SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5.4.2 Zur Einordnung von LSD-Erfahrungena) abstrakte und ästhetische ErfahrungenDiese Erfahrungen werden besonders bei niedrigen oder mittleren LSD-Dosen gemacht oder tauchen als frühe Phasen bei hoher Dosierung auf. Besonders der Sehsinn ist an einer stark veränderten Wahrnehmung beteiligt: Die Umgebung wird verzerrt wahrgenommen und dabei auf ungewöhnliche Weise gedeutet. Sie erscheint schön, sinnlich, komisch, magisch oder märchenhaft. Diese Erfahrungen haben nur selten einen Einfluß auf Psyche oder Physis des Patienten. b) psychodynamische ErfahrungenIn psychodynamischen Erfahrungen erlebt der Patient Schlüsselsituationen seines Lebens noch- einmal und wird so gezwungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Erlebnisse, die auch im »Normalzustand« durchaus im Bewußtsein präsent sein können, kommen aus allen Altersstufen des Lebens, also aus traumatischen oder angenehmen Kindheitserinnerungen bis zur gegenwärtigen Situation. Durch das nochmalige Durcharbeiten der Probleme ist der Patient in der Lage, mit seinem Leben eine Art Seelenfrieden zuschließen. Bei den Krebspatienten spielt erwartungsgemäß die gegenwärtige Situation eine große Rolle, in der der Verlust von Lebenskraft, z. B. Libido, beruflicher Schöpferkraft, akzeptiert werden muß. Erfahrungen dieser Art tragen zwar zur Lösung von inneren Konflikten bei, führen aber in der Regel nicht zu einer Veränderung der Person, etwa zu einer neuen Weltsicht. In der Psychotherapie mit LSD können viele psychisch-krankhafte Zustände auf einige spezifische traumatische Erfahrungen zurückgeführt werden und bestätigen damit die Thesen der klassischen Psychoanalyse. Der nächste Erfahrungskomplex verläßt allerdings das Gebiet der Lehren Freud (nach Grof/Halifax 1980, Grof 1988): c) perinatale ErfahrungenPerinatale Erfahrungen (perinatal = um die Geburt herum) vermitteln Aspekte des biologischen Lebens, also Krisen wie Geburt, Krankheit und Schmerzen, Alter und auch Tod. Viele der Erfahrungen, auch der Todeserfahrungen, können auf den Geburtsprozeß umgedeutet werden. Diese Umdeutung ist aber nicht modellhaft zu sehen, sondern eine Folge des Durcharbeitens des Geburtstraumas: Während der Erfahrung zeigt sogar der Körper des Patienten Bewegung, Haltung und Streßsymptome eines Fötus/Säuglings während der Geburt. [ 35 ] Psychisch werden dabei oft Tod und Reinigung mit anschließender Wiedergeburt erlebt. Besonders die Einsicht in die Endlichkeit des irdischen Daseins ist wichtig: Sie läßt die angebliche Wichtigkeit von Materiellem verblassen, dem Patienten wird klar, daß er nichts mitnehmen kann, wenn er (physisch) stirbt. Gleichzeitig werden ihm religiöse oder spirituelle Bereiche gezeigt, die hier unabhängig vom religiösen oder kulturellen Hintergrund des Patienten auftreten. »Der einzige Weg zur Überwindung dieses existentiellen Dilemmas führt über die Transzendenz; die Krise löst sich, wenn die Menschen Bezugspunkte jenseits der engen Grenzen des physischen Organismus und ihrer eigenen Lebensspanne finden. Es scheint, daß jeder, der diese Ebenen des Bewußtseins wirklich erfährt, auch überzeugende Einsichten in die umfassende Bedeutung der spirituellen Dimension für das Gesamtsystem gewinnt.« Ein typischer Erfahrungsablauf einer solchen LSD-Sitzung wäre das Erleben von Einheit mit der Mutter (kosmische Einheit: Sicherheit, Befriedigung der Bedürfnisse, Frieden), Einsetzen des Geburtsvorgangs (kosmisches Verschlungenwerden: Lebensbedrohung, paranoide Deutung der Umgebung, Visionen von Monstern), Einschnürung im Gebärmutterhals (Eingeschlossensein: ewige Opferrolle, psychische und physische »Höllenqualen«), von der Endphase der Geburt (Ringen mit dem Tod: Heftiger Kampf, Freisetzung von Aggressionen in Verknüpfung mit sexueller Ekstase, Kontakt mit Schleim, Blut, Urin, Reinigung im Tod) und schließlich vom Ende der Geburt (Tod und Wiedergeburt: Loslösung, nach dem »Ichtod« Befreiung von äußerem Druck, Ausweitung und Ausdehnung). Nochmals sei betont, daß es sich hier nicht um einen modellhaften Vergleich zur Geburt handelt, sondern der Körper tatsächlich entsprechendes Verhalten zeigt. Tod-und-Wiedergeburtserfahrungen scheinen also etwas dem Menschen Immanentes zu sein: Unabhängig vom kulturellen Hintergrund werden sie sowohl von religiös nicht gebundenen Menschen gemacht als auch in den Riten von naturnahen Völkern tradiert oder dort ebenfalls in Trance erlebt. LSD wirkt gewissermaßen als Katalysator. Die Todeserfahrungen sind dermaßen real, daß sie schon als »Schulung« für den wirklichen physischen Tod verstanden werden können: Menschen mit diesen Erfahrungen haben keine Angst mehr vor dem Sterben. Patienten, die später Krisen wie Koma oder klinischen Tod durchlebt haben, berichten, daß ihre LSD-Erfahrungen ihnen geholfen haben, die spätere reale Krise zu bewältigen. Bis solche Erfahrungen gemacht werden können, müssen in der Regel aber erstmal die seelischen Probleme des Patienten durchgearbeitet werden. Psychodynamische und perinatale Erfahrungen bauen also aufeinander auf, bei einigen Patienten in der Psychotherapie (z. B. bei Grofs früheren Studien in der Tschechoslowakei) sind nicht überwundene Geburtstraumata offensichtlich Ursachen für psychische Probleme. Perinatale Erfahrungen zeigen also dem Patienten eine Unwichtigkeit von Materiellem und die Bedeutung von Spirituellem auf, helfen zugleich, mit dem Tod umzugehen und sind die letzte Stufe bei der Bewältigung psychischer Probleme. d) transpersonale ErfahrungenIn transpersonalen Erfahrungen lösen sich die Raum- und Zeitgrenzen auf: Der Patient empfindet das Bewußtsein anderer Lebewesen. Dies kann von der Verschmelzung mit anderen Menschen oder Menschengruppen über Pflanzen und Tiere bis hin zum gesamten Universum gehen. Auch in die stammesgeschichtliche Vergangenheit kann gereist werden: Der Patient erlebt sich selbst als Zellklumpen oder gar Spermazelle oder er erlebt das Bewußtsein seiner Vorfahren bis hin zu evolutionsgeschichtlichen Ahnen, auch Begegnungen mit Gottheiten, Geistern Verstorbener oder Dämonen sind dokumentiert. Daß bei solchen Erlebnissen die eigene Position als menschliches Individuum gegenüber anderen Lebewesen relativiert wird, scheint logisch. An die Stelle individuellen Bewußtseins tritt im Extremfall ein Bewußtsein für das ganze Universum. Das bedeutet ein intuitives Verstehen des Universums als System, dem alle Bestandteile unveränderlich angehören, vorstellbar vielleicht als einziger großer Organismus. Ein Versuch, die Vielzahl und -fältigkeit dieser Erfahrungen zu gliedern, führt zu den großen Gruppen
Zur ersten Gruppe im Rahmen von zeitlicher oder räumlicher Bewußtseinserweiterung sowie räumlicher Bewußtseinseinengung gehören u. a. embryonale Erfahrungen, Ahnenerfahrungen, evolutionäre Erfahrungen, Identifikation mit anderen Menschen, Tieren oder Pflanzen, Zell-, Gewebe- und Organbewußtsein, Bewußtsein anorganischer Materie bis hin zu planetarem oder universellem Bewußtsein. Auch Phänomene wie Telepathie gehören in die erste Gruppe. Die zweite Gruppe umfaßt u. a. Begegnungen mit spirituellen Wesen, Gottheiten oder Bewohnern anderer Universa, archetypische Erfahrungen und weitere spiritistische oder mediale Erfahrungen. Im Gegensatz zu psychodynamischen Erfahrungen, bei denen die Verwandlung z. B. zu einem symbolhaften Tier geschehen kann, wird in transpersonalen Erfahrungen ganz und gar die Identität, also auch das Bewußtsein und das Verhalten, des Objekts angenommen. Die Patienten können diese verschiedenen Erfahrungen meistens gut auseinanderhalten, der Therapeut muß auf den richtigen Interpretationsansatz achten, bei psychodynamischen Erfahrungen sind eher freudianische Konzepte anzuwenden, bei transpersonalen jungianische. Der Therapeut muß also erkennen, daß sowohl die Lehre Freuds als auch die Jungs Anwendung finden, unter Umständen muß er (als überzeugter Jungianer oder Freudianer) den eigenen Standpunkt revidieren und auch der jeweils anderen Lehre als Erklärungsmodell Gültigkeit zubilligen. Engstirniges, dogmatisches Festhalten an einem Konzept wird dem Patienten nur schaden, da es zu Mißverständnissen zwischen ihm und dem Therapeuten kommt. Transpersonale Erfahrungen treten in der Regel in späteren Sitzungen als psychodynamische oder perinatale auf, es sind zuerst die eigenen psychischen Probleme und Traumata zu bewältigen, bevor es zu einer wirklichen Bewußtseinserweiterung kommt. [ 36 ] Schrittweise arbeitet man sich vor: Die eigenen Probleme und Traumata werden verarbeitet. Erst dann ist der Patient bereit für perinatale Erfahrungen, die ihn Tod und (Wieder-)Geburt erleben lassen. Hat er auch dies erfolgreich bewältigt, folgen in späteren Sitzungen die transpersonalen Erlebnisse. Auch die Vielzahl der transpersonalen Erfahrungen scheint einer gewissen Hierarchie zu unterliegen: Ein planetares Bewußtsein, also das Empfinden der gesamten Erde als einzigen Organismus, oder außerkörperliche Reisen durch den Raum (s. u.) treten seltener und später auf als die Identifikation mit Tieren oder Ahnenerfahrungen. Es scheint also im Regelfall etwas abzulaufen, was einer schrittweisen Initiation vergleichbar ist. Das Ziel bleibt selbstverständlich Heilung bzw. Linderung der Krankheit, nicht die Heranbildung neuer Schamanen. Der Schamane wäre eher der Psychotherapeut, der ja auch eine Reihe von »Intiationssitzungen« erlebt. In der Trennung von Wissenschaft, Religion und Politik bleibt dem Therapeuten allerdings nur die Beschränkung auf das Heilen, ähnlich wie der Pilzschamanin in Mexiko. Die gesellschaftsgestaltende Wirkung, vielleicht noch am ehesten in den sechziger Jahren von Professoren wie Leary angestrebt, entfällt fast völlig. Es scheint aber so, daß LSD schamanische Kräfte entfesseln kann, denn Raumreisen und Erfahrungen außerhalb der objektiven Realität weisen eine starke Ähnlichkeit mit schamanischen Reisen auf: Grof beschreibt das Erlebnis eines Psychiaters, der an einer Lehrsitzung teilnimmt. Der Psychiater bringt sich während des Rausches bei, schrittweise die Raumgrenzen zu überwinden, bis er sich schließlich im Wohnzimmer seines Elternhauses befindet. Um einen Nachweis dafür zu haben, möchte er etwas im Raum verändern und später seine Eltern nach ungewöhnlichen Vorkommnissen befragen. Eine unbestimmte Angst, etwas zu verursachen, daß er nicht mehr kontrollieren kann, hindert ihn am Versuch. Er bleibt so den letzten Nachweis schamanischer Kraft schuldig, gleichwohl erinnert diese Raumreise und die Möglichkeit der physischen Interaktion an von Ethnologen geschilderte schamanische Flüge (z. B. in Duerr 1985). Für Fragestellungen nach dem ökologischen Bewußtsein sind sicher Identifikationen mit der belebten und unbelebten natürlichen Umwelt interessant. Das Einssein mit dem gesamten Leben, der gesamten Erde oder gar dem Universum tritt nur sehr selten auf, vermittelt aber den Erlebenden tiefe Einsichten in die entsprechenden Komplexe. Identifikationen mit Pflanzen treten seltener auf als solche mit Tieren und führen in Verbindung mit perinatalen Erfahrungen oft zu einer Umstellung auf vegetarische Ernährung. Bei vielen transpersonalen Erfahrungen werden dem Patienten Bilder oder Wissen übermittelt, von denen er vorher keine Kenntnis hatte, die aber nachweislich richtig sind. Auch von dieser Seite sind Identifikation und Bewußtseinserweiterungen nicht als Traum oder Halluzinationen abzuwerten, sondern als Erkennen realer Gegebenheiten und Gewinnen von (im objektiven Bereich) richtigen Einsichten zu deuten. Eine Erklärungsmöglichkeit bietet das Bild der Psyche nach Jung: Sind im Individuationsprozeß die Aspekte des persönlichen Unbewußten bewußt geworden und damit die psychischen Probleme gelöst, kann der Trance-Reisende offenbar Zugang zum kollektiven Unbewußten erlangen, den Seiten der Psyche, die meistens verborgen bleiben und dabei doch allen Menschen gemeinsam sind. Auch Begegnungen mit Gottheiten oder mythische Erlebnisreisen lassen sich oft mit Jungs Archetypenlehre erklären. Diese Figuren des Unbewußten treten in Tranceerlebnissen von naturnahen Völkern und westlichen Menschen gleichermaßen in Erscheinung. Mitunter gibt es in den LSD-Erfahrungen auch unwillkürliche Übereinstimmungen mit östlicher Philosophie. Gipfel dieses Bereiches ist die Erfahrung eines »Urgrunds allen Seins« oder seines Antagonisten, der »großen Leere«. Der Zugang zu diesem Wissen erfordert eine Erweiterung des Bewußtsein, also eine Überwindung der Raum-Zeit-Grenzen, den Schamanen Sibiriens gelingt dies durch Trommeln, den Schamanen Mexikos mit Hilfe der Pilzgeister und den Therapeuten und Patienten der modernen Welt durch die Einnahme chemischer Katalysatoren, Drogen wie LSD. Quellen:[ Duerr 1985 ] [ Grof 1988 ] Fußnoten:[35] Ob es sich dabei um symbolhaftes Erleben handelt oder um eine tatsächliche Erinnerung, ist nach Grof noch ungeklärt. [36] Erfahrungen aus den vier Komplexen können aber durchaus ineinander verwoben sein. Die Grenzen zwischen den Bereichen sind eher fließend. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |