anerkennung der Zuschauer. Auch das Gewähren von Anerkennung scheint ein Bedürfnis zu sein: Die Fans verehren »ihr« Idol, was selbstverständlich nicht auf den Bereich der Musik beschränkt bleibt, manche sogar bis zur völligen Aufgabe des eigenen Denkens. Sie suchen in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und dem Idol eine geistige »Heimat«, vielleicht auch geistige Führung, im weitesten Sinne ist das als Wunsch nach psychischer Geborgenheit zu verstehen. Es wird deutlich, daß das Bedürfnis nach Schutz nicht nur physisch als Schutz vor Witterung oder Freßfeinden besteht, sondern auch weit in den Bereich der psychischen Bedürfnisse hineinragt. Die Unterscheidung in physischen und psychische Aspekte ist wichtig, weil in der nachhaltigen Gesellschaft die physischen Bedürfnisse materiell, die psychischen jedoch immateriell befriedigt werden sollen. Gerade der Versuch, psychische Bedürfnisse materiell zu befriedigen, führt ja zum Materialismus (vgl. Kapitel 1). Bei der Betrachtung des menschlichen Zusammenlebens fällt auf, daß Religionen besonders geeignet zu sein scheinen, um die geschilderten psychischen Bedürfnisse zu befriedigen. Im folgenden Abschnitt wird geschildert, wie Religionen damit zur Nachhaltigkeit beitragen können. Verweise:Quellen:Glossar:[ Materialismus ] [ Nachhaltigkeit ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |