SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5.4.3 Rückschlüsse auf die Psyche des MenschenDie Forschungsergebnisse Grofs lassen einige Rückschlüsse auf den Menschen selbst ziehen: Hier werden sehr verschiedene Menschen mit LSD behandelt, verschieden vor allem in ihrer akademischen Vorbildung auch im einschlägigen Bereich und verschieden in ihren religiösen Einstellungen. Trotzdem weisen die Erfahrungen derart viele Gemeinsamkeiten auf, die sogar eine schlüssige Klassifizierung zulassen. Diese Klassifizierungen lassen sich durchaus mit den Erfahrungen und Kenntnissen von Schamanen naturnaher Völker vergleichen. Hier hätte also die westliche Wissenschaft ein gutes Stück aufgeholt gegenüber den schamanischen Wissenschaften: Der Mensch neigt zu ähnlichen Erfahrungen während der Bewußtseinsveränderung, geprägt selbstverständlich durch sein kulturelles Umfeld, vom Typ her aber über die Kulturen hinweg sehr ähnlich. Die Heilung oder Linderung, die daraus resultiert, läßt vermuten, daß viele Menschen eine solche Bewußtseinserweiterung regelrecht brauchen, um ihren Platz in der Welt und eine zufriedene spirituelle Einstellung zu finden. Es darf bei der Bewertung von Grofs Arbeiten nicht außer Acht gelassen werden, daß es sich bei den Patienten um todkranke Menschen handelt, aber interessanterweise zeigen Studien, daß bestimmte Krebsarten auch psychologisch ausgelöst sein können. So können solche Krebserkrankungen (u. a. Magen-, Darm-, Gebärmutterkrebs) als physische Folgen nicht bewältigter psychischer Probleme interpretiert werden. Im Rahmen einer ganzheitlichen Behandlung muß also auf die Psyche eingegangen werden und auch eine Therapie ohne Drogen hilft vielen Patienten. Dennoch scheint die LSD-Anwendung mehrere Vorteile zu bieten: Es können nicht nur frühere traumatische Erlebnisse verarbeitet werden, einige Patienten sind danach sogar in der Lage, Selbstheilungskräfte zu aktivieren, die mindestens die Schmerzen lindern. Durch Erfahrungen im perinatalen oder transpersonalen Bereich werden vielen Patienten spirituelle Einsichten gewährt, die ihnen die Angst vor dem körperlichen Tod nehmen können. In den von Grof geschilderten Extremsituationen werden zwei Dinge deutlich: Unverarbeitete Traumata und psychische Probleme können tödliche Krankheiten zur Folge haben und der Umgang mit dem Tod kann wesentlich zur Lösung von Problemen beitragen. Der Mensch will also sein Leben und Sterben in einen für ihn sinnvollen Kontext gestellt wissen, und das zu leisten, ist die westliche Gesellschaft nur schwer in der Lage (Kapitel 2.3). Die LSD-Behandlung gibt dem westlichen Menschen ein Stück von dem zurück, was er im Vergleich zu den naturnahen Völkern verloren hat: Das Bewußtsein, (s)einen Platz in der Welt zu haben und seine Situation zu akzeptieren. [ 37] Wichtig scheint dabei das Gefühl einer spirituellen Geborgenheit zu sein. Der Mensch möchte, wie erwähnt, in seinem Leben einen Sinn erkennen, der mit dem Tod nicht endet. Gleichzeitig führen die Erlebnisse zur Überwindung des Materialismus: »Das Annehmen der Vergänglichkeit und des Todes führt zur Erkenntnis der Absurdität und Eitelkeit übertriebener Ambitionen, des Hängens an Geld, Status, Ruhm und Macht oder des Strebens nach anderen zeitlichen Werten.« Dieses Resultat ist für die Fragestellung der Arbeit äußerst interessant: Nicht nur bei naturnahen Völkern verhindert Bewußtseinsveränderung innerhalb des Weltbildes übermäßiges materielles Streben, auch in der westlichen Welt ist die Überwindung des Materialismus durch Tranceerlebnisse möglich. Auf die Bedeutung dieser Schlußfolgerung wird im letzten Kapitel zurückzukommen sein. Eng verbunden ist diese »Läuterung durch Trance« mit dem Hervortreten religiöser Bedürfnisse, die im übrigen schon von Jung propagiert werden: Sexualität (Freud) und Machtwille (Adler) [ 38 ] als erklärendes psychisches Prinzip gibt es in der jungianischen Psychologie auch, nur ist keiner von beiden allein ausschlaggebend, JungsLehre ist offener. Neben anderen sogenannten Triebfaktoren gibt es für Jung vor allem das »der Psyche eingeborene geistige oder religiöse Bedürfnis« (Jacobi 1978: 66). Die in Kapitel 2.3 dargestellte positive Wirkung der Religion auf die Psyche wird bestätigt. Auf diese Faktoren wird im Abschlußkapitel zurückzukommen sein, in dem psychische Bedürfnisse formuliert und Vorschläge für Befriedigungsmöglichkeiten gemacht werden. Davor wird im folgenden Kapitel noch Kritik am Drogengebrauch in der westlichen Zivilisation geübt. Verweise:[ 2.3 Psychische Grundbedürfnisse ] Quellen:[ Jacobi 1978 ] Glossar:[ Drogen ] [ Naturnahe Völker ] Fußnoten:[37] Das ist nicht gleichbedeutend mit »sich lethargisch seinem Schicksal zu ergeben«: So benutzt eine Patientin ihren Tod als Katalysator, um ihre zerstrittene Familie wieder zusammenzubringen. [38] Ohne die Arbeiten Adlers zu kennen, ist der Verfasser der Meinung, daß Machtstreben meistens durch den Sexualtrieb zu erklären ist oder durch die Befriedigung anderer Grundbedürfnisse – der Triebfaktor scheint nicht dasselbe zu sein wie die Grundbedürfnisse aus Kapitel 2. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |