SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.1.4 Zusammenfassung und BewertungDas Welt- und Menschenbild der Lakandonen ist mitverantwortlich für das Erreichen der Ökostabilität: Die Frage »Warum entwickeln sich die Lakandonen technologisch nicht weiter?« wird beantwortet mit »Weil jegliches Verändernwollen bereits als Bewußtseinsstörung gilt.« Hier ist also der Erhalt des status quo als oberstes Ziel tradiert, es ist gottgewollt und wer sich diesem Willen widersetzt, ist krank und wird kuriert. Das darf man aber nicht als Zwangsmaßnahme verstehen, wie sie unter Umständen in der westlichen Psychiatrie vorkommt: Der Betreffende fühlt sich selbst gestört und es wird versucht, mit Zaubersprüchen, Gesprächen oder balche’ darüber hinwegzukommen. Das balche’-Ritual wirkt als Sozialtherapie zur Überwindung von Aggressionen. [ 13 ] Eine Abtrennung des Menschen von der Natur gibt es nicht, er ist über das Bewußtsein fest mit seiner Umwelt verknüpft, das Abweichen von tradierten Verhaltensweisen führt zu ökologischen Katastrophen. Das Wissen darum läßt die Lakandonen ihren Lebensraum so erhalten, wie er ist. Folglich sind jegliche Veränderungen für den Erhalt der eigenen Art nicht notwendig sondern sogar gefährlich. Die Bewertung eines Weltmodells soll anhand seiner Zweckdienlichkeit, seiner Relevanz, erfolgen: Erfüllt das Weltmodell seinen Zweck, den Menschen bei der Befriedigung ihrer psychischen und physischen Bedürfnisse zu helfen und ihrer Gesellschaft dauerhaftes Überleben zu ermöglichen? Da Modelle und Paradigmen meist in sich schlüssig gestaltet sind, hilft hier der Vergleich mit anderen Weltbildern. Im Hinblick auf Ökostabilität und damit auch Arterhalt erweist sich das Weltbild der Lakandonen dem der westlichen Zivilisation als überlegen, zumindest solange die Lakandonen von menschlichen Einflüssen von außen unberührt bleiben, etwa durch Holzfäller. Das westliche Weltbild dagegen fördert die Ausbeutung der Natur und läßt auch trotz Wissen um drohende Ökokatastrophen Änderungen von Handlungsweisen nicht zwingend folgen. Auch wenn die westliche Wissenschaft die Existenz von Geistern leugnet, so kann sie nicht leugnen, daß darauf aufgebaute Weltsichten funktionieren: Die Menschen können danach leben, damit Krankheiten heilen und ihre Gesellschaft zusammenhalten. Da dieses Weltmodell seinen Zweck (Überleben ermöglichen) erfüllt, ist es also relevant. Umgekehrt hat die westliche Naturwissenschaft immer noch Schwierigkeiten, »übersinnliche« Phänomene oder psychische Aspekte einzuordnen, sie zu erklären oder damit umzugehen. Besonders deutlich wird das in der Medizin (Kapitel 5), wo die Einflüsse der Psyche auf Krankheiten und Schmerz allenfalls durch Vermutungen erklärt werden können. Die Lakandonen besitzen außerdem ein sehr hohes Maß an Demokratie, auch im Vergleich mit anderen naturnahen Völkern. Eine herrschende Kaste oder Priester oder Schamanen gibt es nicht. Jeder kann die Zauberkräfte lernen, auch Frauen genießen eine hohe Stellung als Geberinnen von Leben, sogar während der in anderen Kulturen als unrein betrachteten Menstruation: Dann haben sie besondere Heilkräfte. Wenn es allerdings keine Herrschaftsformen gibt, schließt es nicht aus, daß auf die Alten und/oder Weiseren mehr gehört wird. Von ihnen kann man schließlich die Zaubersprüche und ihre Anwendung lernen. Neben der Demokratie und der ausreichenden Befriedigung der physischen Grundbedürfnisse spielt aufgrund der Weltsicht auch die Psyche ein besondere Rolle. Dabei hilft, daß alle Aspekte menschlichen Daseins akzeptiert und toleriert werden. Mit dem Tod hat man sich arrangiert: Er ist kein Ende, sondern nur eine Umformung, denn Seelen und Geister leben weiter. Umgekehrt mag die in der westlichen Zivilisation meist gedachte Endlichkeit des Lebens zu übermäßigem Klammern an Materielles führen. Betrachtet der Lakandone die westliche Zivilisation, so wird er die beginnende Öko-Katastrophe als Folge des gestörten Bewußtseins sehen. Dies ist auch für den westlichen Wissenschaftler schlüssig: Weil der Mensch sich nicht mehr im Einklang mit der Natur fühlt und lebt, nimmt er keine Rücksicht; er ist an Zerstörung und Vernichtung schuld. Im sozialen Bereich funktioniert auch die mildeste Form der Problembewältigung, die Gesprächstherapie nicht mehr. Der Lakandone müßte zur Lösung Zaubersprüche oder gar Anwendung von balche’ empfehlen. Verweise:[ 5. Bewußtseinsveränderng in der modernen Welt ] Quellen:[ Rätsch 1985 ] Glossar:[ Ökostabilität ] Fußnoten:[13] Den Humanökologen müssen soziale Probleme und ihre Lösungen als Teil der Populationsökologie des Menschen interessieren. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |