SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 6. Psychische Grundbedürfnisse in der nachhaltigen GesellschaftDie nachhaltige Gesellschaft soll ihren Mitgliedern Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse geben. Diese Möglichkeiten sollen ökologisch verträglich sein, es wird sich um nichtmaterielle Wege handeln (Kapitel 1 und 2). Die zwei Ziele dieser Forderung sind:
Hier sei noch einmal betont, daß gerade der Versuch, psychische Bedürfnisse materiell zu befriedigen, zum Materialismus führt, zu übermäßigem Streben nach materiellen Gütern. Dies hat zur gegenwärtigen sozialen und ökologischen Krise der westlichen Gesellschaft beigetragen (Kapitel 2, Meadows et al. 1993). Eine Überwindung dieses Materialismus ist Bedingung für das Erreichen von Ökostabilität einer nachhaltigen Gesellschaft. Die schamanischen Weltbilder vieler naturnaher Völker haben dazu beigetragen, diese beiden Ziele zu erreichen (Kapitel 3 und 4). In einzelnen Wissenschaftsdisziplinen ist bereits mit einigem Erfolg versucht worden, das Wissen dieser naturnahen Völker zu nutzen, bisher jedoch ohne eine wirkliche Erneuerung der westlichen Gesellschaft und ihrer Wissenschaft (Kapitel 5). Im folgenden Abschlußkapitel wird untersucht, auf welche Weise psychische Bedürfnisse in der nachhaltigen Gesellschaft befriedigt werden können. Zuerst werden die Bedürfnisse selbst geschildert. Nach Betrachtung der ökologisch relevanten Gesichtspunkte bilden konkrete Vorschläge zur Einbindung und Nutzung des neuen Wissens den Schluß der Arbeit. 6.1 Psychische GrundbedürfnisseIn den Schilderungen der verschiedenen Weltsichten und Trancerituale ist deutlich geworden, daß es zwischen den einzelnen Kulturen (unter Einbeziehung der westlichen) sowohl große Unterschiede als auch viele Gemeinsamkeiten gibt. Ein allgemeines, also für alle Menschen gültiges psychisches Grundbedürfnis zu formulieren, stellt sich scheinbar als schwierig heraus – zumal es von den verschiedenen Wissenschaftsmodellen akzeptiert werden müßte. Betrachtet man Kulturen, in denen schamanische Praktiken zum religiösen Erleben gehören, so lassen sich die Elemente der Tranceerlebnisse in zwei Gruppen einteilen: In der ersten Gruppe finden sich alle kulturtypischen Elemente, also die symbolhaften Abbildungen der jeweiligen Kultur selbst. Beispiele sind die Jenseitsreisen mit Tiergeistern in einer Jäger-Sammlerkultur im Unterschied zum engen Kontakt zu Pflanzengeistern einer Garten- oder Feldbaukultur. Neben diesen kulturtypischen Elementen gibt es aber auch Elemente, die in Tranceritualen über alle Kulturen hinweg auftreten, sogar im religiös unreflektierten LSD-Gebrauch der westlichen Medizin. Ein wichtiges Beispiel dafür sind die Tod- und Wiedergeburtserlebnisse. Diese Erlebnisse basieren offensichtlich auf biologischen Gemeinsamkeiten der Menschen als Art, die nicht nur physischer sondern auch psychischer Natur sind. Tatsächlich erlebt jeder Mensch physische Geburt und physischen Tod, es wäre daher ungerechtfertigt zu behaupten, daß nur Mitglieder einzelner Kulturen oder nur einzelne Schamanen solche Erlebnisse während der Trance haben: Alle Menschen, die bereit sind, eine entsprechende Ausbildung zu durchlaufen, müßten diese archetypischen Erlebnisse haben können. Die Einsicht, daß es solche biologischen Gemeinsamkeiten gibt, ist Voraussetzung für die Anerkennung eines entsprechenden psychischen Bedürfnisses: »Das Schamanentum ist keine Religion – wie oft mißverständlich behauptet wurde –, sondern die persönliche Erfahrung veränderter Bewußtseinszustände. Mircea Eliade spricht diesbezüglich von einer kosmischen Religion und Aldous Huxley von einer Ewigen Philosophie, die von dem universalen menschlichen Verlangen getragen ist, die Dimension des Heiligen wiederzuentdecken.« In diesem Zitat stellen Eliade und auch Huxley ein für alle Menschen gültiges Bedürfnis nach Bewußtseinsveränderung auf (kosmische Religion, universales menschliches Verlangen). Auch die Kulturanthropologin Felicitas Goodman stellt ein Bedürfnis nach solchen Bewußtseinszuständen fest. »Entzieht man ihm [dem Menschen] den Zustand der Vision, der Ekstase, (…), dann hat das ebenfalls schwerwiegende seelische und körperliche Folgen.« (Goodman s. a.: 10). In allen geschilderten Quellen wird ein solches Bedürfnis offenbar, nur die Bezeichnungen sind nach Kultur oder wissenschaftlichem Hintergrund unterschiedlich: Sölle spricht von spirituellem Hunger und der (Re-)mystifizierung der eigenen Religion, Jung, der ein religiöses Bedürfnis kennt, vom Erleben archetypischer Elemente. Es geht um die Wiederentdeckung des Heiligen (HUxley, s. o.) oder um eine Er-kenntnis der höheren Welten (Steiner); es geht darum, Trost und Rat durch schamanische Geister zu erhalten (Sibirien, Mazateken) oder sein Bewußtsein wieder aufzuklaren (Lakandonen). Alle diese Begriffe spiegeln das Bedürfnis nach spiritueller Führung wider, Führung allerdings nicht durch einen Guru, sondern durch eine höhere Instanz als der Mensch: Religion soll direkt erfahrbar sein, dem Transzendenten soll ein Platz im eigenen Leben zugewiesen werden. Die dem Menschen eigene Suche nach dem Sinn des Lebens steht hinter einem solchen Bedürfnis, vielleicht aber auch der Wunsch, von einer höheren Instanz Trost und Rat zu erhalten oder Verantwortung abladen zu können. Nun kann selbstverständlich nicht jedem Menschen unterstellt werden, er habe den unterdrückten Wunsch, Schamane zu werden: Selbst bei den naturnahen Völkern gibt es große Unterschiede, wie weit einzelne Menschen etwaige Schulungswege beschreiten können, wollen oder dürfen, aber das Transzendente ist in solchen Kulturen meist allgegenwärtig, praktisch erfahr- und anwendbar. Der verhaltenslenkende (erzieherische, pädagogische) Effekt erstreckt sich auf die ganze Gesellschaft. In der westlichen Gesellschaft ist solches Erleben weit zurückgedrängt worden, [ 42 ] nur wenige Menschen haben es sich bewahren können, einige haben es neu entdeckt, andere haben durch intensive schöpferische Tätigkeit (z. B. in der Musik) neue Wege gefunden, ihren »spirituellen Hunger« zu stillen. So kann kein einheitlicher Weg vorgeschlagen oder gar vorgeschrieben werden, die Vielfalt der westlichen Zivilisation wird sich auch in der Befriedigung psychischer Bedürfnisse wiederfinden. Notwendig ist zunächst, daß die westliche Gesellschaft die reale Existenz solcher Bedürfnisse und damit auch metaphysische Aspekte des Lebens anerkennt und den Menschen Gelegenheit bietet, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Im Hinblick auf eine nachhaltige Gesellschaftsstruktur können veränderte Bewußtseinszustände dann vielfältig genutzt werden. Kalweit (1984) nennt als Resultate von Bewußtseinsveränderung bei naturnahen Völkern unter anderem die stabilisierende Wirkung in Zeiten sozialer Krisen oder Akkulturation, die Hervorbringung neuer sozialer Institutionen, wenn veränderte Bedingungen diese notwendig machen, die Beeinflussung von Mensch und Tier sowie das Schaffen von Beziehungen zu Flora und Fauna. Ganz allgemein werden alternative Bewußtseinszustände als Lernmethode genutzt. Bewußtseinsveränderung zur Befriedigung psychischer Bedürfnisse kann aber nicht unvorbereitet und unreflektiert verwendet werden. Unter Umständen tritt genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung ein: Die Erlebnisse geraten außer Kontrolle und können nicht verarbeitet werden, psychische Schäden sind die Folge (der »Horrortrip« beim Drogenmißbrauch). Eine spezielle Vorbereitung ist notwendig, die schrittweise das erforderliche Wissen vermittelt. Neben der Theorie um Weltbilder, Archetypen und Trancemethoden darf die Vermittlung einer notwendigen geistigen Grundhaltung nicht unterbleiben. Die Bereitschaft, eigene Probleme wahrzunehmen und das eigene Handeln an als richtig erkannten Regeln gegebenenfalls neu auszurichten, muß bereits im normalen Bewußtseinszustand vorhanden sein. Um das zu erreichen, darf die Vermittlung rationalen Wissens (z. B. über ökologische oder soziale Zusammenhänge) nicht von dieser Vorbereitung abgekoppelt werden. Dieser gesamte Komplex wird im folgenden als »geistige Schulung« bezeichnet, die neben anderen Ausbildungen (z. B. Berufsausbildung) im Leben des einzelnen Menschen einen festen Platz bekommen sollte. Konkrete Vorschläge dafür werden in Kapitel 6.3 gemacht. Verweise:[ 2. Die Bedürfnisse des Menschen ] [ 3. Schamanismus im arktischen und subarktischen Raum ] [ 4. Schamanismus in Lateinamerika ] [ 5. Bewußtseinsveränderung in der modernen Welt ] [ 6.3 Einbindung schamanischer Prinzipien in die westliche Welt ] Quellen:[ Goodman s. a. ] [ Kalweit 1984 ] Glossar:[ Materialismus ] [ Nachhaltigkeit ] [ Naturnahe Völker ] [ Ökostabilität ] [ Schamanismus ] [42] Wie es dazu gekommen ist, wäre eine weitere Untersuchung wert. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |