SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.3 Pilzschamanismus in SüdmexikoDer Gebrauch bewußtseinsverändernder Pilze ist der Menschheit in weiten Teilen der Welt und schon sehr lange bekannt. Auch »Ötzi«, eine 1991 in den Alpen gefundene 5300 Jahre alte Leiche eines Steinzeitmenschen, hatte in dieser Hinsicht wirksame Pilze bei sich. [ 18 ] Gut dokumentiert ist die schamanische Verwendung psilocybinhaltiger Pilze (Psilocybe sp.) bei den Mazateken in Mexiko durch die Autobiographie der Schamanin María Sabina (1894–1985). Sie zeigt zudem, wie ein alter Kult auch unter dem Christentum überleben kann. Die Mazateken sind zu Beginn des Jahrhunderts ein ungefähr zwanzigtausend Menschen zählendes Volk, daß den mexikanischen Bundesstaat Oaxaca bewohnt. Das Kazikentum ist 1857 offiziell abgeschafft worden. Bis dahin herrscht ein gewählter Kazike über mehrere Dörfer. Er hat auch die Funktion eines Richters und Oberpriesters inne gehabt [ 19 ], dem man Tribut in Form von Naturalien gezahlt hat. Nach Abschaffung des Kazikentums leben die alten Rituale weiter, besonders Saat- und Ernterituale, um die Geister gütig zu stimmen. Die Mazateken bauen nämlich Mais und anderes auf der milpa (Maismischfeld) an. So erkrankt der Vater der jungen María Sabina schwer, weil er ein unter dem Schutz des Herrn des Donners stehendes Feld versehentlich in Brand steckt, als er Unkraut verbrennt. Da nützt auch kein Schadenersatz an den Besitzer. Groß- und Urgroßvater der Mazatekin María Sabina sind sogenannte Weise, die versuchen, mit Hilfe psilocybinhaltiger Pilze [ 20 ] den Vater zu heilen, doch die »Herren« (Geister) sind unnachgiebig und nach ein paar Jahren in chronischer Krankheit (Krebs?) stirbt der Vater. María Sabina selbst kommt das erste Mal mit den Pilzen in Kontakt, als sie eine velada (wörtlich: Nachtwache, gemeint ist die Pilzzeremonie) beobachtet, bei der ihr kranker Onkel geheilt wird. Etwas später probiert sie mit ihrer Schwester wildwachsene Pilze. Die Pilze sprechen zu ihr, sagen ihr, sie solle zu Gott beten, auch der Geist ihres Vaters fordert sie dazu auf. Noch ist die angehende Schamanin (eigene Bezeichnung: Weise) noch nicht bereit zu heilen: Sie heiratet mit vierzehn und nimmt keine Pilze mehr, da eine Weise sexuell enthaltsam sein muß. [ 21 ] Mit zwanzig allerdings wird sie Witwe und erkrankt. Es handelt sich wohl nicht um eine Initiationskrankheit, sondern um Folgen ihrer Geburten, führt aber dazu, daß sie wieder Pilze nimmt, um sich zu heilen. Sie spürt eine Berufung zur Heilerin, muß aber, statt zu heilen, hart arbeiten, um die Kinder zu ernähren. Die endgültige Initiation erfolgt später, als die Schwester der María Sabina schwer erkrankt. Die Schwestern nehmen Pilze zu sich, María Sabina in einer ungewöhnlich hohen Dosis. Durch Gesang und Massagen, bei denen nach eigenem Bekunden die »Heiligen Kinder« selbst ihre Hände führen, heilt María ihre Schwester, die dabei Blut und Wasser ausscheidet. Marías Vision ist noch nicht zuende: Sie trifft mehrere sogenannte Grundexistenzen, die um einen Tisch sitzen, der mit wichtigen Papieren bedeckt ist. Sie zeigen María das Buch der Weisheit, ein großes, blendendes Buch, aus dem María ihre Sprache lernt, die Gesänge, mit denen sie fortan heilt. Dann begegnet sie noch dem Obersten Herrn der Berge, einem alten mazatekischen Gott, sie spricht nicht mit ihm, sieht aber, wo er wohnt und ist so seiner Nachbarschaft gewiß. Dann begegnet sie noch einem weiteren Pflanzenwesen, bevor sie mit einer derartigen Kraft singt und tanzt, daß sie einen Teil ihrer Hütte einreißt. Am nächsten Morgen ist die Schwester geheilt und María Sabina akzeptiert ihr Dasein als Weise, pausiert aber wegen des Enthaltsamkeitsgebots während ihrer zweiten Ehe. Sie wird selbst Teil der Grundexistenzen, sitzt mit ihnen an besagtem Tisch und trinkt mit ihnen. María heilt die Kranken durch ihre Gesänge und Massagen, die Pilze sagen ihr aber auch, welche anderen Mittel helfen können, wodurch eine Krankheit verursacht wird und helfen, böse Zauber zu bekämpfen. Neben den Weisen gibt es Heiler und Magier, die mit anderen Methoden arbeiten; sie vergraben Opfergaben (Eier) an den Herrn der Berge. María, die Mitglied einer katholischen Schwesterschaft ist, ruft lieber Christus um Hilfe an, wenn sie Pilze nimmt. [ 22 ] Sie folgt mit dem Pilzschamanismus der Tradition ihrer Familie, denn ihr Großvater, Urgroßvater, Großtante und -onkel waren Weise. Die andere Zauberei steht für sie auf niedrigerer Stufe, sie kann diese Zauberer besiegen, wenn sie die Seele eines Menschen geraubt haben. Eindrucksvoll schildert sie, wie sie einen Kranken heilt, dem ein Arzt nicht helfen kann: Seine Seele ist von einer Zauberin in einen Jaguar verwandelt worden. Als nach der velada der Mann geheilt ist, wird die schuldige Zauberin wahnsinnig und stirbt. Eine velada wird nachts abgehalten, der Raum wird mit Wachskerzen, bunten und duftenden Blumen und Heiligenbildern ausstaffiert. Ein Räuchermittel trägt zur Reinigung bei. Nach einem Gebet um die Gunst der Pilze werden selbige paarweise (symbolhaft ein männlicher und ein weiblicher oder mehrere Paare) vollständig eingenommen (sonst beschweren sie sich), manchmal wird »San Pedro« [ 23 ] zum Einreiben oder Einnehmen verwendet, ein Gemisch aus Kalk und Bauerntabak (Nicotiana rusticana). Die Kerzen werden später gelöscht, um die Bilder, die man sieht, besser verfolgen zu können. María Sabina heilt dann mit ihrer »Sprache«, den Gesängen, die sie aus dem Buch der Grundexistenzen gelernt hat und noch lernt. Während der velada wird auch geklatscht oder getanzt. Die Kranken übergeben sich und so verläßt die Krankheit den Körper. Es ist auch möglich, daß María Sabina sich für die Kranken übergibt. Einige Schilderungen lassen auch an Seelenreisen sibirischer Schamanen denken, María selbst spricht aber nur von Visionen, nicht von anderen Welten. Sie vergleicht ihre Visionen mit dem Kino: Man kann die Dinge sehen, aber nicht anfassen, ein Gegensatz zur starken Aktivität sibirischer Schamanen in den Geistwelten. Marías Visionen zeigen ihr die Ursachen der Krankheit, zum Beispiel ist ein Kind krank, weil sein Geist während einer Osterprozession von einem anderen Geist angeschossen worden ist. In der realen Welt sieht das wie ein normaler Sturz während der Prozession aus, aber das Kind bleibt krank. In diesem Fall geben die Pilze der Weisen ein, ein in Kakao getauchtes Huhn zu opfern und die Nacht über an das Kind zu wickeln, das übrigens keine Pilze genossen hat. Solche Opfergaben müssen am nächsten Tag vergraben werden, damit sie als heiliges Opfer nicht von den Hunden oder Greifvögeln gefressen werden. Als Belohnung darf eine Weise oder ein Weiser nur sehr wenig Geld annehmen, soviel, wie die Leute ihnen freiwillig geben, denn als eigentlicher Heiler gilt Gott. Außerdem soll man keinen Handel mit den Pilzen treiben. Bei dieser Art des Schamanismus sind die Weisen dieses Jahrhunderts keineswegs mehr gesellschaftsgestaltend. Die herausragende Rolle des Kaziken deutet aber daraufhin, daß die Rolle der Schamanen bei Mazateken und Sibiriern ähnlich bedeutsam gewesen ist. María Sabina ist Christin, gehorcht der Kirche und der Gemeindeverwaltung, hat also ihre heilende schamanische Tätigkeit in die christliche Welt integriert, später heilt sie auch Leute aus der Stadt, das Heilen städtischer Krankheiten ist für die Pilze kein Problem. Kein Problem ist die Tätigkeit der Weisen auch für den Pfarrer und die örtlichen Beamten, sie schützen sie z. T. vor höheren Behörden. Und einmal will sogar ein Bischof die Wirkung der Pilze spüren. Offensichtlich ist die katholische Kirche vor Ort also bereit, schamanische Wissenschaft zu akzeptieren. Aber María Sabina beschränkt sich ausdrücklich aufs Heilen im Namen Gottes. Quellen:Fußnoten:[18] Nach neuen Meldungen könnten jene Pilze auch bloß zur Wurmkur dienen (Hamburger Abendblatt, 4.12.98) [19] Diesen Begriff verwendet Wilhelm Bauer 1908 (in: Rätsch/Liggenstorfer 1996: 36). Da er außerdem von heidnischen Praktiken spricht anstatt von Religion, handelt es sich wohl eher um einen Schamanen, zumal die Kaziken vom Volk zur Verantwortung gezogen werden können, auch abgesetzt und getötet. Das erinnert wieder an den sibirischen Schamanismus. [20] Die Pilze werden genannt: »der Kleine, der aus dem Boden sprießt«, »heilige Kinder«, »kleine Heilige« oder »Sächelchen« [21] Frauen würden bei Zuwiderhandlung verrückt, Männern verfaulten die Hoden. [22] Nach eigenem Bekunden hatte María Sabina die Wahl, ob sie von den Herren der Berge oder Christus geführt wird. Die Grundexistenzen stellten ihr die Frage und sie entschied sich für Christus. [23] Das Mittel heißt so, weil der heilige Petrus den Tabak erschaffen habe. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |