SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 4.4 Trommeln oder Drogen: Die schamanischen VariantenDer sibirische Schamane trommelt, der Lakandone sagt Zaubersprüche, die mazatekische Weise nimmt Pilze zu sich. Alle drei haben eines im Sinn: Mit oder gegen die Geister Heil für sich und die seinen zu erreichen. Dies kann als Grundkomponente aller schamanischen Kulturen festgestellt werden. Es gibt neben der realen Welt noch mehrere Geistwelten, in der eben Seelen oder Götter wohnen. Mit diesen gilt es, sich gutzustellen. Während der Initiation lernt der Schamane, wie das geht. Hier fallen die Lakandonen bereits heraus, denn bei ihnen gibt es keine Schamanen, vielmehr kann jeder die Zaubersprüche erlernen. Schafft er es nicht, so kann sich der Zauber gegen ihn kehren. Auch die anderen beiden, Sibirier und Mazatekin, können bei Tabuverletzungen Schaden erleiden, sie können schlicht von den Geistern in den Wahnsinn getrieben werden. Der sibirische Schamane muß wohl die härteste Initiation erleiden: In der ersten, oft unfreiwillig erlebten Trance, wird er von Geistern zerstückelt, oft gegessen und dann als Schamane wiedergeboren. Tod und Wiedergeburtserlebnisse treten bei María Sabina nur am Rande und nicht während der Initiation auf, sie erlebt auch keine mythische Wiedergeburt, sondern sich selbst als Fötus. Ihre Initiation beschränkt sich auf die Unterweisung durch die Grundexistenzen. An der Initiation kann man auch die Kraft der Menschen abschätzen: Der Lakandone kennt keine Trance, er sagt die Sprüche und beeinflußt die Geister von der realen Welt aus, die Mazatekin versetzt sich mit Hilfe des Pilzes in Trance, der Pilzgeist handelt durch sie, andere Welten kann sie nur wahrnehmen, etwa wie im Kino, und so Ursachen für Krankheiten o. a. erkennen. Andere Zauberer, schwarze Magier, kann sie, oder besser: der Pilz, besiegen. Der Sibirier dagegen kann Geister herbeirufen, einige gehorchen ihm, er kann weite Strecken in den anderen Welten zurücklegen und um verlorene Seelen kämpfen. Er kann auch Schamanen eines verfeindeten Stammes über weite Distanzen einen Schlag versetzen. Der Sibirier ist von den dreien wohl der Handlungsfähigste, er erlebt aber auch die schwierigste Initiation und das Risiko, bei Fehlhandlungen Schaden zu erleiden, scheint bei ihm höher zu sein als bei den anderen. Keinesfalls soll damit aber eine Degeneration beschrieben werden, im Gegenteil, die Techniken sind jeweils an die Lebensumstände angepaßt und die Kulturen haben neben den Gemeinsamkeiten eines schamanischen Weltbildes sehr viele Unterschiede. Ein möglicher Versuch einer Werteskala sollte sich höchstens auf den Grad der Anpassung an die Umwelt beziehen. [ 24 ] Auch können die Kulturen im Hinblick auf die Frage »Schamanismus mit oder ohne Drogen« nicht eindeutig unterschieden werden: Wie ihre lateinamerikanischen Kollegen besitzen auch die Sibirier eine umfassende Kenntnis der sie umgebenden Flora und Fauna und nutzen diese. So ist für einige Völker der Gebrauch des tranceerzeugenden Fliegenpilzes (Amanita muscaria) bezeugt, sogar der Kulturheros der sibirischen Korjaken soll von ihm »beseelt« gewesen sein. Einige Autoren sind der Meinung, daß die meditative Trance des indischen Yoga entstanden ist, als bestimmte Drogen nicht mehr zur Verfügung standen (zitiert in Metzner 1992). Andere Autoren sehen im Drogengebrauch tatsächlich eine Degeneration schamanischer Traditionen (ebd.). Eine mögliche Erklärung der unterschiedichen Ausprägungen ist die symbolhafte Deutung der eigenen Kultur. So finden sich Fötuserlebnisse bei Garten- oder Feldbaukulturen und sind als Symbol der hervorbringenden »Mutter Erde« zu sehen. Auch die generelle Bindung an einen Pilz oder eine Pflanze paßt zu den seßhaften Bauern. Die Zerstückelungsinitiation und die weiten Jenseitsreisen der sibirischen Schamanen bilden eher die Jäger-Sammler-Kultur ab, Reisen mit Tieren oder zu tiergestaltigen Göttern können einer nomadischen Jägerkultur zugeschrieben werden. Dies macht deutlich, daß es gar nicht um eine Wertung schamanischer Kulturen in Bezug auf die schamanische Kraft gehen kann, sondern vielmehr um die Darstellung der in allen Kulturen guten Anpassung an den Lebensraum, die besonders über den Verstand und mit ihm über die Religion bzw. die religiösen Praktiken erfolgt. Vielleicht sind die Schamanen in einigen Kulturen handlungsfähiger als in anderen, trotzdem sind auch Lakandonen und Mazateken durch ihr Weltbild so in ihre Umwelt eingepaßt, daß sie bis in unsere Zeit überleben. Beim Sibirier wohnt der Hilfsgeist in der Trommel, bei der Mazatekin im Pilz, und der Lakandone ist durch ein unsichtbares Band mit seinem Tiergeist verbunden, der in den Wäldern um ihn herum lebt. Im folgenden wird fast nur auf Ergebnisse des Pilzschamanismus eingangen, weil bei »Importen« aus schamanischen Gesellschaften in die westlichen Welt (um die es fortan geht) Drogen die weitaus größte Rolle spielen. [ 25 ] Cannabis, Pilze, LSD – der westliche Mensch wählt den scheinbar einfachen Weg der Einnahme von Wirkstoffen, trommeln tut kaum einer. Aber auch für Drogenkonsum kann gelten: »Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.« (Goethe: Der Zauberlehrling) Verweise:[ 5.6 Konzepte aus der westlichen Zivilisation ] Quellen:[ Metzner 1992 ] Fußnoten:[24] Andere, hier nicht diskutierte lateinamerikanische Kulturen nutzen stärkere Pflanzen wie Stechapfel (Datura stramonium). Diese Schamanen scheinen in den anderen Welten ähnlich stark agieren zu können wie Sibirier. [25] Einige non-pharmakologische Ansätze, die der westlichen Gesellschaft selbst entsprungen sind, werden in Kapitel 5.6 diskutiert. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |