SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 3.3 Der Schamane als JagdhelferAuch das nächste Beispiel stammt von den Inuit, hier ist wieder eine Zusammenfassung gegeben: Das Problem ist scheinbar simpel und doch sehr dramatisch: Das Jagdwild, in diesem Falle Robben, bleibt aus, der Sippe droht, Hunger zu leiden. Der Schamane muß, um dieses Problem zu lösen, eine Séance abhalten und die Götter und Geister um Hilfe bitten. Die Vergehen sind ähnlich wie im vorigen Beispiel: Abtreibungen können das empfindliche Gleichgewicht, in dem sich die Inuit-Gesellschaft befindet, stören; das Essen von gekochtem Fleisch kann den jeweiligen Menschen krankmachen, da nur rohes Fleisch die nötigen Vitamine enthält. In diesem Beispiel trifft die Strafe jedoch nicht den einzelnen Sünder, sondern gleich die ganze Sippe: Das wichtige Jagdwild bleibt aus. In dem Beispiel der Frau Nanoraq (Kapitel 3.2) ist noch ein halbwegs rationale Begründung der Krankheit möglich: Zweifler mögen ein psychosomatisches Leiden, ausgelöst durch ihr schlechtes Gewissen, anführen. Zwischen dem Ausbleiben des Jagdwildes und den Abtreibungen bzw. der falschen Ernährung läßt sich rational, also nach westlichen Maßstäben, kein kausaler Zusammenhang mehr herstellen. Hier muß die Erklärung des Schamanen gelten: Die Fehlhandlungen haben den Robben den Weg versperrt. Bindeglied zwischen Sünde und Strafe ist die Mutter der Robbe, sie kann die Sperre aufheben, wenn die Sünder reuig sind und Besserung geloben. Für den Sünder erscheinen seine Taten in ganz neuem Licht, denn sie bedrohen nicht nur ihn, sondern die ganze Sippe, so kann ihm auch seine soziale Verantwortung aufgezeigt werden. Auch werden die Menschen auf besondere Weise mit ihrer Umwelt verknüpft, denn sogar Taten, die eigentlich nur die eigene Gesellschaft, oder, im ökologischen Sinne, Population, betreffen, haben Auswirkungen auf andere Arten. Der Mensch ist eben nicht losgelöst von seiner natürlichen Umwelt, er muß vielmehr bei allen seinen Handlungen aufpassen und kann sich der Folgen nie ganz sicher sein. Die Verbindung zur natürlichen Umwelt ist somit komplexer und spiritueller als in der westlichen Welt, der Schamane ist einmal mehr derjenige, der solche Verbindungen pflegt. Ob Streit, Krankheit, Ausbleiben der Jagdbeute, der Schamane ist der Ratgeber für seine Sippe, oder besser: Ratvermittler, denn er ist zwar einer der Klügsten, der Kulturbewahrer seiner Sippe, doch vieles erfährt er von den Geistern, mit denen er kommuniziert. Es reicht nicht zu wissen, daß ein Kranker von einem Geist besessen ist; der Schamane muß auch erkennen, warum das so ist und wie er die Lage bessern kann. Die Ursachen hängen, würde ein Außenstehender sagen, scheinbar gar nicht mit den Folgen zusammen: Es gibt keinen rationalen Zusammenhang zwischen den Abtreibungen und dem Ausbleiben der Robben. Krankheit und Hunger als Folgen ökologischen oder sozialen Fehlverhaltens muß der Schamane erkennen und beseitigen, die Geister dazu bringen, Strafen aufzuheben und die Sippe zu unterstützen. Er mag durch seine Fähigkeiten auch viel ohne Trance und Jenseitsreisen erkennen, vieles trägt ihm vielleicht der Dorfklatsch zu, große Probleme müssen aber mit den Geistern gemeinsam gelöst werden. Mit dem Konzept des Schamanismus ist eine Ebene gefunden worden, auf der die Menschen direkt mit ihrer natürlichen Umwelt kommunizieren können. Die Elemente der Umwelt, seien es Tiere, Pflanzen oder Wetterelemente (Geist des Windes) bekommen eine Persönlichkeit und werden zu Partnern, Freunden oder zu (z. T.) übermächtigen Rivalen. So entsteht also eine Gemeinschaft nicht nur der Menschen untereinander sondern auch mit der Natur, was erheblich zur Ökostabilität dieser Kulturen beigetragen haben dürfte. Nur eines können die Schamanen nicht abwenden: Die Zerstörung ihrer Kultur durch die technisch überlegene westliche Zivilisation. Der Niedergang des Schamanismus ist aber auch in vielen Legenden vorhergesagt worden (Findeisen/Gehrts 1983). Quellen:[ Eliade 1984 ] Glossar:[ Ökostabilität ] [ Schamanismus ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |