SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5.5 Schamanische KritikEinige Probleme der Verwestlichung des Gebrauchs von Drogen sind schon angesprochen worden. Ergänzend scheint eine Darstellung der Unterschiede zum schamanischen Gebrauch und logischerweise eine schamanische Kritik notwendig, die aufgrund der möglichen Detailfülle und der Tatsache, daß der Verfasser nicht selbst Schamane ist, unvollständig bleibt. Wichtigster Punkt ist wohl: »Der Psychoanalytiker hört zu, der Schamane dagegen redet.« (Lévi-Strauss in Haseneier 1992: 201) Es ist in der Tat der Schamane, der in Trance fällt und den Heilungsprozeß einleitet, leitet und beschließt. Zwar können z. B. im Pilzschamanismus auch Kranke die Pilze nehmen, aber in der Hauptsache ist das dem Schamanen vorbehalten, er agiert in Trance und heilt, indem er wie die Sibirier zu den Geistern reist oder wie bei den Mazateken durch ihn der Pilzgeist wirksam wird. In der westlichen Psychotherapie nimmt dagegen der Patient die Droge, der Therapeut kennt zwar aus eigener Erfahrung die Zustände, die erreicht werden, begleitet aber die Sitzung nüchtern, um auf Krisen reagieren zu können. Die Einbeziehung des sozialen Umfelds geschieht sowohl im schamanischen als auch im klinischen Setting, obwohl die Beteiligung in einer schamanischen Sitzung intensiver sein dürfte. Große Unterschiede bestehen im Setting allgemein: Zwar gibt es auch für die klinische Anwendung gewisse Regeln, aber die Ritualstruktur des traditionellen Gebrauchs fehlt völlig, was von der Ernte und Zubereitung der Pflanzen bis zur Tageszeit der Einnahme (auch Mondphasen werden z. T. von Schamanen berücksichtigt), der Ausstaffierung des Raumes, der Gebete und Gesänge reicht. Auch Fastenregeln und Enthaltsamkeit vor Ritualen sind bei den Schamanen besonders ausgeprägt. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verwendung synthetischen Materials: Zwar hat María Sabina bestätigt, daß der Geist der Pilze in den Psilocybinpillen Hofmanns enthalten ist, aber sie konnte bei der Einnahme der Pillen auf ihren ganzen Kultur- und Erfahrungsschatz zurückgreifen. Kritiker meinen, daß Geist und Wirkstoff eben nicht dasselbe sind und damit bei der Einnahme von Psilocybin in medizinischen Behandlungen die archetypische Dimension [ 39 ] des Pilzes unberücksichtigt bleibt, also nur auf die chemische Kraft der Substanz vertraut wird und die von Schamanen viel intensiver genutzte mythische Kraft, der Geist der Pilze, vernachlässigt wird. Gleiches gilt noch stärker für LSD, das in dieser Form (nach heutigem Kenntnisstand) in der Natur nicht vorkommt und nur auf die Tradition von fünfzig Jahren zurückgreifen kann. In der letzten Konsequenz bleibt der medizinische Gebrauch dem naturwissenschaftlichen Weltbild verhaftet, er löst sich nicht vollständig, sondern schafft nur begrenzten Raum für Bewußtseinserweiterung. Es gibt allerdings auch die medizinische Drogenanwendung, die mit einem schamanischen Ritual verknüpft wird (z. B. Pinkson 1992). In einer Gruppensitzung mit vielen schamanischen Elementen wird die Droge (um welche es sich handelt, wird in dem Beispiel nicht beschrieben) eingenommen, der Leiter des Rituals bleibt aber weitgehend nüchtern, um als Bezugspunkt dienen zu können. Er nimmt also wieder keine traditionellen Schamanenrolle ein. Auch wäre kritisch zu untersuchen, ob das Zusammenmixen verschiedener Elemente verschiedener Kulturen zu einem neuen Ritual sinnvoll ist und welche psychische Wirkung die Teile des Rituals haben. Allerdings werden auch mit dieser Form der Anwendung Erfolge erzielt, das kann nicht bestritten werden. Von einer vollständigen Übernahme der schamanischen Prinzipien in die Medizin kann noch nicht gesprochen werden, wohl aber von einer gelungenen Wiederentdeckung der oft heilenden Wirkung veränderter Bewußtseinszustände. Ein bißchen besser kommen in Hinsicht auf Set und Setting die quasi-religiösen Untergrundrituale der westlichen Pilzkultur weg: Es wird »Original«-Material genommen, Fasten und Enthaltsamkeit folgen den schamanischen Regeln und auch eine Ritualstruktur wird übernommen und angepaßt oder sinnvoll entwickelt. Von der Durchführung des Rituals kann also aus schamanischer Sicht nicht viel einzuwenden sein, aber der Zweck des Rituals dient oft nicht der Heilung, es gibt sogar Ritualleiter, die dazu auffordern, persönliche Probleme nicht ins Ritual einzubringen. Ein solcher Konsum aus hedonistischen Gründen ist aus schamanischer Sicht nicht zu verantworten, sogar das Suchen nach religiöser Erleuchtung ist für Schamanen wie María Sabina kein Grund, eine velada abzuhalten. Allein der Heilungszweck rechtfertigt den Gebrauch von Drogen. Auch der Vergleich mit dem Wein (Metzner 1992), der als Sakrament beim Abendmahl, als maßvolles Genußmittel gebraucht und als Rauschmittel mißbraucht werden kann, scheint kein Argument für einen, wenn auch verantwortungsvollen, hedonistischen Gebrauch von Psilocybin oder LSD zu sein: Objektiv (und entgegen theologischen Auffassungen) ist der Wein beim Abendmahl nur ein Symbol, als Sakrament erweitert er das Bewußtsein nicht, eine schamanische Kraft fehlt dem Alkohol und eine archetypische Dimension kann auch nicht ausgemacht werden. Der Wein ist nur während des Abendmahls geweiht, während der Pilz aus schamanischer Sicht per se heilig ist.[ 40 ] In der ausgewerteten Literatur taucht nur eine Schilderung auf, die einer strengeren schamanischen Beurteilung standhält, nämlich die von Strassmann (1996) beschriebene Heilung (Kapitel 5.1). Hier tritt der Heiler selbst in Interaktion mit den krankmachenden Geistern, er kann das Mädchen sogar heilen, ohne daß sie anwesend ist. Es wird nicht deutlich, woher er seine Ritualformen bezogen hat, vermutlich wird er ihm bekannte Elemente sinnvoll seinen Bedürfnissen angepaßt haben. Da er selbst als Schamane erfolgreich agiert, ist dies kaum zu kritisieren, zumindest nicht aus schamanischer Sicht. Immerhin zeigt dieses eine Beispiel, daß ein erfolgreicher »Import« schamanischer Konzepte möglich ist. Der westlichen Medizin scheint es aber gelungen zu sein, in ihren Sitzungen das archetypische Material, also das allen Menschen im Unbewußten gemeinsame herauszuarbeiten – so erklären sich die Gemeinsamkeiten mit den Schilderungen von Schamanen. Um schamanische Konzepte erfolgreich übernehmen zu können, müssen aber die kulturtypischen Unterschiede ausgeblendet werden. Schamanismus in der westlichen Gesellschaft könnte nicht auf den polytheistischen Weltbildern der naturnahen Völker aufgebaut sein, man müßte jedem Arzt und Patienten ein neues Weltbild quasi aufzwingen. So können zwar schamanische Konzepte in die westliche Welt eingebunden werden, aber sie müßten auf aus dieser Gesellschaft hervorgegangenen Glaubensvorstellungen fußen können. Daß die Heilung mit Hilfe von Jesus Christus und Pilzgeistern möglich ist, zeigt das Leben der María Sabina, und auch die Bewußtseinsveränderung als geistige Schulung an sich ist der westlichen Zivilisation nicht fremd, wie die Schriften einiger Philosophen zeigen. Drei Beispiele sollen dies illustrieren, bevor im letzten Kapitel die Schlußfolgerungen gezogen werden. Verweise:[ 4.3 Pilzschamanismus in Mexiko ] [ 5.1 Vom Pilzschamanismus zur weltweiten Pilzkultur? ] Quellen:[ Haseneier 1992 ] [ Metzner 1992 ] [ Pinkson 1992 ] [ Strassmann 1992 ] Glossar:[ Drogen ] [ Naturnahe Völker ] [ Schamanismus ] [ Set und Setting ] Fußnoten:[39] Haseneier (1992) diskutiert den Pilz als Archetyp im Sinne Jungs. [40] Das gilt auch für eine Vielzahl anderer schamanischer Pflanzen. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |