SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 3.1 Soziales Zusammenleben und Umweltbeeinflussung in SibirienDer folgende Abschnitt »Séance am Felsenkap« ist vom Verfasser stark zusammengefaßt worden. Das Original ist zwar als Dichtung veröffentlicht worden, doch ist Findeisen der Meinung, daß der Erzähler, der Asienforscher W. G. Borgoras, die Erzählung tatsächlich so erlebt hat oder mindestens haben könnte, darum wird sie hier als Beispiel herangezogen: Der Schamane Ukwun beginnt, mit der Trommel zu schamanisieren. Angefeuert von den Zuschauern singt er, bekommt aber keine Antwort. Er geht über zu Beschwörungen und ruft die Geister der Fische, des Blitzes, der Finsternis, des Meeres. Endlich fährt ein Wind durch das Rauchloch in das Zelt, der Schamane ruft die Sonne an, die Geister der Dämmerung und der Morgenröte. Dabei trommelt er immer weiter. Er beschwört Walroß und Eule. Ein Geist beginnt, in unbekannter Sprache zu reden, daher ruft Ukwun einen Dolmetschergeist. So verstehen die Teilnehmer der Séance den Geist der Barmherzigkeit, der zu Frieden und gerechter Teilung der Nahrung ermahnt. Offensichtlich hatte es Streit mit einem Nachbarzelt oder einer Nachbarsippe gegeben. Der Kaufmann Kitelkut hält den Geist wegen dieser Anweisung für den Hausgeist des anderen Zeltes, er hat keine Lust, die Beute zu teilen. Die Geister sind beleidigt und schweigen. Ukwun hat Angst, daß sie ihren Zorn an ihm auslassen, so beschwört er sie erfolglos weiter. Ein neuer Gesang fällt ein: Nuwat, ein anderer Schamane, übernimmt die Trommel und beginnt gleich mit den Beschwörungen. Er beschreibt den Nachen, mit dem er durch das Jenseits reist und fällt schließlich in Trance, liegt nur noch reglos da. Kitelkut befiehlt, Licht zu machen, damit man rauchen kann, Ukwun wirft dem Jenseitsreisenden ein Tuch über den Kopf, damit man sein Gesicht nicht sieht. Als Nuwats Seele zurückkehrt, muß schnell das Licht gelöscht werden. Dem Schamanen wird eine angerauchte Pfeife gereicht, die ihn schneller wieder in diese Welt zurückbringt. Er feiert seine Rückkehr mit Trommeln und beschreibt euphorisch seine Reise: Er schwebt in seinem Kahn über der Welt und sieht verschiedene Geister und Seelen von Verstorbenen. Er sieht aufgeschlitzte Rentiere und Erdrosselte. Plötzlich hat er eine Vision in dieser Welt: er sieht Blut an den Hauspfosten. Alle sind aufgeregt und stürmen hinaus, können aber nichts entdecken. Weiter berichtet Nuwat, daß er den Windmacher getroffen hat. Er ist durch ein Hundeopfer zu besänftigen. Die Zeremonie ist zuende. Die Prophezeiung erfüllt sich, als später Kitelkut samt Familie von Jajak ermordet wird. In dieser kurzen Episode sind drei Begebenheiten bemerkenswert. Da ist einmal die Ermahnung zur gerechten Verteilung der Lebensmittel und zum friedlichen Umgang miteinander. Diese Ermahnung wird der Sippe sehr eindrucksvoll überbracht, es ist sogar ein Dolmetschergeist notwendig, um die Botschaft verständlich zu machen. Diese ganz allgemeine Mahnung folgt wohl einem konkreten Streitfall und soll die Menschen so wieder auf einen »vernünftigen« Weg zurückführen. Kritiker mögen anmerken, daß eine solch allgemeine Regel nicht von Geistern überbracht werden muß, der Schamane als (meist) Weisester der Sippe könnte diese Séance auch inszeniert haben. Ob er in tatsächlich existierende andere Welten reist oder tatsächliche Geister herbeiruft, oder aber das ganze nur spielt, ist allerdings unerheblich, solange die Leute ihm glauben und die Botschaften befolgen. Tatsächlich können Schamanen, die nicht mehr im Dienst der Sippe handeln oder keinen Erfolg mehr haben, auch verstoßen werden, oder, schlimmer, sie werden von den Geistern bestraft und werden wahnsinnig. Das Bild vom machtgierigen Beherrscher seiner Sippe muß für den Schamanen als nicht evident gelten, da er selbst in seinem Glaubenssystem nur ein Mittler, kein Herr ist (es mag allerdings, wie überall, auch unter den Schamanen schwarze Schafe beziehungsweise schwarze Magier geben, die den Menschen schaden wollen). Gelegentliches Vortäuschen und Tricksereien können durchaus zulässig sein, der Schamane muß nicht alles aus tiefer Trance herausholen, er setzt sich ja mit jeder Jenseitsreise auch einer gewissen Gefahr aus, durch feindliche Geister schaden zu leiden. Seiner Sippe zu helfen und zu heilen ist seine Aufgabe, allein der Erfolg zählt. In dem genannten Beispiel hat Ukwun aber nur begrenzt Erfolg, weil sich ein Sippenmitglied, Kitelkut, dem Willen der Geister (nicht: des Schamanen) widersetzt. Käme Kitelkut damit durch, so wäre die Fähigkeit des Schamanen Ukwun ernsthaft in Frage gestellt und das Zusammenleben der Sippen empfindlich gestört, was nicht nur gesellschaftliche, sondern auch ökologische Auswirkungen haben könnte, denn die andere Sippe müßte noch zusätzlich jagen gehen, während die eigene im Überfluß schwelgt. Im Originaldokument wird kein Zusammenhang zwischen Kitelkuts Unmut und seiner Ermordung hergestellt, es ist aber durchaus denkbar, daß die Geister hier ihren Zorn nicht an dem Schamanen auslassen, sondern an dem Kaufmann selber, und so für den Tod seiner Familie sorgen. Dies allerdings kann nur als These stehenbleiben, jedoch sind harte Strafen für Vergehen im Schamanismus nichts Ungewöhnliches, man denke nur an das Ausbleiben der Jagdtiere bei Tabuverletzungen (Kapitel 3.3), das ganze Stämme bedrohen kann. Als drittes ist die Forderung des Windgeistes nach einem Opfer bemerkenswert, da hier die natürliche Umwelt beeinflußt werden soll. Über den Erfolg des Opfers wird leider nichts gesagt. Tatsächlich gibt es aber solche Wetterbeeinflussungen, mit denen der Schamane regionale Bedingungen zu verbessern versucht. Im Gegensatz zur westlichen Zivilisation, die unabsichtlich ihr Klima verändert und nichtabsehbare Folgen verursacht, zerstört die Beeinflussung der Elemente durch den Schamanen nicht das System, in dem er lebt. Letztlich unterliegt er ja noch der Kontrolle der Geister, die gegebenenfalls nicht auf seine Beschwörungen eingehen werden. Verweise:[ 3.3 Der Schamane als Jagdhelfer ] Quellen:zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |