SÁPMILeben im Norden Skandinaviens früher und heute startseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Lüneburg 1997 Die Tschernobyl-KatastropheIm April 1986 ereignet sich der bisher schwerste Unfall eines Atomkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl. Radioaktive Substanzen verteilen sich über große Teile Europas. Auch Sápmi ist betroffen, besonders durch die Isotope Cäsium-137 (13 % der Gesamtstrahlung) und Cäsium-134 (8 % der Gesamtstrahlung). Das erstgenannte hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren und eine biologische Halbwertszeit (bei Rentieren) von ca. 4 Jahren, das zweite eine Halbwertszeit von 2 Jahren und eine biologische Halbwertszeit von ca. 1,2 Jahren. [ 1 ] Beide Isotope lagern sich bevorzugt im Fleisch ein. Die Rentiere nehmen diese Isotope im Winter v. a. über Flechten auf. Flechten aber nehmen direkt das Regenwasser auf und reichern so die Isotope an (bei Austrocknung verbleiben die Isotope in der Flechte). So ist also die Winterweide in einigen Regionen extrem stark belastet, in Finnland allerdings höher durch Atomversuche der benachbarten UdSSR. Die wirtschaftliche Folge ist ein Sinken des Fleischpreises, wodurch die Sami in ihrer Existenz bedroht sind. Darüberhinaus ist das Fleisch oft nicht mehr genießbar, es muß als Sondermüll entsorgt werden. Als erste Maßnahme werden die Grenzwerte heraufgesetzt, z.T. verzehnfacht, mit der Begründung, im Durchschnitt würde der Skandinavier nicht so viel Rentierfleisch essen, es sei also nicht so schädlich. Die Belastung liegt nach dem Unglück bei über 50.000 Bq/kg Muskelfleisch, der EU-Grenzwert liegt bei 600 Bq/kg. Weitere Folgen können Erbgutveränderungen sein und Krebs und Kälbersterben: Es werden mehr chromosonale Anomalien beobachtet, die Kälbersterblichkeit scheint aber nicht durchgängig erhöht zu sein (Hemmer 1996: 463). Neben der Grenzwertheraufsetzung werden folgende Maßnahmen durchgeführt: Es wird versucht, belastete Weiden zu vermeiden, was im Norden nicht möglich ist (es gibt keine Alternativweiden) und im Süden mißglückt. Auch die Erhöhung der Cäsium-Aussscheidung bringt keinen Erfolg: Um die nötigen Tabletten zuzufüttern, müßte man die Tiere immer wieder zusammentreiben. Die Fütterung der Schlachttiere mit unverseuchtem Futter wird abgelehnt, weil das unnatürlich und schlecht für die Rentiere sei. Erfolg bringt lediglich die Vorverlegung des Schlachttermins, bevor die Rene anfangen, Flechten zu äsen. Sie haben dann allerdings ein niedrigeres Schlachtgewicht. Durch massive staatliche Zuwendungen muß kein Betrieb dichtmachen, die Sami-Kultur bricht nicht zusammen. Die Belastung ist auf 10.000 Bq/kg gesunken, liegt damit aber noch weit über den Grenzwerten. Nicht außer Acht gelassen werden darf die regional unterschiedliche Belastung. Schwaar zieht ein bedrückendes Fazit: »Die Unvernunft der Menschen läßt Technik und Wissenschaft zur Geißel nicht nur der Menschheit, sondern auch der noch ›frei‹ lebenden Natur werden, wenn nicht gar zu deren Mördern, wie Tschernobyl zeigt. Unser verbildeter Intellekt steht im Widerspruch zur Natur, auch zur menschlichen, verdunkelt unseren natürlichen Verstand.« (Schwaar 1994: 104) Quellen:[ Hemmer 1996 ] Fußnoten:1. Die biologische Halbwertzeit ist die Zeit, in der die Hälfte aufgenommener Radioaktivität wieder abgebaut bzw. ausgeschieden wird. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |