SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.2 Die außerordentliche Pflanzenkenntnis südamerikanischer SchamanenIn den vorherigen Kapiteln sind mehrere Dinge deutlich geworden: Die Weltbilder der naturnahen Völker sind oft komplexer als das der westlichen Naturwissenschaften, denn in jenen Kulturen wird wie selbstverständlich mit veränderten Bewußtseinszuständen umgegangen und diese, für die Westler irrationalen, Wahrnehmungen, werden in die Weltsicht integriert, die objektive Realität ist somit größer als in den westlichen Naturwissenschaften. Bei den Lakandonen geht die Integration sogar soweit, das im »normalen« Bewußtseinszustand auch seelische Wahrnehmungen anderer Dimensionen möglich sind, also ein ganz anderer, zusätzlicher Sinn aktiviert wird. In den behandelten Beispielen ist der Gebrauch von Heilpflanzen nur am Rande aufgetaucht, er darf aber keinesfalls vernachlässigt werden, denn hier zeigt sich auch nach naturwissenschaftlichen Maßstäben eine enorme Kenntnis der Schamanen. Bei vielen Völkern sind außerdem Pflanzen, die bei uns als giftig gelten und als Drogen verboten sind, hoch angesehen: Sie ermöglichen den Zutritt zu den Geistwelten oder den Kontakt mit dem Pflanzengeist und werden so schamanisch gebraucht. Zwischen dem Drogenschamanismus Lateinamerikas und dem sibirischen Schamanismus [ 14 ] gibt es viele Gemeinsamkeiten. So tauchen die verschiedenen Welten tauchen auch im Drogenschamanismus auf, genauso wie Tod- und Wiedergeburtserlebnisse, die allerdings nicht so heftig verlaufen (cf. Kapitel 4.4). Seelenraub kann für Krankheiten verantwortlich sein und auch in Lateinamerika wird das Schamanenamt vererbt. Es sollte die Einnahme von bewußtseinsverändernden Pflanzen nicht als komplett andere oder gar mindere Art von Schamanismus betrachtet werden, sondern einfach als andere Methode, die Geistwelten zu betreten oder mit ihnen Kontakt herzustellen: Trommeln, Tanzen, Konzentration und Meditation und die Einnahme von Pflanzen stehen dann in einer Reihe. Nicht verkannt werden sollte aber, daß es aufgrund von Lebensraum, Kultur und schamanischer Methode in den Erlebnissen und der Art zu agieren durchaus Unterschiede geben kann. Gemeinsam ist immer, daß auch Wahrnehmungen mit veränderten Bewußtseinszuständen in die jeweiligen Weltbilder integriert werden. Daß auch pflanzliche Drogen verwendet werden, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn mehr noch als die relativ karge Welt Sibiriens bieten die tropischen Lebensräume Lateinamerikas eine große Palette an Heilpflanzen dar. Hierzu gehören viele Pflanzen, deren Wirksamkeit inzwischen auch naturwissenschaftlich bestätigt worden ist und die zum Teil auch Eingang in die westliche Medizin gefunden haben (Rätsch 1998). Wie schon angedeutet, spielt die Kenntnis von Pflanzen mit bewußtseinsverändernden Wirkstoffen eine große Rolle, zumal nach dem schamanischen Prinzip auch Krankheiten mit primär körperlichen Symptomen über Trancerituale geheilt werden können: Pflanzen, die nach westlichen Maßstäben als höchst giftig gelten, dürfen in der traditionellen Medizin ihre große Heilwirkung entfalten. [ 15 ] Es finden sowohl einige weltweit verbreitete Arten weltweit Anwendung als auch einige Wirkstoffe, die, weltweit verwendet, aus regional verschiedenen Arten gewonnen werden. Lateinamerikanische Schamanen haben dabei viele Methoden entdeckt, die mit Hilfe der westlichen Chemie schlüssig erklärt werden können. Zum Beispiel werden, um den in Amazonien verwendeten Ayahuasca-Trank zu brauen, zwei verschiedene Pflanzen verwendet, um die Wirkstoffe zu aktivieren: Der Wirkstoff DMT [ 16 ] wird aus einer Pflanze, häufig aus Chacruna (Psychotria virides), gewonnen. Er ist allein nicht oder nur schwach wirksam, denn er wird im Körper schnell durch das Enzym Monoaminooxydase (MAO) abgebaut. Um das zu verhindern, setzen die Schamanen einen sogenannten MAO-Hemmer (Wirkstoff: Harmin oder Harmalin), z. B. die Ayahuasca-Liane Banisteriopsis caapi, zu, um das DMT für tiefe Trance-Erlebnisse wirksam zu machen. Übrigens: Wenn das MAO-Enzym deaktiviert ist, kann der Körper auch andere, für ihn giftige Stoffe nicht abbauen. Da sie auch in normalen Lebensmitteln enthalten sind, müssen Patienten der westlichen Medizin, die mit MAO-Hemmern behandelt werden, streng Diät halten. Tatsächlich verzichten auch die Ayahuasca-Schamanen vor einer Sitzung auf bestimmte Lebensmittel. Zwar ist diese Diät eher spirituell motiviert, doch, wie schon mehrfach betont worden ist, sind in diesen Kulturen Religion und Alltag so durchdrungen, daß der Schutz der körperlichen Gesundheit durchaus das Ziel einer solchen Vorschrift sein kann. Um die Heilkraft anderer Pflanzen zu erschließen, werden diese einfach dem Ayahuasca-Trank zugesetzt, so sind im Laufe der Jahrhunderte viele neue wirksame Pflanzen endeckt worden, die ebenfalls mächtige Geister enthalten. In der schamanischen Terminologie heißt der »Wirkstoff« nämlich »Pflanzenseele« oder »Pflanzengeist«. Schamanen, die synthetisches DMT oder auch Psilocybin erhielten, bestätigten, daß der Geist der Pflanze oder des Pilzes in den Tabletten enthalten ist. Inzwischen ist durch medizinische und psychiatrische Tests nachgewiesen, daß regelmäßiger Ayahuasca-Genuß der Gesundheit zuträglich ist (Rätsch 1998). Und das Wissen darüber bewahren und erweitern Schamanen seit mindestens 3500 Jahren. (Ott s. a., Rätsch 1998). Noch älter, nämlich mindestens 8000 Jahre, ist das Wissen um die Wirkung der Coca-Pflanze (Erythroxylum coca) mit ihrem Wirkstoff Kokain. Der traditionelle Gebrauch (Anregung, Milderung der Höhenkrankheit) von Coca-Blättern darf nicht mit dem Konsum reinen Kokains und seinen Sucht- und Verfallserscheinungen (in der westlichen Gesellschaft) verwechselt werden. Interessant ist die Betrachtung der Coca-Pflanze deshalb, weil das Kokain in den Blättern als schwer lösliches Salz vorliegt. Nur durch eine alkalische Reaktion kann es in eine Base überführt werden, die von den Schleimhäuten aufgenommen wird. Dazu setzen die Schamanen seit Jahrtausenden einen Kuchen (llipta) aus Pflanzenasche zu. Je nach medizinischer Absicht werden die Zusätze verändert (Rätsch 1998). Es könnten noch viele Beispiele angeführt werden, die zeigen, wie bei den Schamanen Lateinamerikas komplexe chemische Kenntnisse seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden angewendet werden, die sich die westlichen Naturwissenschaften erst mühsam erarbeitet haben. Jetzt soll jedoch ein Blick auf den im Vergleich dazu einfacheren Pilzschamanismus Mittelamerikas geworfen werden, da diese Praxis recht massiv in die westliche Kultur importiert worden ist. Verweise:[ 4.4 Trommeln oder Drogen: Die schamanischen Varianten ] Quellen:[ Ott s. a. ] [ Rätsch 1998 ] Glossar:[ Drogen ] [ Irrationalität ] [ Schamanismus ] Fußnoten:[14] der allerdings auch Trance durch den Fliegenpilz kennt (Kap. 4.4) [15] Es kommen auch in der westlichen Medizin Drogen zum Einsatz, allerdings nur aufgrund ihrer physischen Wirkweise, z. B. die Alkaloide (Atropin) der Tollkirsche (Atropa belladonna) in der Augenheilkunde. Die Kenntnis über die bewußtseinserweiternde Wirkung einheimischer (europäischer Pflanzen) ist im ausklingenden Mittelalter mit den Hexenverfolgungen verlorengegangen. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |