SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.1.3 Möglichkeiten der UmweltbeeinflussungGenerell ist die Auseinandersetzung mit der Umwelt von dem Leitgedanken geprägt: »Es ist so, wie es ist, die Götter haben es so gewollt«. Wie Hachäkyum die versehentliche Schöpfung der »Schädlinge« akzeptiert und toleriert, so akzeptieren die Lakandonen ihre Lebensbedingungen. Einfluß nehmen können sie danach nur über die Werkzeuge, die ihnen die Götter mitgegeben haben. Das einfachste Werkzeug ist das Gespräch: Ist das Bewußtsein eines Menschen z. B. durch Angstzustände gestört, so wird so lange darüber gesprochen, bis die Angst im wahrsten Sinne des Wortes weggelacht werden kann. Ebenso ist das Bewußtsein gestört oder »links«, wenn man über etwas nachdenkt, was man sowieso nicht ändern kann. Mit Gesprächen können viele der Bewußtseinsstörungen behoben werden. Handelt es sich aber um eine Aggression, so bedient man sich eines gedachten Zauberspruchs, um den Gesprächspartner zu besänftigen. Überhaupt sind Zaubersprüche ein sehr häufiges Mittel, um Krankheiten zu heilen oder Tiere, ob gefährliche Insekten oder Jagdbeute, zu beeinflussen. Sie können zwischen zwei und 386 Zeilen umfassen und werden aufgesagt, viel öfter aber nur gedacht (es ist ja auch sinnvoll, bei der Jagd nicht zu sprechen …). Zaubersprüche kann jeder erlernen, nur muß er bei vielen Sprüchen nach nur dreimaligem Hören in der Lage sein, den Zauber anzuwenden. Schafft er das nicht, so kann sich der Zauber gegen ihn kehren. Daher sind einige Zaubersprüche aufgegeben worden: Die Wahrscheinlichkeit, durch falsches Lernen Schaden zu nehmen, ist größer als die eines Schadens ohne Schutzzauber. Um Krankheiten zu heilen, werden manchmal auch Heilpflanzen benutzt. Eine größere Rolle spielen Pflanzen, die das Bewußtsein verändern. Das balche’-Ritual, das auch bei Initiationen Anwendung findet, ist wohl das wichtigste Ritual. In einem Kanu werden Zucker oder Honig mit Wasser und der Rinde des balche’-Baumes (Lonchocarpus violaceus) vergoren. Früher sind noch die Kröte Bufo marinus (cf. Kap. 4.1), deren Hautsekrete halluzinogen und aphrodisierend wirken, oder Bauerntabak (Nicotiana rustica) zugesetzt worden. Der unter Zaubersprüchen angesetzte Trank wird als Dankopfer oder als Wunschbekräftigung eingesetzt. Er wird, selbstverständlich auch von Zaubersprüchen begleitet, von der Dorfgemeinschaft literweise (bis zu 20 Liter pro Person (sic)) getrunken. Balche’ ist kein Halluzinogen: Es wirkt lediglich euphorisierend und schärft die Wahrnehmung. Starke Dosen wirken allerdings narkotisierend. Durch seine Wirkung unterstützt balche’ die Lakandonen in ihrem Bemühen, kranke Bewußtseinszustände wegzulachen. Auch aggressive Gefühle werden so abgebaut, besonders dadurch, daß der Trank gemeinsam eingenommen wird und die Streitenden sich gemeinsam erbrechen und Blase und Darm entleeren müssen. Nach dem Ritual fallen die Teilnehmer in einen traumlosen Schlaf, um daraus mit einem aufgeklarten Bewußtsein zu erwachen. Gemäß ihrem Welt- und Menschenbild ist damit auch das Bewußtsein des Himmels wieder aufgeklart. In früheren Zeiten soll der balche’-Trank allerdings eine weitaus stärkere Wirkung gehabt haben: Berauschte seien in der Lage gewesen, mit den Göttern zu sprechen. Dies könnte mit den erwähnten früheren Zutaten zusammenhängen. Verweise:Quellen:[ Rätsch 1985 ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |