SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5. Bewußtseinsveränderung in der modernen Welt5.1 Vom Pilzschamanismus zur weltweiten Pilzkultur?Sehr vieles, vielleicht das meiste, was über den Pilzschamanismus bekannt ist, stammt von María Sabina, die ihr Wissen dem pensionierten Banker und Hobbyforscher R. Gordon Wasson, und seiner Frau, Dr. Valentina Pawlowna, preisgegeben hat. 1957 sind deren Forschungsergebnisse im Time-Magazin erschienen. Diese und folgende Veröffentlichungen haben zur »psychedelischen Revolution« beigetragen (Kapitel 5.2) und damit geholfen, den Lebensraum und die Kultur der María Sabina einzuschränken bzw. zu zerstören: Scharenweise fallen Hippies in Huautla da Jiménez, ihrem Wohnort, ein. Völlig unverständlich ist der Weisen der spaßorientierte Gebrauch der Pilze und mithin die Profanisierung des Kultes. Sie bewirtet zwar die ungebetenen Gäste und hält veladas für sie ab, aber die Pilze werden auch von Bauern verkauft. Es werden Sitzungen ohne Berücksichtigung der velada-Regeln abgehalten, für diesen Pilzmißbrauch werden offenbar einige Mazateken bestraft: Sie erleiden Traumata, die bis zu zwei Jahre anhalten. Durch den Mißbrauch auch anderer Substanzen sieht sich die Regierung gezwungen einzuschreiten, und per Bundesgesetz sind 1971 in Mexiko Handel und Gebrauch mit bzw. von Halluzinogenen verboten worden. Ohnehin haben nach Ansicht der María Sabina die Pilze ihre Kraft durch den Mißbrauch verloren: In ihrem schamanischen Weltbild ist es nicht oder nicht nur die medizinische Kraft, die die Pilze heilen läßt, sie sind vielmehr von einer Gottheit oder magischen Kraft durchdrungen, die für die Heilung verantwortlich ist. Mit dem massenhaften Mißbrauch und dem Mißachten der Rituale von Ernte und Einnahme hat diese Kraft die Pilze verlassen. So ist das Wissen um diese alte Kultur bewahrt und intensiv in die westliche Welt getragen worden. Der Preis dafür ist die Zerstörung der ursprünglichen Kultur durch Mißbrauch und Ignoranz der westlichen Menschen, namentlich der Hippies und der Forscher. [ 26 ] Ungeachtet der Verbote, auch in den USA und in Deutschland ist Psilocybin verboten worden, [ 27 ] hat sich in der Forschung und im Gebrauch eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Forscher sprechen davon, daß das Wissen um die Pilze und ihr Gebrauch sich wie ein Myzel über die Welt verbreiten, um dann an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten massiv hervorzubrechen. Tatsächlich hat man viele verschiedene Arten der Gattung Psilocybe auf der ganzen Erde nachgewiesen, ebenso den Gebrauch von Arten anderer Gattungen. Beispiele sind da der schon erwähnte Gletschermann »Ötzi« oder Felszeichnungen in Algerien, die offensichtlich Schamanen in »Pilz-Trance« darstellen. Auch Schamanen einiger sibirischer Völker machen sich wohl die Geister des Fliegenpilzes (Amanita muscaria) dienstbar. Einige Autoren sehen den Fliegenpilz auch als das geheimnisvolle »Soma« der altindischen Veden (zitiert in DeKorne s. a.). Generell gelten Pilze in weiten Teilen der Erde als Fruchtbarkeitssymbole oder Glücksbringer. Dort, wo bewußtseinserweiternde Pilze heimisch sind, läßt sich ihr Gebrauch nur schwer verbieten, und so werden auch in der westlichen Gesellschaft heimlich Pilzrituale abgehalten, bei denen oftmals schon mit dem gebotenen Respekt an den Pilz und seine Geister herangegangen wird. Es gibt eine Ritualstruktur mit bestimmten Regeln über Enthaltsamkeit, über Set und Setting, die zum Teil den originären Ritualen nachempfunden sind und den jeweiligen Bedingungen angepaßt werden. Der Heilungszweck steht aber nicht im Vordergrund. [ 28 ] Die Suche nach Erleuchtung, Freizeitgestaltung, vielleicht auch spirituelle Geborgenheit sind Motive der Pilzeinnahme. Obwohl das verständliche Bedürfnisse sind, ist nach dem Wissen der María Sabina dieser Gebrauch ein Mißbrauch. Haben die Pilze denn tatsächlich noch die Kraft, die ihnen früher zugeschrieben wurde? Strassmann (1996) schildert ein schamanisches Pilzritual mitten in Europa (in der Schweiz), mit dem ein kleines Mädchen von krankmachenden Stimmen und Geistwahrnehmungen geheilt wird: Strassmann unternimmt zur Wintersonnenwende 1993 mit einem Heiler eine Pilzreise. Nach ersten Tranceerlebnissen und einer Pause um 3.00 Uhr morgens möchte der Heiler das Mädchen, Sarah, die übrigens nicht anwesend ist, kurieren. Der Heiler tanzt zunächst, vom Pilz beflügelt, und erwartet etwas aus dem Süden, vielleicht einen Hilfsgeist oder eine Kraftquelle; Bergkristall und Adlerfeder sind seine Hilfsmittel. Plötzlich nimmt Strassmann den Heiler leuchtend wahr und beginnt zu trommeln. Schließlich bewegt sich der Heiler rhythmisch und krümmt sich später schmerzverzerrt, während er brüllt, ruft und bittet, ringt und sich aufbäumt – Schleim tropft aus seinem Mund in eine Räucherpfanne. Nach der Sitzung verbrennt er den Schleim sorgfältig, wäscht sich den Mund mit Salz und räuchert den Raum mit Holunder aus, das Ritual ist zuende, der Tag beginnt. Es ist offensichtlich möglich, schamanische Heilrituale in die westliche Gesellschaft zu transferieren, sie können funktionieren, wenn auch das von Strassmann geschilderte Ritual das einzige dem Autor bekannte ist, das den strengen schamanischen Kriterien genügt (Kapitel 5.5). Auf jeden Fall besitzen die Pilze immer noch ein großes schamanisches Potential, das Berufene einsetzen können. Vielleicht haben die Pilzgeister ja auch ganz eigennützig gehandelt: Nachdem María Sabina das Wissen um die Pilze in die Welt getragen hat, brauchen die Pilzgeister die Weise nicht mehr und sind ihr nur noch widerwillig zu Diensten. Dazu paßt, daß nach Angaben eines anderen Schamanen die Pilze nicht mehr mazatekisch sprechen, sondern englisch, als ob sie sich selbst globalisieren wollen. So merkwürdig solche Hypothesen dem westlichen Naturwissenschaftler anmuten mögen, im schamanischen Weltbild haben sie durchaus ihren Platz – man kann die Geister eben nicht nach eigenem Willen beherrschen. Eine weitere im naturwissenschaftlichen Sinne ebenso merkwürdige Hypothese soll diesen Abschnitt beschließen: Der Ethnobotaniker und Bewußtseinsforscher Terence McKenna (o. J.) vertritt neben anderen (u. a. Wasson selbst, ebd.) die These, daß bewußtseinserweiternde Pflanzen und besonders Pilze in der Evolution des Menschen die entscheidene Rolle bei der Bildung des menschlichen Bewußtseins gespielt haben. Nach den traditionellen Naturwissenschaften ist diese These nicht haltbar, da die Drogen die Struktur der Gene nicht beeinflussen. Mit neueren naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen wäre ein solcher Vorgang zumindest theoretisch denkbar (Kapitel 6.3.2). Noch halten die Erkenntnisse solcher schamanischer Wissenschaft nur zögernd Einzug in das traditionelle materialistische Weltbild der Naturwissenschaften, und seit ihrer Entdeckung hat es immer wieder Rückschläge gegeben. Verweise:[ 6.3.2 Vereinigung westlicher und naturnaher Wissenschaften ] Quellen:[ DeKorne s. a. ] [ McKenna s. a. ] [ Strassmann 1996 ] Glossar:[ Set, Setting ] Fußnoten:[26] Wobei man sicher spekulieren kann, ob der Pilzschamanismus auch ohne diese Invasion noch lange gegen das Vordringen der westlichen Zivilisation hätte halten können. [27] Die Pilze selbst spielen in den sechziger Jahren nur eine untergeordnete Rolle, da sie schwer zu zuüchten und zu konservieren sind. Einfacher lassen sich synthetisch hergestellte Stoffe wie LSD, aber auch synthetisches Psilocybin handhaben. [28]Zu psychotherapeutischen Zwecken werden eher synthetische Drogen eingesetzt – (Kapitel 5.4). zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |