SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 6.3.2 Vereinigung westlicher und naturnaher WissenschaftenWie passen schwingende Atome, manipulierbare Gene mit schamanischen Geistern, sprechenden Pilzen zusammen? Die Kluft scheint groß, sie ist aber nicht unüberwindbar. Ein Beispiel zeigt, wie dieses Zusammenwachsen scheinbar unabsichtlich verlaufen kann: Die Genetik, die immer mehr die Wissenschaft des Lebens allein zu werden scheint, kann bisher noch nicht die Morphogenese erklären, denn alle Zellen enthalten dasselbe Erbmaterial, warum bilden sie sich so verschieden aus und setzen sich zu so verschiedenen Organen zusammen? Als Rupert Sheldrake (1997) dieser Frage nachgeht, baut er zur Erklärung die Theorie der morphogenetischen Felder als Erweiterung des naturwissenschaftlichen Weltmodells aus. Sheldrake ist aber nicht der erste und einzige, der sich damit auseinandersetzt. Die westliche Wissenschaft ist damit um ein Feld, das bestimmte Entwicklungspfade für die Morphogenese vorgibt, reicher. Diese Theorie ist aus rein naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Überlegungen heraus entstanden. Kalweit (1998) nähert sich von der anderen, der schamanischen Seite. Er deutet die schamanischen Weltbilder ebenfalls als Feld: Ein großes Energie- oder Plasmafeld, außerhalb der physikalischen Raumzeit, durchdringt alles Leben. Stehen Menschen auf einer technologisch niedrigen Stufe, so müssen sie sehr genau auf die Natur achten, um in ihr leben zu können – sie müssen ihr Seelenfeld in Einklang mit dem Energiefeld der Natur schwingen lassen, [ 45 ] und der Schamane ist derjenige, dem dies am besten gelingt. Er kommuniziert mit dem Energiefeld oder den Feldern anderer Lebewesen. Daß diese Theorie nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich z. B. im Weltbild der Lakandonen, wo das Bewußtsein des Menschen mit dem Bewußtsein des Himmels in Einklang gebracht werden muß. Die Beschreibung der Geistwelten und der Reisen der Schamanen sind dann Analogien, um dieses Plasmafeld beschreibbar zu machen. Diese Interpretation wertet keinesfalls die Leistungen der Schamanen ab, im Gegenteil: Allein mit dem Wissen um diese Dinge sind sie westlichen Wissenschaftlern weit voraus, die Abstraktion in das schamanische Weltbild ist eine weitere große Leistung, denn allen Menschen der Gesellschaft können die Phänomene verständlich gemacht werden. Wenn auch die schamanischen Weltbilder schon mit solchen Feldern auszudeuten sind, dann ist der Schritt zur Überlagerung mit den westlichen Konzepten nicht mehr weit, und tatsächlich vergleicht Kalweit Konzepte anerkannter Naturwissenschaftler und kommt zu den Theorien Burrs (in Kalweit 1998). Burr war einer von Sheldrakes (zeitlichen) Vordenkern. Dieses ist freilich nur ein Konzept zur Integration schamanischen Wissens, es gibt noch andere und es ist wohl von den beteiligten Weltmodellen aus zu untersuchen, wie nahe einzelne Konzepte der Wahrheit wirklich kommen. Man sieht: Es gibt Vorschläge, aber abgeschlossen ist dieser Aspekt der integrierenden oder transkulturellen Wissenschaft noch lange nicht. Schamanen und Naturwissenschaftler haben noch viel voneinander zu lernen. Bei dem ganzen Prozeß sollte auch darauf geachtet werden, sich sorgfältig von den Bereichen esoterischer Subkultur abzugrenzen: Gerade in der heutigen Zeit wird die Gesellschaft überschwemmt mit esoterischen Angeboten, deren Lehren und Heilmethoden oft auch aus schamanischer Sicht zweifelhaft erscheinen müssen. [ 46 ] Die Ergebnisse der Forschung müssen sowohl von Naturwissenschaftlern als auch von Schamanen ernstgenommen werden können. Dieses Wissen fließt dann in die möglichen Schulungswege ein. Quellen:[ Kalweit 1998 ] [ Sheldrake 1997 ] Glossar:Fußnoten:[45] In der westlichen Zivilisation ist das dank Technik nicht mehr nötig, das Überleben ist gesichert, die Natur scheinbar besiegt [46]. Daß esoterische Angebote nachgefragt werden, ist aber ein weiteres Indiz für die Existenz der vorgeschlagenen psychischen Bedürfnisse. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |