SCHAMANISMUS UND NACHHALTIGKEITstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1999 7. Anhang7.1 GlossarViele der im Text verwendeten Begriffe werden in der Fachwelt unterschiedlich definiert. Der Übersicht halber sind die auftauchenden Fachbegriffe hier noch einmal aufgelistet mit den in der Arbeit benutzten Definitionen. Drogen: Unabhängig von neueren Wortschöpfungen in den einschlägigen Wissenschaften wird in der Arbeit für bewußtseinserweiternde Pflanzen oder entsprechende synthetische Substanzen der Begriff »Drogen« gebraucht. Er soll ganz ohne den negativen Beigeschmack des westlichen Drogenmißbrauchs verstanden werden. Ein neu eingeführter neutraler Begriff wäre »Entheogen« (u. a. von Ott (zitiert in Ott s. a.) eingeführt, bedeutet: das Göttliche innerhalb werden), der aber auch von Fachautoren (z. B. Metzner 1992) durchaus kritisch betrachtet wird. »Halluzinogen« bezeichnet eine bestimmte Klasse von Drogen, wogegen »Psychedelikum« schon ein wissenschaftliches Paradigma einschließt (Yensen 1992). irrational, irrationales Wissen: Was in der westlichen Naturwissenschaft nicht erklärt werden kann, gilt als irrational, und ist damit das Gegenteil von rational. Andere Kulturen gehen aber mit solchen Phänomenen alltäglich um und arbeiten z. B. mit veränderten Bewußtseinszuständen. Sie haben diese Phänomene in ihr Weltbild eingebaut und somit eine größere objektive Realität als die westliche Zivilisation. materialistisch, Materialismus: Überbetonung der materiellen Elemente des Lebens bis hin zur Verneinung der nichtmateriellen, geistigen Aspekte. Materialistisches Streben ist Streben nach materiellen Gütern, das über die notwendige Bedürfnisbefriedigung in einem ökologisch unverträglichem Maß hinausgeht. In Bezug auf die Wissenschaft ist Materialismus die Reduzierung der Welt auf das westliche, rationale Weltmodell, das allein mit physikalisch-chemischen Methoden zu erklären versucht wird. materiell: Unter den materiellen Aspekten des Lebens soll das Streben nach materiellen Werten in einer der Umwelt und Gesellschaft nicht schädlichen Form verstanden werden. Im wesentlichen geht es dabei um die Befriedigung materieller Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleidung). Materielles Streben darf auch weitergehen, solange die Grundsätze der Nachhaltigkeit gewahrt bleiben. Übersteigertes materielles Streben führt zum Materialismus. morphogenetisches Feld: Die Theorie des morphogenetischen Feldes (u. a. von Sheldrake (1997) ausgearbeitet), versucht bestimmte, allein durch Genetik nicht erklärbare Aspekte der Morphogenese zu beschreiben: Je öfter eine bestimmte Entwicklung durchlaufen wird, desto wahrscheinlicher ist es, daß dieser im morphogenetischen Feld sich einprägende »Entwicklungspfad« auch künftig beschritten wird. Je häufiger eine bestimmte morphologische Entwicklung durchlaufen wird, desto wahrscheinlicher wird sie wieder auftreten, so die auf naturwissenschaftliche Beobachtungen basierende Aussage dieser Theorie. Das morphogenetische Feld kann als zusätzliche Komponente das naturwissenschaftliche Weltmodell erweitern und helfen, bisher ungeklärte Phänomene auszudeuten. In einer konsequenten Weiterentwicklung können auch neue Thesen über die Entstehung des menschlichen Wesens aufgestellt werden [ Kapitel 4.3 ]. Kalweit (1998) bringt diese Theorie mit schamanischen Weltbildern in Einklang, so daß sich über das morphogenetische Feld westliche und schamanische Wissenschaft einander annähern könnten [ Kapitel 6.3.2 ]. Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaft gilt als nachhaltig, wenn sie sich so verhält, daß sie »(nach menschlichem Ermessen) über unbeschränkte Zeiträume ohne grundsätzliche oder unsteuerbare Veränderungen im Rahmen der gegebenen Umwelt existenzfähig bleibt (…)« (nach Meadows et al. 1993: Glossar (»aufrechterhaltbar«)). Bei einer Entwicklung zur Nachhaltigkeit sind nach der Agenda 21 ökologische, soziale und ökonomische Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen. Entgegen dieser Ansicht vertritt der Verfasser ein »Primat der Ökologie«: Nur wenn Ökostabilität erreicht wird, kann die Gesellschaft überleben, die sozialen und ökonomischen Faktoren müssen sich daher der Ökologie unterordnen. Mit Meadows et al. und entgegen der Agenda 21 [ 48 ] ist der Verfasser der Ansicht, daß Nachhaltigkeit mit einem auf permanentem Wirtschaftswachstum ausgelegten System nicht zu erreichen ist. Eine nachhaltige Gesellschaft bietet jedem Mitglied die Möglichkeit zur Befriedigung seiner materiellen und nichtmateriellen Bedürfnisse. Naturnahe Völker, naturnahe Kulturen: Früher abschätzig als primitive Naturvölker bezeichnet, scheint auch der heutige Name »schriftlose Kulturen« dem Verfasser unglücklich gewählt. Als naturnah gelten also die Kulturen, die auf technologisch höchst einfacher, geistig aber oft umso komplexerer Stufe Ökostabilität erreicht haben, also im besten Sinne des Wortes der Natur nah geblieben sind. Oft kann dabei auch von Nachhaltigkeit gesprochen werden. Naturnahe Kulturen sind meist Jäger- und Sammler-, aber auch einfache Landbau-Kulturen (Gartenbau, Wanderfeldbau). objektive Realität: Die objektive Realität ist das, was innerhalb eines Welt- bzw. Wissenschaftsbildes wahrgenommen und erklärt werden kann. Sie kann also in unterschiedlichen Kulturen verschieden groß sein und mit Erweiterung der Wissenschaften auch wachsen. In den westlichen Naturwissenschaften bleibt sie auf das rationale Wissen beschränkt. Ökostabilität, ökostabil: Eine Gesellschaft gilt als ökostabil, wenn sie sich so verhält, daß ihre natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft erhalten bleiben. Der Wortteil »stabil« darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei dem Zustand durchaus um ein dynamisches Gleichgewicht handeln kann. Ökostabilität sieht der Verfasser als Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit. rational, rationales Wissen: Als rational gilt alles, was mit den menschlichen Sinnen im normalen Bewußtseinszustand erfaßbar und innerhalb des Raum-Zeit-Konzeptes erklärbar ist. Da die Menschen verschieden wahrnehmen, sind die Nachprüfbarkeit mit Meßinstrumenten und Wiederholbarkeit von Experimenten ebenfalls wichtige Kriterien zum Gewinn rationaler Erkenntnisse. Schamanismus: Schamanismus ist keine Religion, sondern eine religiöse Praxis: Über Trancezustände (Bewußtseinsveränderung) wird Kontakt zur Geistwelt hergestellt und mit Hilfe der Geister geheilt, gekämpft, die Natur beeinflußt oder, im weitesten Sinne, Politik gemacht. Schamanismus im engeren Sinne ist die sibirische und arktische Ausprägung, zu der Tod und Zerstückelungserfahrungen während der Initiation des Schamanen gehören, in der Trance weite Reisen in die Geistwelten stattfinden (mehrschichtiges Universum mit Ober- und Unterwelten) und die Bewußtseinsveränderung durch Trommeln oder Meditation erfolgt. Im weiteren Sinne gelte in dieser Arbeit als Schamanismus die Interaktion mit Geistern und Göttern zum Zwecke der Beeinflussung der realen Welt, also auch die Bewußtseinsveränderung durch Drogen z. B. im Pilzschamanismus [ Kapitel 4.3 ]. Als schamanisch gelte ein Weltbild, in dem es mehrere Welten gibt, die von Geistern oder Göttern bewohnt werden. Ein solches Weltbild haben die Lakandonen, bei ihnen gibt es aber keine herausragenden Trancekünstler, keine Schamanen und auch keine Tranceriten: Die Beeinflussung der Geister erfolgt v. a. durch Zaubersprüche [ Kapitel 4.1 ]. Set, Setting: Set bezeichnet die Erwartungshaltung und die geistige (psychische) Situation, in der sich eine Person befindet, die Drogen einnehmen will. Setting ist die physische Umgebung, in der die Droge eingenommen wird, also Umgebung, Tages- und Jahreszeit, Menschen (die Gruppe). Die Begriffe bleiben nicht nur auf den Drogengebrauch beschränkt, sondern lassen sich auch auf andere Trancerituale anwenden. Das Zusammenwirken von Set, Setting und Dosis bestimmt im wesentlichen die Wirkung von Drogen und die Art und Intensität der Erfahrungen (als Theorie in der westlichen Wissenschaft erstmals von Leary eingeführt (Rätsch/Liggenstorfer 1996)). Quellen:Fußnoten:[48] Zumindest behält sich die UNCED vor, bis zum Gewinn besserer Erkenntnisse nicht ausdrücklich vom Wirtschaftswachstum abzurücken [Agenda 21 und »Die neuen Grenzen des Wachstums« sind im selben Jahr, 1992, erschienen]. In Zusammenhang mit den Entwicklungsländern spricht die Agenda 21 von »nachhaltigem Wachstum« (BMU s. a.), ein Terminus, der mit der hier vertretenen Definition von Nachhaltigkeit Widersprüche aufwirft: Wachstum ist nicht nachhaltig. erstellt 2003 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |