SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 3. Schamanismus im arktischen und subarktischen RaumDie ursprünglichen Kulturen des (sub-)arktischen Raums und Teilen Lateinamerikas sind vom Schamanismus geprägt. Schamanismus bezeichnet dabei keine Religion, sondern meint vielmehr eine religiöse Praxis, mit der die Menschen mit ihren Geistern und Göttern kommunizieren und sogar mit ihnen in Interaktion treten können. Dieser Praktik liegt ein Weltbild zugrunde, in dem nicht nur die real erfahrbare Welt existiert. Es gibt darüberhinaus noch einige Parallelwelten, Geistwelten, die von Göttern, Natur- und auch Ahnengeistern bewohnt werden. Zu diesen Wesen können die Menschen, meist speziell erfahrene, über veränderte Bewußtseinszustände Kontakt aufnehmen und diese anderen Welten sogar bereisen. Von den dort lebenden Wesen können sie Hilfe für das diesseitige Leben bekommen, sie können aber auch gezwungen sein, jene Wesen zu bekämpfen. Im engeren Sinne bezeichnet man als Schamanismus die nordeurasische Ausprägung dieses Phänomens, dessen Kennzeichen nachfolgend beschrieben werden. Elemente des nordeurasischen Schamanismus können fast weltweit [ 6 ] gefunden werden, so daß man auch in anderen Kulturen anderer Räume (z. B. Lateinamerika, Kapitel 4) von Schamanismus im weiteren Sinne sprechen kann. Dieser typisch nordeurasische Schamanismus ist von Nordskandinavien über Nordrußland und ganz Sibirien verbreitet gewesen. Die Unterschiede zwischen den Kulturen der einzelnen Völker können sehr groß sein; die folgenden Schilderungen versuchen, einen Querschnitt zu geben, im wesentlichen gestützt auf Findeisen/Gehrts (1983) und Eliade (1994). Die meisten sibirischen Völker sind ursprünglich Nomaden oder Halbnomaden, oft leben sie als Jäger-Sammler-Gesellschaften, wobei Viehhaltung, besonders auch Rentierzucht, ebenfalls eine wichtige Rolle einnehmen kann. Mit dieser Kultur sind sie streng dem jahreszeitlichen Rhythmus der Natur unterworfen und müssen sich irgendwie mit ihr arrangieren. Meistens leben diese Völker in Sippen zusammen, in denen der Ältestenrat die Entscheidungen trifft. Der Schamane, der mit den Göttern kommunizieren kann und ihren Willen übermittelt, spielt bei den Entscheidungsfindungen eine wichtige Rolle, ist aber weder alleiniger Führer noch in der Sippe besonders hochgestellt. Im Gegenteil: Sippenmitglieder empfinden oft eine Scheu vor den in ihren Augen heiligen Männern. Dadurch können Schamanen zu Außernseitern ihrer Gesellschaft werden. Sie haben aber dieselben Alltagspflichten wie alle anderen und nehmen ihr Schamanenamt nur zusätzlich wahr. In der Regel werden Schamanen durch ungewollte Initiation berufen: Während der Pubertät treten ein oder mehrere nicht absichtlich herbeigeführte Trancezustände auf, die durchaus mehrere Tage anhalten können. Während dieser Zustände erlebt der junge Initiand, wie sein Körper von den Geistern zerstückelt wird. Sein Fleisch wird verzehrt, und nur die Geister, die von seinem Fleisch gegessen haben, können später von dem Schamanen beeinflußt werden. Der Zerstückelte wird in einer anderen Welt wiedergeboren, dabei üben Tiere (ein brütender Vogel, Rentierkuh) die Mutterrolle aus. Der Schamane kann später auf die Hilfe dieser Tiergeister zählen; sie werden seine Hilfsgeister. Wird der Schamane in einem Ei ausgebrütet, so geschieht dies oft im Weltenbaum, der später als Verbindungsleiter zwischen den Welten dient. Nicht nur Tier- oder andere Naturgeister können zu Hilfsgeistern werden, auch die Seelen Verstorbener zählen dazu, z. B. Seelen früherer Schamanen der eigenen Familie: Häufig wird das Schamanentum regelrecht vererbt, der junge Initiand wird von der Seele eines verstorbenen Schamanen in der Familie oder dessen ehemaligen Hilfsgeistern berufen und geleitet. Da oft also eine Familientradition hinter der Berufung steht, ist es für den Initianden schwierig, wenn nicht unmöglich, sich zu wehren, er würde auch Gefahr laufen, krank zu werden oder geistige Schäden davonzutragen als Strafe der Geister. Der initiierte Schamane lernt von den Geistern oder von einem älteren Schamanen, sich mit einer Trommel in Trance zu versetzen oder Geister herbeizurufen. Die Trommel dient dabei als Reitpferd des Schamanen in den anderen Welten (es gibt nicht nur eine Geistwelt, sondern je nach Kultur, drei, fünf, sieben bis über zwanzig), er reitet gleichsam auf ihr oder auf ihrem Klang. [ 7 ] Die Trommel zeigt häufig auch Abbildungen der Welten und der Geister, genauso wie auf der speziellen Schamanentracht Hilfsgeister dargestellt werden. Bei einigen Völkern hat die Trennung in Ober- und Unterwelten eine wichtige Bedeutung: Während in der Oberwelt den Menschen wohlgesonnene, aber passive Götter wohnen, leben in der Unterwelt Geister, die sich mehr für den Menschen interessieren, ihm aber auch schaden können. Es gibt dabei keine Trennung zwischen »gut« und »böse«, denn auch die Geister der Unterwelt(en) sind zu besänftigen und können den Menschen Segen bringen. Es gibt sowohl Schamanen, die sich in beiden Welten auskennen (»schwarzweiße Schamanen«) als auch solche, die nur eine der beiden »Weltengruppen« bereisen. Diese nennt man dann weiße (bereisen die Oberwelt) oder schwarze (bereisen die Unterwelt) Schamanen. Die schwarzen Schamanen sind dabei nicht sehr beliebt, aber sie sind für die entsprechenden Völker unerläßlich, da nur sie in ihren Sitzungen mit den Unterweltsgeistern umgehen können. Eine schamanische Sitzung findet in der Regel nachts statt, auch das Feuer im Zelt ist erloschen. In einer Einstimmungsphase ruft der Schamane Geister herbei. Hören sie ihn und folgen ihm, dann kann er direkt, ohne tiefere Trance, mit ihnen kommunizieren. Klappt das nicht, so kann der Schamane in die anderen Welten reisen und dort z. B. geraubte Seelen seiner Sippe befreien (der Seelenraub ist für Krankheiten verantwortlich) oder mit höheren Göttern sprechen. Es kann, wie schon erwähnt, zum Kampf kommen und der Schamane muß alle seine Hilfsgeister aufbieten. Kehrt er zurück, so ist vielleicht der Kranke schon geheilt oder aber der Schamane bringt Vorschriften für die Sippe mit, z. B. über Jagdzeiten. Der Schamanismus bei den Inuit, die die nördlichen Küsten Ostsibiriens und Nordamerikas (einschließlich Grönlands) bewohnen, ist in der Ausstattung wesentlich einfacher: Inuit-Schamanen sind in der Lage, sich durch bloße Konzentration in Trance zu versetzen. Auch Tod und Wiedergeburt bei der Initiation laufen anders ab: Die Initianden, die meistens von einem alten Schamanen ausgewählt werden, müssen sich soweit von ihrem Körper trennen, daß sie ihr Skelett vor sich sehen können. Merkur (1992) beschreibt, daß Visionen und Tranceerlebnisse auch bei religiösen Laien häufig sind. Diese Erlebnisse sind aber in der Regel nicht so intensiv wie bei den Schamanen. Nicht nur für die Inuit, sondern ganz allgemein kann der Versuch, solche veränderten Bewußtseinszustände zu klassifizieren, hilfreich sein, besonders, weil Begriffe wie »Trance«, »Ekstase« oder »Vision« oft unterschiedlich gebraucht werden. Veränderte Bewußtseinszustände lassen sich durch drei Eigenschaften beschreiben (eigener Vorschlag):
Zwischen diesen drei Eigenschaften sind alle Kombinationen denkbar. Der Begriff »Trance« steht für einen veränderten Bewußtseinszustand, in dem die Sinneswahrnehmung und Körperbeherrschbarkeit herabgesetzt sind. Sie kann ruhig oder lebhaft ablaufen, es muß aber nicht zu Reisen in andere Welten kommen. »Ekstase« ist eine Form der Trance, bei der der Schamane »aus sich heraustritt«, also eine Reise in andere Welten begeht oder ohne seinen Körper in der diesseitigen Welt umherstreift. Sehr mächtige Schamanen können sogar in der Realwelt über weite Entfernungen auf Lebewesen oder Gegenstände einwirken. Eine Vision dagegen bleibt ganz auf das Schauen beschränkt. Der »Visionär« (nicht nur Schamanen, auch Laien) kann dabei ganz in der Realwelt bleiben, z. B. eine Geistwahrnehmung haben, ohne die eigene Beherrschung zu verlieren, er kann aber auch in eine andere Welt schauen wie die mazatekische Schamanin in Kapitel 4.3. Schamanen kennen eine ganze Reihe der beschriebenen Zustände und wissen, wie sie die entstehenden Möglichkeiten zum Wohl ihrer Sippe nutzen können. Ganz und gar egoistische Handlungsmotive sind eher selten, da die Geister den Schamanen bestrafen können. Trotzdem ist dieses hochkomplexe System von der westlichen Wissenschaft lange nicht ernst genommen worden, nach früherer Meinung gelten die Schamanen entweder als herrschsüchtige Scharlatane oder als Verrückte. Auch die These, die langen Polarnächte schlügen den Menschen aufs Gemüt, ist vertreten worden (zitiert in Eliade 1994). Tatsächlich mutet das Bild von Geistwelten für viele westliche Wissenschaftler absurd an, aber vielleicht ist das schamanische Prinzip schon weiter als die westliche Naturwissenschaft, die ja selbst in »ihrem« Wirkungsfeld, der vierdimensionalen Raumzeit, noch längst nicht alles verstanden und erklärt hat. Der Schamane jedoch kann in andere Räume reisen, er erreicht damit eine Beherrschung von oder zumindest das Wissen um mehr Dimensionen als der westliche Wissenschaftler. Für den Schamanen sind diese Welten und ihre Bewohner real, und manches, was im Westen als »Zufall« oder »Wunder« unverständlich bleibt, könnte mit Hilfe schamanischer Wissenschaft verstanden werden. Mit ihren schamanischen Weltbildern und Praktiken haben die sibirischen Völker sehr lange, wahrscheinlich jahrtausendelang, überlebt, sie können ihre Krankheiten heilen, sie zerstören die Lebensgrundlagen nicht. Damit erfüllen sie tatsächlich die Nachhaltigkeitskriterien und sind in dieser Hinsicht der westlichen Zivilisation überlegen. Allerdings sind die Schamanen nicht mächtig genung gewesen, um das Vordringen der technologisch stärkeren westlichen Zivilisation aufzuhalten, die schamanischen Kulturen sind in den letzten Jahrhunderten weitgehend zerstört worden. Anhand von drei Beispielen soll verdeutlicht werden, wie Schamanen mit den Geistern und Göttern kommunizieren und mit dem Erfahrenen auf das Verhalten ihrer Gesellschaft einwirken. Bei diesen Erlebnissen spielen Naturgeister eine wichtige Rolle, die (ganz eigennützig) die Menschen zu einem positiven, naturbewahrenden, Verhalten bewegen. Dabei werden oft Ratschläge überbracht, die sich auf das Zusammenleben der Menschen beziehen. Erst auf den zweiten Blick werden die Auswirkungen auf die natürliche Umwelt deutlich. Verweise:[ 4. Schamanismus in Lateinamerika ] [ 4.3 Pilzschamanismus in Südmexiko ] [ Fallstudie: Die samische Kultur ] [ Zum Naturverständnis der samischen Kultur ] Quellen:[ Eliade 1994 ] [ Goodman s. a. ] [ Merkur 1992 ] [ Müller 1997 ] Glossar:[ Schamanismus ] Fußnoten:[6] Wichtigste Ausnahme: Afrika, vgl. Müller 1997 [7] Hierfür gibt es einen naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz: Bei Tranceerlebnissen gibt es im Gehirn soge-nannte theta-Wellen. Trommelschläge in einem Tempo von etwa 200 Schlägen pro Minute lassen im Gehirn die (normale) beta-Welle in eine theta-Welle umschlagen (vgl. Goodman). zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |