SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 5.6 Der westlichen Gesellschaft entsprugene KonzepteEs gibt zahlreiche Ursachen dafür, daß aus vielen verschiedenen Wurzeln eine auf rationalen Erkenntnissen basierende materialistische Gesellschaft wie die westliche entstehen konnte, die hier nicht diskutiert werden sollen. Aber in einigen dieser Wurzeln finden sich Weltbilder mit schamanischen Zügen und ritualisierte Bewußtseinsveränderung mit Trance und Ekstase, mindestens bei den Kelten und Germanen, die überdies Naturgewalten verehren und also eine ganz andere Beziehung zur Natur haben als ihre Nachfahren. Bei den Griechen finden sich verschiedene Ekstasekulte zur Verehrung bestimmter Götter (z. B. Dionysos). Auch Jesus Christus ist nicht frei von schamanischen Eigenschaften, wenn er durch das Austreiben böser Geister heilt, durch extremes Fasten in Trance fällt und dem Teufel begegnet oder gar stirbt, wiederaufersteht und in den Himmel fährt, quasi das Standardrepertoire sibirischer Schamanen. Daß ausgerechnet die christliche Kirche im Mittelalter die letzten Weisen, die sogenannten Hexen, verfolgt und verbrennt, ist schon fast paradox zu nennen und ein Zeichen großer Ignoranz dem alten Wissen dieser Frauen gegenüber. So ist dieses Wissen also spätestens im Mittelalter verlorengegangen und auch von den in der Neuzeit erwachenden Naturwissenschaften nicht wiedererweckt worden. Gleichwohl hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die sich mit den in der Arbeit geschilderten Phänomenen auf ihre Art und Weise auseinandergesetzt haben. Henry David Thoreau zum Beispiel gehört im 19. Jahrhundert den Transzendentalisten um Ralph Waldo Emerson an. Zwei Jahre lang lebt er, materiell nur mit dem nötigsten ausgestattet, in einer Hütte im Wald in der Nähe seiner Heimatstadt Concord/Massachusetts. Sein Bericht »Walden oder Leben in den Wäldern« (Thoreau 1979) liefert nicht nur detaillierte Informationen über die technischen (Gartenbau) und ökonomischen Aspekte, sondern auch eine ausführliche Kritik an der Zivilisation und verschiedene Zeugnisse mystischer Erlebnisse. Ihm geht es darum, sich durch Reduktion des materiellen Strebens auf die bloße Grundbedürfnisbefriedigung auf das geistige Streben konzentrieren zu können. Warum, so fragt Thoreau ständig, soll der Mensch sich ständig materiell erneuern, wenn er sich nicht auch geistig erneuert? Dieses Streben sieht er als viel wichtiger an als das materialistische Tun seiner Mitmenschen. Thoreau sucht die Eine Wahrheit, befreit vom »Schlamm und Kot der Meinungen«, von Religion, Philosophie und überhaupt vom ganzen Alltagsleben, um auf ihrem festen Grund stehen zu können. Fast scheint es, als ob er durch seine Lebensweise wirklich intensive Trancezustände kennengelernt hat, zumal ihm auch indische und chinesische Philosophie nicht fremd sind, ausdrücklich betreibt er Meditation. Er spricht von verschiedenen Arten der Wahrnehmung und des Verstehens der Natur, von direkter Verbindung zu Gott und Jesus Christus, von Trunkenheit, die nicht vom Wein kommt. Das ganze Buch durchziehen Äußerungen, die andeuten, daß Thoreau wesentlich mehr erlebt hat, als er seiner (wohl ursprünglich puritanischen) Leserschaft darlegen will oder, aufgrund der Zeit (1854), kann. Abgesehen vom eigenen geistigen Streben möchte Thoreau auch anderen Menschen Anregung geben, aber ausdrücklich nur den unglücklichen und unzufriedenen. Jeder sei frei, seinen eigenen Weg zu suchen. Bei seinen Überlegungen über das Wesen des Menschen stellt Thoreau aber fest: »Bei etwas mehr Überlegung in der Wahl ihrer Beschäftigung würden wohl alle Menschen vor allem Studierende und Forscher, denn gewiß ist Natur und Schicksal des Menschen allen gleich interessant.« Hier könnte man ein Bedürfnis nach (Selbst-)Erkenntnis als These Thoreaus interpretieren, später geht er aber noch weiter: Auch der einfache Tagelöhner soll »mit Jesus Christus selbst in Verbindung treten und ›unsere Kirche‹ über Bord werfen.« (Thoreau 1979: 114). Insofern propagiert er schon geistige Erweiterung für jeden Menschen, mindestens aber für jeden, der daran teilhaben möchte. Thoreau sucht wirkliche Freiheit, in dem er sich frei macht von materiellem Besitz, und nur einen kleinen Teil seiner Arbeitszeit für den Lebensunterhalt verwenden muß – der Rest bleibt für Philosophie und Naturbeobachtung. Ein bloßes Nacheifern wäre aber wohl kaum als eigene geistige Erhöhung zu sehen, doch im Kern führt der thoreausche Weg über die Überwindung des Materialismus. Dagegen muß ein sogenannter Geheimschüler nach Rudolf Steiner (1982) eine wesentliche härtere und längere Schulung durchlaufen: In seinen Schriften über Erkenntnisse der höheren Welten (erstmals 1904/05) beschreibt er, welchen Anforderungen ein sogenannter Geheimschüler genügen muß. Der Weg führt hier weder über Drogen noch über extreme Enthaltsamkeit, vielmehr geht es darum, im normalen Alltagsleben langsam die Fähigkeiten zu entwickeln, die später für den Zutritt zu den höheren Welten notwendig sind. Konzentrierte Sinneswahrnehmung, Toleranz und Verständnis sowie richtiges Nachdenken, bevor man urteilt, müssen ausgebildet und mit dem Herzen ausgeübt werden – es genügt nicht, negative Gefühle zu unterdrücken. Der Geheimschüler muß über ihnen stehen und verstehen, warum er sie fühlt, um sie zu überwinden. Im Zuge der Schulung werden dann seelische Sinnesorgane herausgebildet, deren Funktionsweise ein wenig an die seelische Wahrnehmung der Lakandonen erinnert. Denken, Fühlen und Wollen müssen während der Schulung im Gleichgewicht bleiben, dann wird der Geheimschüler später auch Erlebnisse in den höheren Welten haben, die wieder bis zur Überwindung des Todes gehen können. Im Gegensatz zu schamanischen Konzepten bei naturnahen Völkern geht es hier zunächst um die persönliche Erhöhung durch Reinheit: für »böse« Gedanken darf kein Platz sein, alles Negative muß während der Schulung überwunden werden, während es im traditionellen Schamanismus kaum ein Gut und ein Böse gibt, sondern vielmehr alle Aspekte des Lebens integriert werden und wenn ein Schamane mit den Geistern der Unterwelt umgehen soll, so werden diese kaum von ihm eine innere Reinheit fordern, wie Steiner dies von den Geheimschülern verlangt. Der soziale Auftrag, den ein Schamane hat, fehlt ja auch bei Thoreau und Steiner, obwohl ein Geheimschüler selbstverständlich während seiner Schulung und beim Nachdenken auf Dinge stößt, die getan werden müssen. Diese soll er dann auch angehen, trotzdem steht er dabei zuerst im Dienste seiner selbst, während ein Schamane im Dienste seiner Gesellschaft steht. Da sich der Verfasser nicht so intensiv mit Steiner auseinandergesetzt hat, muß hier offenbleiben, inwieweit sich in seinem Konzept Ideen aus Philosophien anderer Kulturen wiederfinden und damit auch, bis zu welchem Grade die Schrift als der westlichen Zivilisation entsprungen zu werten ist. Dorothee Sölle (1997) beschäftigt sich mit den mystischen Aspekten des christlichen Glaubens, die sie als direkt erfahrbaren Zugang zu Gott definiert. »Wir sind alle Mystiker« (Sölle 1997: 14), stellt sie fest und läßt sich auch durch einen indianischen Medizinmann bestätigen, wie sehr die »spirituellen Waisenkinder« der westlichen Gesellschaft nach Mystik hungern. Entschieden wendet sie sich aber gegen das esoterische »fast-food« der New-Age-Bewegung: Zur gelebten und erfahrbaren Religion gehören neben der Mystik auch eine gewisse Tradition und Bindung, ein institutioneller Aspekt des Glaubens, und der intellektuelle Aspekt, das immer wieder kritische Überprüfen und Durchdenken der Widersprüche. Nur die drei Aspekte nebeneinander vermeiden »realitätsflüchtige Abhängigkeit« (Sölle 1997: 74 ff.). [ 41 ] Sölle möchte Mystik demokratisieren, das heißt jedem (Christen) deutlich machen, daß jeder Glaubenserlebnisse mystischer Qualität haben kann und dies keinesfalls wenigen Auserwählten vorbehalten ist. Zwar sind mystische Erlebnisse individuell, wirken aber trotzdem der Individualisierung der Gesellschaft entgegen: Gerade aus diesen Erfahrungen wächst die Kraft, gemeinsam mit anderen bestehendes Unrecht zu beseitigen und für seine Überzeugungen und für Gerechtigkeit einzutreten. Als Beispiel nennt Sölle u. a. die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre in den USA, die Friedensbewegung bis hin zum Widerstand gegen den Atomstaat (den gewaltfreien Teil desselben freilich) oder auch die Befreiungstheologie Lateinamerikas. So gibt Mystik nicht nur dem einzelnen Stärke, sondern wirkt sich auch positiv auf die Gesellschaft aus, Mystik und Widerstand gehören zusammen. Beispiele für Orte mystischen Erlebens sind Gemeinschaft, Freude, Leiden, Erotik und auch die Natur, in der Schöpferkraft offenbar wird: Die Welt ist in Gott und Gott in ihr, so kann der Mystiker in der Natur eins werden mit der Schöpfung und mit Gott. Dabei tritt das patriarchalische Herrschaftsprinzip des Christentums (Gott herrscht über den Menschen, der Mensch über die Natur) zurück zugunsten des mystischen Einsseins (unio mystica), für das es aber in der Bibel auch zahlreiche Beispiele gibt. Diese drei Beispiele – Thoreau, Steiner, Sölle – zeigen, daß die westliche Gesellschaft keinesfalls ausschließlich auf Importe aus naturnahen Kulturen angewiesen ist. Zwar ist der Zugang zu höheren Welten mittels Drogen einfacher, doch können die damit verbundenen Gefahren diesen Vorteil zunichte machen. Vielleicht ist der einfache Zugang an sich schon eine Gefahr, weil sich nicht so sehr um die Hintergründe bemüht werden muß, der Gebrauch durch bloßen Konsum zum Mißbrauch werden kann. Ignorant wäre es aber zu nennen, wenn man die vielfältigen Möglichkeiten, z. B. mit Hilfe psilocybinhaltiger Pilze zu heilen, nicht nutzen und in die Gesellschaft einbetten würde, leichtfertig wäre es wohl, sie zum alleinigen Allheilmittel zu machen – je härter der Weg zur Erleuchtung, desto nachhaltiger dürften die Erlebnisse sein und desto leichter könnte mit ihnen umgegangen werden. Im abschließenden Kapitel sollen Vorschläge erarbeitet werden, wie die bisher geschilderten Kenntnisse ihren Platz in der nachhaltigen Gesellschaft finden können. Quellen:[ Sölle 1997 ] [ Steiner 1982 ] [ Thoreau 1979 ] Glossar:[ Materialismus ] [ Naturnahe Völker ] [ rational ] [ Schamanismus ] Fußnoten:[41] Das Problem der großen Amtskirchen sei übrigens die Überbetonung einzelner Elemente, im Protestantismus des intellektuellen, im Katholizismus des institutionellen Elements, und die Vernachlässigung der Mystik. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |