SÁPMILeben im Norden Skandinaviens früher und heute startseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1997 Schamanismus bei den SamiZum Verständnis der samischen Lebensweise sollen Gesellschaftssystem und Welterklärung betrachtet werden: Warum bleiben, so die Frage aus dem letzten Kapitel, Jäger- und Sammler-Kulturen auf einer (technologisch) niedrigen Entwicklungsstufe stehen? Schamanismus ist ein Modell zur Welterklärung, daß vor dem Zeitalter der Kolonialisierung fast auf der ganzen Welt (Ausnahme: Afrika) verbreitet war, heute nur noch in Resten besteht (Müller 1997). Wesentliches Grundprinzip ist die Annahme der Existenz von Paralleldimensionen, in denen Geister und Götter leben, die über speziell ausgebildete bzw. initiierte Menschen, den Schamanen, mit den Menschen kommunizieren und ihnen helfen, aber auch Schaden zufügen können. Der Schamane betritt diese Welten dadurch, daß er sich in Trance versetzt. Dies kann durch Meditation, bestimmte Musik (v. a. Trommeln), Tanz oder auch die Einnahme von Drogen geschehen. Er betritt dann die Ober- oder die Unterwelt, die Realität wird als Mittelwelt gesehen. Insofern scheint das Bild der naiv-christlichen Vorstellung von Gott im Himmel und dem Teufel in der Hölle zu gleichen. Die Vorstellungsweise, die Erde sei eine Scheibe, läßt die Existenz der Ober- und Unterwelten (es gibt deren oft mehrere) als räumlich vorstellbar erscheinen, da die Erde aber eine Kugel ist, kann das nicht sein. Deshalb das ganze Modell zu verwerfen, scheint nicht sinnvoll, denn es hat sich Jahrtausende gehalten und seinen Kulturen das Überleben gesichert. Auch ist der Schamane nicht wirklich in ein Erdloch gekrochen oder einen Baum emporgestiegen, wenngleich solche Symbole eine Rolle spielen. Zum Verständnis dieses komplexen Systems sollte sich von der Seite der westlichen Wissenschaften (im folgenden einfach Wissenschaft genannt) angenähert werden: Das Modell der Wissenschaft wird konstruiert aus den Sinneswahrnehmungen im dreidimensionalen Raum. Diese Wahrnehmungen können auch verstärkt werden durch z. B. Mikroskope oder physikalische Meßgeräte. Neue Beobachtungen werden dann eingebaut, besonders im Atommodell, sind stets aber logisch-abstrakt erklärbar und damit theoretisch für alle nachzuvollziehen. Einzubeziehen in dieses Modell ist auch die Zeit als vierte Dimension, die allerdings den Bereich wissenschaftlicher Objektivität teilweise verläßt: Zwar ist sie mit technischem Gerät meßbar, doch subjektiv, für das Individuum also, verläuft sie in verschiedenen Situationen unterschiedlich schnell. Eine Stunde Warten wird (oft) länger empfunden als eine Stunde angeregter Unterhaltung. Hier kommt das menschlicher Bewußtsein bereits beim Erfassen real wahrnehmbarer Dimensionen ins Spiel. DeKorne (s. a.) konstruiert daraus ein Modell, daß schamanistische Dimensionen verstehen hilft: Zeit als Dimension der Dauer eines Objekts (in Ergänzung zu seiner räumlichen Ausdehnung also die zeitliche Ausdehnung) wird »subjektiv als eine ewige, ›nulldimensionale‹ Gegenwart erlebt« (DeKorne 1993: 57, Hervorhebung im Original). Stellt man sich die Zeit als Zeitachse vor, so ist die Gegenwart nämlich ein Punkt ohne Ausdehnung auf ihr, der, das betont DeKorne, subjektiv erlebt wird. Damit existiert Zeit vor allem im Bewußtsein und ist untrennbar mit ihm verbunden. Die Folgerung daraus ist, daß auch das Bewußtsein eine Dimension ist. Bewußtseinsveränderungen sind also ›Reisen‹ in andere Dimensionen, eben in die Parallelwelten oder Paralleldimensionen der Schamanen. [1] Solch komplizierten Überlegungen haben sich die Schamanen sicher nicht gemacht, aber da sie wissen mußten, daß sie sich nicht räumlich nach oben oder unten bewegen in ihren Trancezuständen, liegt die These nahe, daß die räumliche Erklärung von Ober- und Unterwelten Vereinfachungen des geschilderten Modells zur besseren Vorstellung sind. Die Anschaulichkeit ist sowieso ein Merkmal des Schamanismus gegenüber der Wissenschaft. Eine physikalische Formel ist abstrakt und nicht leicht nachzuvollziehen, Geistwelten, die im wesentlichen so aussehen wie die reale Mittelwelt, sind leicht vorstellbar. Vorstellbar ist auch, daß der Schamane mit Geistern kommuniziert, sich von ihnen helfen läßt oder ›böse‹ Geister vertreibt und so Krankheiten heilt. Ein Schamane heilt tatsächlich mit diesen Methoden. Der beste Beweis für das Funktionieren dieses Prinzips ist das jahrtausendelange Überleben dieser Kulturen, offenbar ohne daß überhaupt eine gravierende Veränderung notwendig gewesen wäre. Ein wesentlicher Unterschied ist nun der, daß aus der Wissenschaft konkret keine Handlungsanweisungen für die Gesellschaft abgeleitet werden, im Gegenteil, westliche Wissenschaftler verhalten sich politisch oft ausgesprochen neutral. Anders im Schamanismus: Der Schamane erfährt direkt von den Geistern nicht nur, was zu tun ist, um Krankheiten zu heilen, es gibt auch Regeln und Tabus, was die gesamte Gesellschaft betrifft, z. B. zur Jagdausübung, was für Jäger-Sammler-Kulturen existentiell wichtig ist. Das Prinzip des Schamanismus hat also wesentlich dazu beigetragen, eine ökostabile Kultur zu erzeugen, die im Gegensatz zum neuzeitlich-westlichen Materialismus ihre Lebensgrundlage bewahrt und nicht zerstört. Tab. 1: Naturwissenschaften und Schamanismus im Vergleich. Eigener Entwurf.
Zentrale Gestalt in so einer Gesellschaft ist also der Schamane, der, oft ohne seinen Willen, eine recht schmerzhafte (Trance-)Initiation durchlebt. Er hat dann keinesfalls eine Machtposition innerhalb der Sippe oder des Dorfes inne, sondern unterliegt vielmehr den Geistern, persönliche Bereicherung ist oft ein Tabu. Kann der Schamane seine Aufgaben nicht mehr erfüllen oder bricht er ihm auferlegte Regeln, so kann es sein, daß er von der Gesellschaft ausgestoßen wird oder aber von den Geistern in den Wahnsinn geschickt wird. Schamanen genießen aufgrund ihrer Fähigkeit zwar Achtung in ihrer Gemeinschaft, sind aber wegen der Scheu und Furcht vor ihren Fähigkeiten auch Außenseiter. Der samische Schamane heißt Noajdde, er benutzt Trommeln und Gesänge (sog. Jojks, s. u.), um sich in Trance zu versetzen und so seine Reisen in andere Welten anzutreten. Die bemalte Trommel ist nicht nur Musikinstrument, sondern dient auch dem Orakel dadurch, daß der Trommelschlegel auf bestimmten Bildern oder Symbolen liegenbleibt.
Abb. 1: Bemalung einer Schamanentrommel (aus Findeisen 1983: 131) Ist der Schamanismus als Prinzip bei vielen Kulturen Eurasiens und Amerikas gleich, so können doch die Religionen sehr verschiedenen sein. Religion meint dabei die Personifizierung der Geister als Götter, die unterschiedliche Hervorhebung einzelner Tiergeister oder bestimmte Ausprägungen aufgrund der lokalen Gegebenheiten. Die Religion ist somit eine Art Aufsatz auf das Grundprinzip, das auch für alle verständlich ist. Für die Sami sind die Schutzgeister der wichtigsten Nahrungstiere gleichsam Götter, die es gnädig zu stimmen gilt. Da wären zum Beispiel das Rentier oder der Bär, dessen Geist (LejbÂlmaj) aber auch als Gott des Wildes eine höhere Stellung im Wald zu haben scheint (Hultkrantz 1962, Ájtte 1993). So kann man fast von einem Bärenkult sprechen, besonders bei der Jagd sind bestimmte Rituale einzuhalten. Der Bär hat allerdings im gesamten zirkumpolaren Bereich eine besondere Stellung. Auch Wassergeister sind nicht unbedeutend, vor allem die der Süßgewässer. Ein weiterer wichtiger Gott ist der Windgott BieggaÂlmaj, für Wind und Wetter zuständig und damit für eine Jäger-Sammler-Kultur nicht unwichtig, obwohl eine Bauernkultur ihm noch eine wesentlich größere Bedeutung zumessen dürfte. Als Siejdde bezeichnet man heilige Plätze, z.B. markante Felsbrocken oder geschnitzte Holzfiguren, an denen die Kraft der Götter offenbar wird. Ob es sich um alte Ritualplätze handelt, ist nicht bekannt. Die Verwendung von Holzschnitzereien könnte von den Germanen importiert sein, bei sibirischen Völkern findet sie sich nicht (Hultkrantz 1962). Während das Schamanisieren in der Regel Sache der Männer ist (die als Jäger für das Jagdglück verantwortlich sind, und damit weitere Reisen, auch in anderen Welten, zurücklegen müssen), stehen die Frauen unter dem Schutz der Göttin Mátharáhkko und ihrer drei Töchter. Diese schützen nicht nur das Zelt, sondern helfen den Frauen auch bei Menstruation und Geburt. Die Welt der Toten heißt Sájvva; sie ist im wesentlichen der Mittelwelt nachempfunden und manifestiert sich in dieser an heiligen Plätzen. Nach Hultkrantz (1962) könnte diese Idee auch von den südlichen skandinavischen Völkern übernommen sein, andere Autoren (z. B. Müller 1997) schildern das Konzept eines Totenreiches als im Schamanismus üblich. Im Gegensatz zu anderen schamanistischen Kulturen tritt der Gedanke der Wiedergeburt bei den Sami zurück, so daß Einflüsse von den Germanen durchaus im Bereich des Möglichen liegen. Auch eine Beeinflussung des nordgermanischen Glaubens hält Hultkrantz für durchaus möglich, ein Indiz dafür, daß die Sami schon lange intensiveren Kontakt mit den südskandinavischen Völkern haben. Diese ausführliche Schilderung der Religion und besonders des Schamanismus soll zum Verständnis für den Konflikt zwischen Sami und Südskandinavien beitragen. Die eingangs gestellte Frage, warum eine Kultur auf technologischer Stufe stehen bleibt, scheint geklärt: Die Kultur der Sami ist derart komplex in ihre natürliche Umgebung eingepaßt, daß Veränderungen nicht notwendig sind und das Zusammenspiel von Mensch und Natur sogar empfindlich stören könnten. Es stellt sich andersherum die Frage, warum die Kultur der Südskandinavier (und damit die der westlichen Welt) sich der Natur entfremdet und mit ihrem Fortschritt die Lebensgrundlage zerstört. In Skandinavien ist also eine aufgrund ihres Weltbildes ökostabile Kultur, die ihre Lebensgrundlagen pflegt und bewahrt, von einer materialistischen Verbrauchskultur kolonialisiert und, z. T. gewaltsam, assimiliert worden. Doch bevor die Kolonialisierung beschrieben wird, soll noch näher auf den ›weltlichen‹ Teil der ursprünglichen Kultur eingegangen werden. zum Weiterlesen:[ Schamanismus
im (sub-)arktischen Raum ] (Abschnitt aus der Magisterarbeit »Schamanismus und Nachhaltigkeit« Quellen:[ Ájtte 1993 ] Fußnoten:1. DeKorne erkennt, daß die höhere Dimension immer lotrecht auf der niedrigeren steht: Die Fläche ist lotrecht zur Linie, der Raum lotrecht zur Fläche. Das Bild eines kartesischen Koordinatensystems macht dies deutlich. Damit stünden Zeit und Bewußtsein lotrecht (nicht mehr bildlich vorstellbar) zum Raum und können die Brücke zu anderen Räumen, also anderen Welten bilden. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |