SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 3.2 Krankheit als Strafe für FehlverhaltenDie folgende Schilderung handelt von den Inuit. Eine kranke Frau wird vom Schamanen dazu gebracht, ihre Tabubrüche zu beichten, um dann möglicherweise geheilt zu werden. Die Passagen, ursprünglich von Knud Rasmussen, sind Merkur (1992) entnommen, vom Verfasser ins Deutsche übersetzt und zusammengefaßt worden: Die Frau Nanoraq ist sehr krank, sie kann kaum mehr stehen und hat Schmerzen am ganzen Körper. Die Bewohner des Dorfes werden zusammengerufen und Angutingmarik, der Schamane beginnt eine Séance, in der er einen seiner Hilfsgeister anruft. Zunächst fragt er, ob er selbst oder seine Frau vielleicht durch ein Fehlverhalten an der Krankheit Schuld sind. Schnell beginnt aber die Kranke zu gestehen, daß sie fehlgehandelt hat. Das erste gebrochene Tabu ist eine Pfeife, die Nanoraq geraucht hat, als sie es nicht hätte dürfen. Die Gemeinschaft bittet um Vergebung. Aber das reicht nicht: Der Schamane und sein Hilfsgeist sind nicht befriedigt, so kommt heraus, daß sie ein Stück rohes, gefrorenes Karibu-Fleisch gegessen hat, als es gerade Tabu war. Auch das kann vergeben werden. Aber sie hat noch mehr begangen: Sie hat an einer Harpune (wohl aus Knochen) gearbeitet, als sie gerade keine Tierprodukte berühren durfte. Auch dieser Tabubruch kann vergeben werden. Noch schwerer wiegt die nächste Sünde: Sie hatte im Herbst eine Fehlgeburt, die sie verheimlicht hat. Da dies eine sehr schwere Tabuverletzung darstellt, ist anzunehmen, daß eine Abtreibung gemeint ist. Trotzdem kann auch dieser Tabubruch vergeben werden. Der Schamane kann nichts mehr erkennen, ist aber von der Vollständigkeit der Beichte nicht überzeugt, also ruft er einen neuen Hilfsgeist, der nur unverständliche Zeichen sieht. Da sie nichts mehr zutage fördern, bleibt die Séance unbefriedigend: Sollte die Kranke nicht genesen, hat sie noch etwas verheimlicht. Eine Frau hat gegen verschiedene Regeln verstoßen. Sie wird krank. Allein in dieser Tatsache zeigt sich ein wesentliches Element schamanischer Prinzipien: Die Krankheit tritt als Strafe auf, es gibt keine materielle Kausalität wie z. B. Bakterien in der westlichen Medizin, statt dessen tritt das eigene Handeln als verantwortlich für das eigene Leiden in den Vordergrund. Wenn das Handeln eine Strafe verdient, ist Heilung wohl nur schwer möglich. Die gesamte Dorfbevölkerung bittet nach dem Geständnis um Gnade, der Prozeß ist urdemokratisch: Alle sind in die Aufklärung und den Heilungsversuch einbezogen. Es hat auch jeder ein berechtigtes Interesse daran, denn schließlich könnte der Zorn der Geister die ganze Sippe treffen. Das Rauchen der Pfeife mag als schwaches Vergehen eingeschätzt werden, das leicht vergeben werden kann. Das Essen von Karibu-Fleisch zur Tabu-Zeit ist schon strenger zu beurteilen. Steht hinter dem Tabu ein medizinischer Sinn, gefährdet die Frau vielleicht ihre Gesundheit. Damit gefährdet sie auch ihre Gemeinschaft, denn gerade die Inuit stehen in ihrem Lebensraum in einem sehr empfindlichen Gleichgewicht, das sogar durch aktive Bevölkerungskontrolle aufrechterhalten wird (s. u.). Niemand darf sich in so einer Situation leichtfertig selbst gefährden. Das Tabu könnte auch der Vorratshaltung dienen, das Karibu-Fleisch soll vielleicht für später aufgehoben werden, dann wäre das Vergehen Diebstahl an der Gemeinschaft gewesen und die Strafe zurecht erfolgt. Gerade bei dem gemeinschaftlichen Ritual erkennt jeder Teilnehmer, wie gefährlich es ist, so ein Tabu zu brechen: Der eigene Schaden (durch die Krankheit) ist sicher höher als der Nutzen (durch Genuß des Fleisches). Das Berühren tierischer Produkte ist das nächste, schwerere Vergehen. Die Frau Nanorak hat an einer Harpune gearbeitet. Der Hintergrund für dieses zeitlich auftretende Tabu könnten Hygienevorschriften sein: Die Inuitfrau soll während der Menstruation bestimmte Dinge, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, nicht berühren. Am schwersten wiegt auf jeden Fall die Fehlgeburt, vom Verfasser als Abtreibung interpretiert (eine bloße Fehlgeburt wäre wohl kein Tabubruch, sondern wiederum eine Strafe für begangene Sünden). Vielleicht ließ die Sprache von 1929 Rasmussen kein anderes Wort gebrauchen, oder es ist aus dem Dänischen ins Englische falsch übersetzt worden. Die Inuit kennen eine sehr fein regulierte Bevölkerungskontrolle, die auch streng ritualisierte Kindstötung oder den freiwilligen Tod alter Menschen enthält: Erkennen die Alten, daß bei Nahrungsknappheit das Überleben der Sippe in Frage steht, verlassen sie die Unterkunft und erfrieren im Freien. Für das Beispiel wichtiger ist die Tatsache, daß die Inuit-Männer eine geringere Lebenserwartung haben (u. a. durch Jagdunfälle). Um das Geschlechtergleichgewicht zu halten, müssen manchmal neugeborene Mädchen getötet werden. Diese Praxis wird von der Religion insofern berührt, als daß ein Kind erst nach der Namensgebung als Mensch gilt, weil es erst dann eine »Namensseele« besitzt. [ 8 ] Ein Kind abzutreiben, das vielleicht ein Junge geworden wäre, ist eine Gefährdung des empfindlichen Gleichgewichts und damit eine Gefährdung der Gemeinschaft, der ein möglicher Jäger vorenthalten wird. Die Frau hat wohl gewußt, was sie tat, und nach westlicher Lesart kann ihre Krankheit psychisch, durch ihr schlechtes Gewissen, hervorgerufen sein. Bei soviel Tabubrüchen befürchtet der Schamane zu Recht, daß noch mehr vorliegen könnte, aber es ist kein Geständnis mehr zu bekommen, also zieht er sich auf ein unbestimmtes Bild zurück, daß ihm der Hilfsgeist übermittelt: Wird die Frau nicht gesund, so hat sie wohl nicht alles gebeichtet oder die Geister vergeben ihr nicht mehr. Der Schamane hat das Glück, daß er nicht persönlich die Folgen des Fehlverhaltens der Sippenmitglieder tragen muß, wie es im ersten Beispiel befürchtet wird. Der Vollständigkeit halber sei angeführt, daß Merkur sich mit der Herkunft des Wissens des Schamanen auseinandersetzt: Er stellt heraus, daß der Schamane durch Dorfklatsch gut informiert ist und den Menschen oft ihre Sünden auf den Kopf zusagen kann, eine tiefe Trance, die Merkur bei anderen Beispielen auch beschreibt, ist nicht notwendig. Wenn der Schamane allerdings bei so kleinen Spielereien keinen Erfolg hat, zieht er sich auf unbestimmte Formeln zurück, schiebt also die Schuld auf andere und entzieht sich der Verantwortung. Ob die Frau geheilt worden ist, ist nicht beschrieben. Es ist nicht so überragend wichtig, ob der Schamane trickst oder vielleicht wirklich von den Geistern keine Auskunft bekommt. Er kann beides, er beherrscht die Trance und kleine Tricksereien, und jede Reise in die andere Welt kann auch für ihn ein Risiko sein, das er durch Offenhalten von Augen und Ohren vermeiden kann. Deutlich ist geworden, daß Tabubrüche nicht von einem menschlichen Gericht bestraft werden, die Geister sorgen dafür und sind dabei sicher härter als ein westlicher Strafvollzug. Die Gemeinschaft nimmt teil an der Heilung und erfährt von den Vergehen. Für die Zukunft und für andere wird dadurch sicher Einsicht geschaffen und der einzelne Mensch wird bemüht sein, die Regeln zu beachten und zu befolgen. Quellen:[ Merkur 1992 ] Fußnoten:[8] Dem Verfasser ist bewußt, daß es in der Wissenschaft noch umstritten ist, ob die Kindstötung wirklich der aktiven Bevölkerungkontrolle dient. Hier wird der Interpretation von Prof. R. A. Stamm (in der Vorlesung »Ökologie des Menschen«, WS 1997/98, Uni Lüneburg) gefolgt (noch nicht veröffentlicht). zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |