SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5.3 Der Gebrauch von Drogen in der westlichen ZivilisationWeder Religion noch Wissenschaft kennen in der westlichen Zivilisation den Umgang mit veränderten Bewußtseinszuständen oder kennen ihn nicht mehr. Daß sich ein kleiner Kreis von Wissenschaftlern seit ein paar Jahrzehnten damit auseinandersetzt, bedeutet noch nicht, daß diese Methoden bald allgemein akzeptiert sein werden. Im Alltag werden legal nur sehr schwach wirkende Drogen benutzt, z. B. Kaffee (Coffea arabica, Hauptwirkstoff Koffein) oder Schokolade und andere kakaohaltige Genußmittel (Theobroma cacao, Hauptwirkstoff Theobromin). Sie entfalten aber bei mäßigem Konsum nur eine geringe Wirkung auf Individuum und Gesellschaft. [ 30 ] Alkoholhaltige Getränke (Wirkstoff: Ethanol) sind schon kritischer zu betrachten: Zwar erfüllt der Alkohol in Maßen genossen eine ähnliche Funktion wie das balche’ der Lakandonen, wirkt sich aber bei Mißbrauch höchst schädlich auf das Individuum und seine Umgebung (z. B. Familie) aus, da er, im extremen Gegensatz zu balche’, auch unterdrückte Aggressionen freisetzt. Trotzdem ist er gesellschaftlich toleriert, andere Drogen, nach dem Betäubungsmittelgesetz der Bundesrepublik Deutschland verbotene Substanzen, sind dies nicht (Cannabis, Kokain, Opium und seine Verarbeitungsprodukte, synthetische Drogen wie LSD oder Ecstasy). Vergleicht man die gesellschaftliche Relevanz von Alkohol und Cannabis, so scheint der Index der verbotenen Substanzen eher willkürlich zusammengestellt worden zu sein, [ 31 ] zumal es etliche Pflanzen gibt, die sich zur Bewußtseinsveränderung eignen, sich aber nur schlecht verbieten lassen, weil sie einfach wild in der Natur wuchern. Auch solche Pflanzen werden von wenigen Menschen konsumiert. Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Relevanz und einer möglichen Bedeutung für die nachhaltige Gesellschaft müssen Drogenge- und -mißbrauch in der westlichen Zivilisation differenziert betrachtet werden, die rechtlichen Fragen bleiben ausgeklammert. Differenziertere Positionen als die staatliche nehmen Autoren der Subkultur (Schultes s. a., DeKorne s. a.) ein. Für den Großteil der Menschen, die Alkohol und (in weit geringerer Zahl) Cannabis konsumieren, kann sicher kein Mißbrauch geltend gemacht werden, im Gegenteil, die Drogen erfüllen eine gesellschaftliche Funktion wie das balche’. Die hervorgerufene Bewußtseinsveränderung ist eher schwach, sie hat eine gewisse Auswirkung auf das Sozialverhalten und führt zur Entspannung. Bewußtseinsveränderung tritt bei Cannabis in der Regel nur bei sehr hohen Dosen auf. Werden solche oder auch härtere Drogen allerdings als Mittel zur Problembewältigung genommen, kann schnell eine Abhängigkeit entstehen. Gründe für eine Sucht können vielfältig sein, generell kann aber eine Ursache nicht nur beim Süchtigen ausgemacht werden: Die Aussage »Es gibt kein Drogenproblem, sondern nur ein Gesellschaftsproblem.« rückt den Komplex des Mißbrauchs ins rechte Licht: Eine Gesellschaft, in der einzelne Menschen gern mit ihren Problemen alleingelassen werden, in der sich jeder selbst der Nächste ist, bereitet gerade den Boden für Drogenmißbrauch als Flucht vor der Gesellschaft. Auf der einen Seite läßt sich daraus ableiten, daß der Mensch Geborgenheit und Halt in seiner Gesellschaft braucht, auf der anderen Seite läßt das Ausweichen auf Rauschmittel vermuten, daß auch ein Bedürfnis nach Bewußtseinserweiterung dem Menschen immanent ist. Handelt es sich bei den angesprochenen Rauschmitteln um Halluzinogene (z. B. Heroin), so können psychische Schäden die Folge sein, da die Süchtigen mit den anderen Welten, den schamanischen Dimensionen in Kontakt treten und mit diesen Erlebnissen nicht umgehen können. Die Initiation eines Schamanen gerät in der westlichen Zivilisation zum Horrortrip. Nur: die Verantwortlichen, die das »Drogenproblem« bekämpfen sollen, sehen die Erlebnisse von Süchtigen nicht aus einer schamanischen Perspektive, sondern bleiben den Naturwissenschaften verhaftet. Für die Verelendung der Süchtigen sind gesellschaftliche Ächtung, bei harten Drogen in erheblichem Maße auch die Kriminalisierung verantwortlich. Toleriert wird allenfalls die Sucht nach Psychopharmaka, mit denen Men-schen ihre Probleme unterdrücken und der Umgang mit ihnen erschwert wird (im Gegensatz z. B. zu LSD – s. u.). Weiterhin werden Drogen in der westlichen Gesellschaft zur Freizeitgestaltung genommen. Hier kommen oft einheimische Pflanzen zum Einsatz, deren bewußtseinsverändernde Wirkung der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Das kann durchaus bis zu den starken Alkaloiden der Nachtschattengewächse (z. B. Bilsenkraut (Hyoscamus niger), Tollkirsche (Atropa belladonna)) gehen. Inwieweit eine Suchtgefahr besteht, ist unklar, meist scheint es sich aber nicht um dauernden Mißbrauch zu handeln, zumal die Einnahme solcher Pflanzen mit schweren körperlichen Nebenwirkungen verbunden sein kann. Nach Erfahrungsberichten wird meist in kleinen Gruppen konsumiert und dabei werden bestimmte Rituale, mindestens zur Zubereitung, eingehalten. Betrachtet man dies aus der schamanischen Sichtweise, so ist auch dieser Gebrauch gefährlich, es können, das zeigen Erfahrungsberichte, durchaus Kontakte zu Geistern oder Dämonen hergestellt werden. Wenn solche Erlebnisse nicht verarbeitet werden können, sind psychische Schäden denkbar – mit Geistern spaßt man nicht. Gesicherte Zahlen über »Schadensfälle« liegen dem Autor nicht vor, da sich viele dieser Freizeitkonsumenten aber wohl mit dem, was sie einnehmen und dessen Folgen intensiv auseinandersetzen, dürften allgemein psychische Schäden die Ausnahme sein. Häufiger kommt es zu Todesfällen durch Vergiftung: Das Wissen um jene alten Heilpflanzen kursiert als Gerüchtesammlung unter Jugendlichen, exakte Informationen gibt es kaum und selbst wenn diese vorliegen, bleibt die Einnahme der stark giftigen Substanzen stets ein Risiko. Todesfälle als Folge jugendlichen Leichtsinns werden ab und zu in der Tagespresse bekannt. Die nächste Stufe ist der Gebrauch von Drogen in kultischem, religiösen Kontext auch in der westlichen Gesellschaft, wie z. B. die Native American Church in den USA (von den Ureinwohnern beeinflußt/gegründet). Diese Gruppen leisten bereits einen Transfer aus dem traditionellen Umfeld in die Zivilisation und sind in den USA sogar vom dortigen Betäubungsmittelgesetz ausgenommen. Aufgrund des sozialen und kultischen Netzes und der Auswahl der Mittel wird es in solchen Gruppen, wie bei naturnahen Völkern, nicht zu Mißbrauch oder gar Sucht kommen. Die Mehrzahl der Pilzrituale in der westlichen Welt ist in die beiden zuletzt geschilderten Gruppen einzuordnen. An letzter Stelle steht hier der Gebrauch von Drogen, der, weil er am besten dokumentiert ist, über die Psyche des Menschen am meisten aussagt: Drogen werden verschiedentlich nicht nur in der Psychotherapie eingesetzt, sondern auch zu Linderung physischer oder psychosomatischer Leiden wie Krebs. Forschungen in diesem Gebiet können ebenfalls vom Betäubungsmittelgesetz ausgenommen werden und finden massiv schon seit der Entdeckung des LSD vor mehr als fünfzig Jahren statt. Abgesehen von schamanischem Einsatz psilocybinhaltiger Pilze werden in der Medizin vor allem synthetisch hergestellte Drogen wie LSD, MDMA oder synthetisches Psilocybin verwendet. Verweise:[ 4.1.3 Möglichkeiten zur Umweltbeeinflussung: Das balche’-Ritual der Lakandonen ] Quellen:[ DeKorne s. a. ] [ Schultes s. a. ] Glossar:[ Drogen ] Fußnoten:[30] Tabak (Nicotiana tabacum) mit dem Wirkstoff Nikotin ist in seiner Heimat übrigens schamanisch, d. h. in bewußtseinsverändernden Dosen, verwendet worden. [31] Im Gegensatz zu Alkohol hat Cannabis nachgewiesen auch Wirkungen, die eine Anwendung selbst in der westlichen Schulmedizin durchaus ratsam erscheinen lassen. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |