SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 2.3.2 Religion verknüpft die BedürfnisseIn nichtsäkularen Gesellschaften durchdringt die Religion das gesamte Leben. Aus ihr werden Regeln und Rituale für die Gemeinschaft abgeleitet. Dabei gibt es immer mindestens ein höheres Wesen, dem der Mensch potentiell unterlegen ist: »Religion ist die achtungsvolle Bezugnahme zum Transzendenten« (Stamm: Vorlesung Ökologie des Menschen, WS 1997/98, Universität Lüneburg). Mit ihr kann auch für den westlichen Wissenschaftler Irrationales erklärt werden, es erhält seinen Platz im täglichen Leben. Viele der aus Religionen abgeleiteten Vorschriften sind aber ganz rationaler Natur, z. B. Hygienevorschriften. So verbinden sich rationales und irrationales Wissen zu einem Weltbild, das vorgibt, in welcher Weise die Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen. Ein wichtiger Bestandteil der Religion ist der Umgang mit dem Tod: Der Mensch kann in die Zukunft denken, planen und Vorsorge treffen, er kann dem körperlichen Tod aber nicht ausweichen. Die Art und Weise, mit dem Tod umzugehen, kann das Handeln des Menschen beeinflussen, etwas wie ein Lebensziel oder -zweck, vielleicht das »Wichtige« aus dem Meadows-Zitat steht dahinter: Glaubt ein Mensch an eine Wiedergeburt in dieser Welt, so wird er mit ihr verantwortlicher umgehen als jemand, der in eine andere Welt (z. B. das christliche Himmelreich) kommen kann. Der wiederum wird sich aber rücksichtsvoll verhalten, wenn seine Gottheit es ihm vorgibt.[ 3 ] Auch das ganz alltägliche Verhalten des Menschen wird durch religiöse Regeln (z. B. Tabus) bestimmt. Sind die Strafen für Vergehen nicht menschengemacht, bleiben sie bis zu ihrem Eintritt unbestimmt. Es könnten z. B. Krankheiten auftreten (Kapitel 3.2) oder die ganze Sippe ist bedroht (Kapitel 3.3). Das Risiko, daß der Mensch bei einem Vergehen eingeht, ist also nur schwer abschätzbar. Der ausgeübte psychische Druck ist stärker als in der säkularen Gesellschaft, in der es Beschränkungen durch rein weltliche Gesetze gibt. Gleichzeitig bietet die Religion Gelegenheit, psychische Bedürfnisse nach Anreiz und auch Anerkennung auf nichtmaterielle Art zu befriedigen. Menschen werden durch Rituale in ihre Gesellschaft und natürliche Umwelt eingebunden. Religion gibt dem Menschen so Trost, Halt und Sicherheit, wirkt als Kitt der Gesellschaft und gibt dort, wo sie jedem Individuum den direkten Kontakt mit dem Transzendenten ermöglicht, Gelegenheit zur Selbsterkenntnis und zum Umgehen mit eigenen Ängsten und Problemen und somit zur freieren Entfaltung, als es in der materialistischen Gesellschaft je möglich wäre. Besonders die naturnahen Völker folgen Religionen, die in der beschriebenen Weise das Leben prägen. Eine besondere Rolle spielen dabei Initiationsrituale, bei denen die Menschen in einen neuen Abschnitt ihres Lebens eingeführt werden (z. B. Geschlechtsreife und Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen). Diese Feiern sind religiös begründet und verbinden den Initianden mit seiner Gemeinschaft und seiner Umwelt. Gehört das Erleben veränderter Bewußtseinszustände durch Trancerituale zur Initiation, so wird das vermittelte Wissen ganz besonders deutlich, denn der Initiand nimmt dabei Kontakt zum Transzendenten auf, er kommuniziert direkt mit den Göttern, was ihm Regeln und Sinn von Ritualen besonders deutlich aufzeigt. Die Religionen solcher naturnahen Völker regeln die Beziehung zur natürlichen Umwelt, Naturgewalten werden als Ausdruck göttlicher Kraft angesehen und bestimmte Tiere und Pflanzen selbst als göttlich verehrt. Daraus erwächst ein rücksichtsvoller Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen, der Zustand der Nachhaltigkeit wird erreicht. Einige Religionen halten diesen Zustand restriktiv aufrecht: Jegliches Verändernwollen des status quo gilt zum Beispiel bei den Lakandonen (Kapitel 4.1) bereits als Bewußtseinsstörung, die auch der Betroffene als unangenehm empfindet. Generell ist der Einzelne aber mit seinem Zustand zufrieden, alle seine Bedürfnisse sind schließlich befriedigt. Die komplexen Weltbilder der naturnahen Völker mit ihren alltagstauglichen Religionen haben die Menschen und ihre Kultur in einer technisch zwar einfachen, geistig aber umso komplexeren Situation erhalten. Es wird kaum noch in Frage gestellt, daß solche Weltbilder die frühesten und ersten der Menschen und ihre geistigen Fähigkeiten mithin dafür ausgelegt gewesen sind (Findeisen/Gehrts 1983, Eliade 1984). In der westlichen, säkularen Zivilisation dagegen ist das Überleben in dem Sinne viel einfacher geworden, daß das Leben des einzelnen nicht mehr ständig bedroht ist: Von seinem natürlichen Lebensraum inzwgeworden. [ 4 ] Indes scheint der gesellschaftliche Rahmen der ischen entfremdet, ist eine Anpassung des Menschen in körperlicher und geistiger Hinsicht an seine neue Umgebung notwendig westlichen Zivilisation den menschlichen Geist in einer nachteiligen Weise gefördert zu haben: Anstatt sinnvoller Kooperation herrscht in neoliberal ausgerichteten Marktwirtschaften teilweise Konkurrenz bis zur (Selbst-)zerstörung. Und (fast) alle machen mit. Von einer Nutzung des Verstandes, die sowohl der Gesellschaft als auch dem einzelnen Menschen zugute kommt, ist derzeit nicht zu sprechen. Die bei den naturnahen Völkern den Alltag prägende Rolle der Religion gibt es nicht mehr, und die Möglichkeit, psychische Bedürfnisse über Religion zu befriedigen, bleibt nur am Rande der Gesellschaft bestehen. Auch die gläubigen Menschen werden durch das vorherrschende materialistische Streben beeinflußt oder rechtfertigen es sogar durch den Glauben selbst. [ 5 ] Es wird, wie bereits beschrieben, versucht, psychische Bedürfnisse materiell zu befriedigen. Menschen, die einen anderen Weg gefunden haben, werden belächelt oder gar ausgelacht. Sie haben aber das »Wichtige«, von dem Meadows schreibt, ganz einfach anders definiert, vielleicht als Verbesserung eines künstlerischen Talents, einige stellen sich damit außerhalb der Gesellschaft (»Aussteiger«), andere vollbringen Spitzenleistungen und werden bewundert. Eine aus der jetzigen westlichen Zivilisation hervorgehende nachhaltige Gesellschaft könnte versuchen, von den naturnahen Völkern zu lernen. Das bedeutet nicht, daß man ihre Lebensweisen kopiert, der westliche Mensch lebt ja in einer ganz anderen Umwelt. Trotzdem sind gerade die Kulturen, die mit veränderten Bewußtseinzständen arbeiten, interessant, weil ihre objektive Realität viel größer ist als die der westlichen Naturwissenschaften. Für den westlichen Menschen Irrationales wird verstanden und sogar genutzt, um mit der Natur zu kommunizieren. Eine religiöse Praxis, mit der das erreicht wird, ist der Schamanismus. In den folgenden zwei Kapiteln wird gezeigt, wie die Menschen schamanisch geprägter Kulturen mit der Natur zusammenleben und ihre Bedürfnisse befriedigen. Dabei werden Beispiele aus zwei großen kulturellen Gebieten, dem arktischen und subarktischen Raum sowie Lateinamerika, geschildert. Verweise:[ 3.3 Der Schamane als Jagdhelfer ] [ 4.1 Die Lakandonen in Südmexiko ] Quellen:[ Eliade 1984 ] Glossar:[ Irrationalität ] [ Materialismus ] [ Nachhaltigkeit ] [ naturnah ] [ Rationalität ] [ Schamanismus ] Fußnoten:[3] Wer dagegen meint, sich mit einer Endlichkeit des Daseins arrangieren zu müssen, könnte eher darauf verfallen, das Leben rücksichtslos und materiell zu genießen, falls nicht der Hinweis auf die Zukunft seiner Kinder ein nachhaltiges Verhalten hervorruft. [4] Die körperliche Anpassung wird man wohl der Evolution überlassen müssen. Bewußt gesunde Ernährung, Haltungsgymnastik und andere Maßnahmen können aber physische Zivilisationsleiden lindern. [5] Hier sei der Calvinismus erwähnt, in dem materieller Wohlstand als Gnade Gottes gesehen wird (die für das Himmelreich Bestimmten erkenne man am wirtschaftlichen Erfolg). zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |