SÁPMILeben im Norden Skandinaviens früher und heute startseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1997 Die Kultur der Sami vor der KolonisationDie Sami sind vor der Kolonialisierung eine Jäger-Sammler-Kultur. Seßhaftigkeit kann es nur in sehr begrenztem Umfang geben, weil eine Abhängigkeit von der Wanderung des Rentieres besteht (s.u.). Die folgenden Ausführungen beziehen sich zum Teil allerdings schon auf eine Phase der Seßhaftigkeit, denn die wesentliche Änderung der Kultur setzt im 16./17. Jahrhundert ein, und ältere Quellen sind kaum erhalten. Allenfalls Felszeichnungen, andere archäologische Funde oder Literatur von ›Ausländern‹ (z. B. Tacitus) können Auskunft geben. Das politische SystemDie Sami lebten in sogenannten Sijddas zusammen, sippenartige Zusammenschlüsse mehrerer (verwandter) Familien. Zwar trägt der Schamane viel zum Verhalten der Sijdda bei, aber viele Dinge werden auch vom Ältestenrat geregelt: Er verteilt die Fisch- und Jagdgründe gerecht, auch die Beute wird unter allen geteilt, Strafen für Vergehen bis zur Verbannung werden ausgesprochen. Die Ältestenräte der Sijddas verhandeln auch untereinander, wenn z. B. Änderungen der Gegebenheiten eine Neuverteilung der Ressourcen notwendig machen oder die Art der Kontakte zu anderen Völkern oder Händlern festzulegen sind. Eine weitergehende Verwaltung oder Regierung kennen die Sami nicht, auch Krieg und Gewalt zur Durchsetzung von Zielen sind ihnen fremd, man (über-)lebt miteinander, nicht gegeneinander. WohnenAls Wohnung dient den Sami das Zelt, genannt Kote oder Laavu. Die Kote besteht aus mehreren Stangen, die, ähnlich dem Indianer-Tipi, aneinander gestellt werden. Am oberen Ende werden sie durch die Rauchstange verbunden. Die Stangen werden durch Parabelbögen in Form gehalten (Abb. 1).
Abb. 1: Kote, Gerüst und Grundriß (aus: Anonymus s.a.: 1, 3) Die Kote wird als transportables Sommerzelt mit Planen gedeckt oder als festes ›Haus‹ mit Grassoden gedeckt. Für das Leben in der Kote gibt es strenge Regeln: In der Mitte befindet sich die Feuerstelle, dahinter, gegenüber dem Eingang, ist der heiligste Platz, die Küche, unter dem auch die Gottheiten der Kote wohnen. In diesem Bereich haben die Eltern und hohe Gäste ihren Platz, je geringer der eigene Rang ist, desto näher sitzt man am Eingang, wo sich schließlich Feuerholz und Hunde befinden. Das macht nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch Sinn: Wer im Zelt ganz hinten liegt, über den steigt keiner mehr hinweg beim Verlassen des Zeltes und er bleibt damit von einiger Ungemütlichkeit verschont. Der Boden wird mit Birkenreisig ausgelegt, über das Rentierfelle gebreitet werden, die Zeltplane kann zum Rauchabzug variabel gelüftet werden. Die Gänge (Puaschu und Akse, vgl. Abb. 1) werden durch Baumstämme begrenzt, so kann das Birkenreisig kein Feuer fangen. Durch den Puaschugang werden traditionellerweise die Toten hinausgetragen. Die Kote dient heute einigen Sami, die in der Rentierzucht tätig sind, noch als Sommerunterkunft.
Abb. 2: Kote bei Aktse (eigenes Foto, 1995) ErnährungAls Jäger-Sammler-Kultur leben die Sami von dem, was sie in der Natur finden. Hauptnahrung gibt das Rentier (Rangifer tarandus), das mit Fallgruben uns Speeren gejagt wird. Zahme Rentiere dienen nicht nur als Lasttiere, sondern auch dem Locken auf der Jagd. Als erstes werden vom Rentier die leicht verderblichen Innereien und das Blut verwendet und zu Blutwurst verarbeitet. Das Fleisch wird mit dem Mark gekocht oder, zur Konservierung, gebraten, getrocknet, gesalzen oder geräuchert, die Milch wird zu Käse verarbeitet und als Trockenmilch haltbar gemacht. Die Verarbeitung von Rentiermilch existiert bis in die 1940er Jahre. Die Sami sind den jährlichen Wanderungen der Rentiere unterworfen, die sich im Sommer bevorzugt auf den mit Zwergsträuchern bestandenen Berghängen aufhalten (Kahlfjäll). Dort weht nämlich meistens ein leichter Wind und die Mückenbelastung ist viel geringer als in den bewaldeten Tälern. Gern werden auch Küstenplateaus im Sommer beweidet. Im Winter ziehen die Rentiere in die Täler, denn dort ist es geschützter. Sie ernähren sich dann von Flechten, die Rentierflechte (Cladonia sp.) hat daher ihren Namen. Weitere Nahrung sind Fisch (im Winter auch getrocknet), Fladenbrot und verschiedene Kräuter und Beeren, v. a. die Multebeere (Rubus chamaemorus), die Preisselbeere (Vaccinium vitis-idea) und der lappländische Sauerampfer (Rumex acetosa lapponicus), der gekocht und von den Fasern befreit als Juobmo mit Milch genossen wird. HandwerkFür Gebrauchsgegenstände wird
das meiste vom Rentier geliefert: Fell, Leder, Horn, Knochen und Sehnen
bilden die Grundmaterialien, später auch Schafwolle. Birkenholz und KunstDie Kunst der Sami ist meist praktisch motiviert, über die Handwerkskunst an Gebrauchsgegenständen wurde schon geschrieben. Die weitere Kunst ergibt sich aus der Religion: Felsritzungen haben mythische Bedeutung, die Erzählkunst religiöser Sagen wird gepflegt. Die samische Musik ist der Jojk. Jojks basieren auf den Trancegesängen der Schamanen und waren daher lange verboten. Ein Jojk ist ein Gesang, der auch nur aus Lauten, also ohne Text, auskommen kann. Der Sänger drückt damit tiefe Identifikation mit Teilen der Natur oder anderen Menschen aus. Der ›Bejojkte‹ wird dann Besitzer des Jojks. Auch der sprachliche Ausdruck spiegelt die Tiefe des Erlebnisses wieder: Man jojkt etwas, nicht über etwas. Heute erlebt der Jojk eine Renaissance, und zwar nicht nur in der traditionellen Form: Die Sami benutzen auch ›westliche‹, soll heißen: bisher nicht gekannte Kunstformen, wie Literatur, moderne Musik und Malerei und verbinden sie mit noch erhaltenen Traditionen. In der Zeit der Nichtseßhaftigkeit hat es freilich keinen Platz für große Musikinstrumente oder Malutensilien gegeben, umso interessanter ist, daß die Sami heute fast allem einen künstlerischen Anstrich geben (vgl. hierzu bes. Schwaar 1990 u. 1994). Quellen:[ Anonymus s.a. ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |