SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.1.1 Das Weltbild der LakandonenDer Schöpfergott Hachäkyum, der aber nicht der Urgott ist, erdenkt sich das Aussehen der Erde und schafft danach fünf Welten: die feste Erde und vier verschiedene Himmel. Zählt man die Unterwelt seines Bruders und den Himmel der Urgötter hinzu, so ergeben sich sieben Schichten. Diese sieben Welten sind aus den schamanischen Konzepten Sibiriens wohlbekannt. [ 10 ] Hachäkyum baut sich im Zentrum der Welt ein Haus (der Ruinenort Yaxchilan), von dem er in einen der vier Himmel, nämlich seinen eigenen aufsteigen kann. Auch andere Götter bewohnen solche Ruinenorte, die ihnen allerdings als normale Palmwedelhütten erscheinen. Die Urahnen der Lakandonen können über die Häuser in den Himmel gelangen. Heute können die Lakandonen dies nicht mehr, auch »Hellsichtigkeit« wird den Menschen genommen. [ 11 ] Die Urahnen lernen von den Göttern, wie sie im Urwald zu leben haben: Hauskonstruktion, Jagdweisen und -tiere, Traumdeutung und Heilung sind Gegenstände dieser Kulturschaffung, die fortan in Mythen und Zaubersprüchen weitergegeben wird. [ 12 ] Bemerkenswert ist dabei, daß die Lakandonen keine besonderen Schamanen oder Magier kennen, sondern jeder das Wissen erwerben kann. Es gibt also lediglich eine Unterteilung in Mehr- und Weniger-Wissende. Die Beeinflussung von Seelen in anderen Welten als der realen ist trotz des Verlustes der Hellsichtigkeit möglich: Es existiert immer noch eine Wahrnehmung mit der Seele, sozusagen ein seelisches Schauen. Im Gegensatz zum westlichen Menschen gibt es also mindestens einen weiteren Sinn, der die Wahrnehmung in weiteren Dimensionen (Seelenwelten) ermöglicht. Dabei ist das Ergebnis der Wahrnehmung durchaus ein anderes als das, was man mit den Augen sieht, so hat z. B. eine Baumseele durchaus das Aussehen eines Menschen (für einen Menschen), obwohl ihn ein Nasenbär in seiner seelischen Wahrnehmung als Maispflanze sehen würde. Das Seelenbild ist sozusagen artspezifisch. So nehmen Singvögel die Greifvögel als Wildkatzen und den größten, den Harpien-Adler, als Himmlischen Jaguar war. Der Jaguar wird so zum Symbol für den größten Freßfeind der Art: Was der Jaguar für den Menschen, ist der Adler für die Vögel. Doch ist diese symbolhafte Deutung keine vollständige Abstraktion: In der Seelenwahrnehmung sehen die Vögel eine gefleckte Katze. Es ist eben eine Wahrnehmung in einer anderen Welt oder Dimension, die aber der realen Welt verbunden ist. Was auch immer in einer der Welten passiert, beeinflußt die anderen. Mit den Zaubersprüchen werden von den Lakandonen auch die Eigenschaften der Wesen in der anderen, der »Unsichtbaren Welt« beschrieben, so daß auf diese Art Einfluß zu nehmen ist und sich ein kleiner Rest der Hellsichtigkeit doch erhalten hat. Quellen:[ Rätsch 1985 ] Fußnoten:[10] Nach gängiger Meinung ist Amerika über die Beringstraße von Asien aus besiedelt worden. Die geschildertete und viele andere Gemeinsamkeiten amerikanischer und nordasiatischer Weltbilder legen die Vermutung nahe, daß diese Weltbilder schon damals die Menschen geleitet haben, also 15.000 Jahre und älter sind. [11] Berichte, daß der Kontakt zu Göttern früher einfacher gewesen ist, finden sich in vielen Weltbildern, so auch im Schamanismus einiger sibirischer Völker und sogar im Christentum. [12] Da die Götter in den Mayaruinen wohnen, könnten die Lakandonen tatsächlich Überlebende der Mayakultur sein oder aber von den Maya gelernt haben. Die Vergöttlichung realer historischer Personen mit Mythenbildung ist ebenfalls ein häufiges Konzept, was sich zum Beispiel bei den Kelten findet. Wie schnell sich die Mythen wandeln und anpassen können, zeigt sich im »Cargo-Kult« einiger Inselvölker im Pazifik, wo kurz nach dem zweiten Weltkrieg bereits japanische Soldaten den Ruf mächtiger Götter bekommen haben. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |