ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Die Diskussion der [samischen] MythologieIch beschränke mich auf die von Schwaar (1996) ins Deutsche übersetzten Zyklen, unterstützt von Robinson & Kassam (1998), da das andere Material nur auf schwedisch vorliegt. Da hier aber zwei im Grunde unterschiedliche Sichtweisen zum Ausdruck kommen, kann das für den Zweck der Arbeit als ausreichend gelten. Die Mythen um das Mjandasj-Rentier beschreiben, wie der Mensch seine Lebensweise vom Rentier lernt, Mjandasj, teils Rentier, teils Mensch, tritt als Kulturheros in Erscheinung. In den unterschiedlichen Erzählungen gibt es eine ganze Mjandasj-Familie. Die Mythen vom Sonnenvolk erzählen genauer, wie die Welt erschaffen wurde, auch hier spielt das Rentier eine besondere Rolle, es wird jedoch über den Urspung der Kultur nichts genaues gesagt – lediglich die Herkunft der Schamanen, die den Menschen gegen das Böse beschützen sollen, wird erwähnt. Die Mjandasj-MythenDie verschiedenen Erzählungen verbindet ein gemeinsames Motiv: Ein männliches Mitglied der Mjandasj-Familie, deren Mitglieder halb Mensch, halb Rentier sind, geht mit einer Menschenfrau eine eheliche Verbindung ein. In einer Erzählung muss sie dazu die Grenze zur Mjandasj-Welt überwinden, einen Fluss. Das können nur besonders verständige Menschen. Hier findet sich wohl ein Hinweis auf die Fähigkeiten der Schamanen, (spirituelle) Grenzen zu überwinden. Mjandasj hat aber bestimmte Ansprüche an seine Frau, Lebensregeln, die zu befolgen sind. Die Ehe scheitert, weil die Frau sich nicht an diese Regeln hält und es Mjandasj so unmöglich wird zu bleiben. Symbolhaft für die Lebensweise steht das Trocknen der Schlaffelle, dass die Frau aus Unachtsamkeit oder aus Einflüsterung durch ihre Mutter nicht richtig macht. Es ist wichtig, dass die Schlaffelle rein sind und vor allem nicht von Kinderurin beschmutzt werden, denn als Jäger darf Mjandasj nicht danach stinken. Robinson & Kassam interpretieren: »The key is to keep the tundra home clean, free from decay and foul smells, and generally hygienic for children.«
Mjandasj verwandelt sich nach der Fehlhandlung in ein Rentier und alle Kinder mit ihm. Als wilde Rene leben sie im Gebirge. So ist die Grundlage des Zusammenlebens der Menschen mit den Rentieren gelegt, denn die wilden Rene lassen sich auch jagen. Allerdings hält die Verbindung nicht ewig: »Das Mjandasj Rentier saß auf den Hinterbeinen und bat um sein Leben. Der Mensch, ein Jäger, kam zu ihm, dem Ren, und setzte sich ihm gegenüber. Sie begannen miteinander zu sprechen. Mjandasj machte dem Menschen Vorwürfe, er erinnerte ihn daran, daß er, Mjandasj, ihn die wilden Rene jagen lehrte, daß er ihn gelehrt habe, sich hinter Büschen und Steinen zu verbergen und sich mit Tannenreisig und Geweihen zu kleiden, damit die Rentiere ihn nicht zu sehen bekamen. Diese mußten auf den Menschen aufpassen und sich fürchten vor ihrer List. Aber war nicht er es, Mjandasj, der den Bogen in die Hand des Menschen gelegt und ihm das strenge Gebot gegeben hatte, nicht Rentiere in der Herde zu töten, sondern nur eine einzige Renkuh für die Familie. ›So unterrichtete ich dich. Das wissen alle.‹ ›Aber nun werden die Menschen listig. Sie legen sich auf den Boden, machen kunstfertige Angriffe und schießen aus allen Richtungen und wir wissen nicht, was Schreckliches auf uns zu kommt. Die Wildren hören den Knall, fressen, und wir haben Angst zu leben. Nun nehmen die Jäger nicht mehr nur eine Rentierkuh, sondern mehrere, um einen geglückten Jagdtag zu haben. Sie töten auch Renstiere und sogar solche, die schlafen, und solche in den Herbstherden! Habe ich dich so etwas gelehrt?‹ Aber der Jäger fing an zu lachen und unvernünftig zu prahlen mit seiner Weisheit, seiner Kühnheit, seinem Fortschritt, seinem Vermögen zuzuschlagen und sich zu verstecken. Das sagte Mjandasj: ›Wenn Du Stiere, Kühe und Mjandasj-Kinder nicht mehr schonst, wird es auch keine Rentierjagd mehr geben!‹«
Nimmt man den Mythos einmal wörtlich, so folgt, dass die Menschen ihre Lebensweise direkt aus der Natur gelernt haben. Das passt zum schamanischen Weltbild, in dem sich die Natur dem Menschen offenbart, symbolhaft finden sich im Mythos Hinweise, dass es die Schamanen sind, die mit den Rentieren kommunizieren. Allerdings ist es eine Frau aus dem Menschengeschlecht, die dann als »Urschamanin« gelten müßte. Hier wird aus der Urzeit berichtet, als die Grundlage für die samische Kultur gelegt wurde, nicht durch den Menschen allein, sondern gemeinsam mit der Hauptnahrung, dem Rentier. Das rücksichtslose Nehmen ist dem Menschen untersagt. Auch Turi & Turi (1920) beschreiben, dass der Sami dem Wildren gleicht und die Menschen flieht, er ist »scared together with the wild reindeer« (Turi & Turi 1920: 135 f.). Hätte er nicht vom Ren gelernt, hätte er nach ihrer Meinung auch angefangen, Häuser zu bauen und die Lebensweise der Siedler anzunehmen. »It has probably happened so that the reindeer is created before man or the Lapp. And man has been created, of course, to go after the reindeer and follow where they go. (…) And that is a known fact, that man shall tend the reindeer, and the reindeer shall again provide livelihood for man, as to clothing and food. (…) And I think, indeed that these two take care of each other (…).« Johan Turi in Turi & Turi 1920: 135 f. In dieser Auffassung ist natürlich bereits die Rentierhaltung integriert (s. u.). Die mythische Überlieferung, der Sami habe vom Rentier gelernt und sei mit ihm eine Kooperation eingegangen, wird also noch Anfang dieses Jahrhunderts von christianisierten Sami bestätigt. »The meaning of the Mjandash myth is simply this: what is good for the reindeer is good for the Sami!«
Aber: Der Mensch ist frei zu handeln und er wird unvernünftig, fängt an, Raubbau an der Natur zu betreiben. Dieses hat keine Strafe der Götter zur Folge, wohl aber eine ernste Ermahnung durch das Rentier selbst. Tatsächlich wird der Rückgang der Wildrene als mitverantwortlich für den Übergang zur Haltung gemacht. Interessant ist, dass Mjandasj noch in der Neuzeit in Erscheinung tritt, denn der »Knall« weist ja wohl auf Schußwaffen hin. Immerhin ist hier noch Kommunikation mit der spirituellen Dimension der Mittelwelt möglich - das Rentier bestraft den Menschen nicht direkt, warnt aber vor der Fortsetzung der Unvernunft und ermahnt, die rechte Lebensweise wieder anzunehmen. Der Mensch bleibt unvernünftig, wilde Rene gibt es heute nur noch in einem ganz kleinen Teil Sápmis. Der Mensch weicht von seiner traditionellen Lebensweise ab, da nützt es auch nichts, dass Turi (1931) Rentierjagd und -zucht als im Wesen ähnliche Dinge sieht. Es muss die Nachhaltigkeit der samischen Kultur in Frage gestellt werden. Schien es bisher so, als ob die Sami allein durch Einsicht nachhaltig leben, so zerstört dieser Mythos die These. Allerdings bedeutet Nachhaltigkeit nicht Statik, veränderte Umstände können Umstrukturierung von Gesellschaft und Lebensweise notwendig machen. Die Kolonisation zwingt die Sami in der Tat zu intensiverer Jagd schon im Mittelalter, und inwieweit sich Klimaveränderungen (die sogenannte »Kleine Eiszeit« im ausgehenden Mittelalter) auswirken, wäre noch zu untersuchen. Intensivere Jagd könnte aber auch durch die Lust nach Materiellem ausgelöst sein – die Händler locken früh mit angenehmen Gegenständen. Das alles interessiert das Mjandasj-Rentier aber nicht. Der Mensch soll dazu in der Lage sein, das alte Zusammenleben mit der Natur zu bewahren. Er ist es nicht bedeutet: Er will es nicht. Die Mythen vom SonnenvolkHier wird erzählt, wie der oberste Gott, Jubmel, die Welt aus seiner Rentierkuh erschafft und seinen Sohn Bejve, den Sonnengott, als Herrscher einsetzt. Bejves Kinder, zwei Brüder, sind die ersten Menschen, und bald sät Mano, der Mondgott, Zwietracht unter ihnen. Über die Mondtochter kommt das Böse in die Welt, die Sonnentocher steht für das Gute. Bald bringt ein Bruder den anderen um – Kain und Abel bei den Sami. Die Welt wird böse, und Jubmel hält es für nötig, sie zu wenden – die samische Entsprechung der biblischen Sintflut. Zwei Menschen, Batje und Nanna, überleben, leben aber keineswegs so gut wie die Menschen, bevor das Böse kam. Die Sonnentochter wirkt deshalb auf der Erde zusammen mit dem Bärenmann, halb Mensch, halb Bär. Er wird bald Jagdbeute und nach seinem Tod fürchtet sich der Sohn, Same, weiter auf die Jagd zu gehen. Jubmel selbst schenkt daraufhin das Rentier und begründet damit eine Hirtenkultur. Der Urschamane wurde schon vor langer Zeit von Jubmel erschaffen, um das Böse zu bekämpfen. Diese Mythen wollen nicht recht zu dem passen, was bisher bekannt ist. Da ist der Sündenfall, das Böse tritt in die Welt, in die Welt einer Kultur, die das Böse später eigentlich nur als krankheitsbringenden Ruto kennt. Da ist die Weltwendung, nach der der Mensch nur durch die Gnade Gottes weiterlebt. Alles das scheint der Bibel entlehnt, auch die sofortige Schaffung der Hirtenkultur paßt nicht zur Jäger-Sammler-Kultur, die doch zunächst vorherrscht. Nur die heilige Stellung des Bären wirkt nach und zeigt sich in dem Bärenkult der Sami. Die englische und deutsche Literatur hält keine Lösung für dieses Problem bereit, ich persönlich bin nicht der Auffassung, dass ein ganzer Mythos der Bibel entlehnt wurde, ich glaube aber, dass der ursprüngliche Mythos in Zeiten der Kolonialisierung eine gewaltige Überprägung erfahren hat, was auch die direkte Schaffung der Hirtenkultur erklären würde. Eine andere Sage berichtet allerdings, dass die zahmen Rentiere durch falsche Behandlung vergrault wurden und so die Jäger-Kultur entstanden ist. Dies könnte man mit dem Mjandasj-Mythos verbinden, dann müßte aber zunächst eine Hirtenkultur angenommen werden, deren Gründung im Sonnenvolkmythos erklärt wird. Die Rene werden vergrault, aber durch Mjandasj bekommen die Sami eine neue, die Jäger-Kultur. Schließlich wenden sie sich von ihr ab und begründen eine neue Hirtenkultur, die zur heutigen extensiven Viehhaltung führt. Für diese Entwicklung findet sich in der Forschung noch kein Beweis, aber Turi & Turi (1920) schildern ebenfalls, dass es Meinungen gibt, wonach das zahme Rentier zuerst da war. Da es schon sehr früh zahme Rene als Lock- und Lasttiere gegeben hat, ist nicht auszuschließen, dass die Bedeutung von Jagd und Haltung im Laufe der Zeit schwankt oder regional stark verschieden ist. Klimaschwankungen im Bereich von Jahrzehnten könnten ausreichen, in dieser Region am Rande der Existenzmöglichkeit den Menschen von Jagd zu Zucht oder umgekehrt wechseln zu lassen. Jahrzehnte würden auch ausreichen, neue, entsprechende Mythen entstehen zu lassen. Eine weitere Erklärung wäre tatsächlich die unterschiedliche Herkunft der Mythen: Der Mjandasj-Mythos ist auf der Kola-Halbinsel aufgezeichnet worden. Die Mythen sind aber so unterschiedlich, dass das als Grund allein kaum ausreicht, so unterschiedlich wie die Mythen sind die Sami als Volk dann doch nicht. Andere SagenViele kleine Sagen, eher Lehrgeschichten, zeigen, dass man mit der Natur gut umgeht: Frösche werden nicht gequält, weil dann der große Frosch kommt und sie rächt. Die Spinne ist eine gute Freundin, weil sie Sami auf der Flucht mit dem Netzspinnen vor dem Versteck hilft, aus anderen Kulturen wohlbekannt. Rene bleiben aus oder ziehen weg, wenn die Menschen sie schlecht behandeln. Alle diese kleinen Geschichten überliefern das Naturverständnis der Sami. Mythologie und der Mythos von NachhaltigkeitBesonders der Mjandasj-Mythos verdient einige Aufmerksamkeit in Bezug auf die Fragestellung der Arbeit – er passt auch besser zur wohl ursprünglichen Jägerkultur. Die Sami lernen ihre Lebensweise von der Natur selbst, das Rentier geht auf die Menschen zu und hilft ihnen beim Leben. Und es sind tatsächlich die Geister, die den Schamanen berufen. Natur offenbart sich und schenkt dem Menschen nichts weniger als das Überleben. Die geschilderte Kommunikation mit anderen Lebewesen eröffnet den Sami wenigstens die Möglichkeit, von der Natur zu lernen und weniger auf Versuch und Irrtum angewiesen zu sein. Ein anderer Teil des Mjandasj-Zyklus berichtet aber auch, wie die Versuche, mit der Robbe oder dem Raben zusammenzuleben, scheitern. Nachdenklich stimmt die Anklage des Mjandasj-Rentieres. Ist die samische Kultur letztlich gar keine nachhaltige? Zunächst ist wichtig, dass der Mensch frei ist, von der gesetzten Lebensweise abzuweichen, er ist nicht in religiöse Zwänge eingebunden. Der Umkehrschluss muss sein, dass er einst genauso freiwillig die vom Rentier vorgeschlagene Lebensweise angenommen hat. Warum weicht der Mensch also ab von dieser ihn doch erhaltenden Lebensweise? Äußere Einflüsse wie Klimaveränderungen oder Kolonisation machen die Anpassung auch der nachhaltigen Gesellschaft erforderlich, Nachhaltigkeit bedeutet ja keinesfalls, einen statischen Zustand zu erreichen. Diese äußeren Einflüsse haben eine Veränderung der Jäger-Kultur notwendig gemacht, ob es dem Rentier nun gefällt oder nicht. Aber im Mythos wird eindeutig die Unvernunft der Menschen verantwortlich gemacht, die Raubbau an der Natur betreiben. Würde der Jäger dies aus Gründen der Steuerlast machen, so würde er sich doch gewiss beim Rentier entschuldigen und gemeinsam mit diesem eine Lösung suchen. Seine Gier aber ist es, sein Streben nach Überfluss, das ihn diesen Raubbau betreiben lässt. Die samische Kultur ist nicht frei von solchem Streben. Gewisse Formen materiellen Besitzes gelten auch hier als Statussymbole. Die Natur macht den Menschen rechtzeitig auf seine Fehler aufmerksam, so dass er sie korrigieren kann, wenn er will. Dies passiert auch noch während der Hirtenkultur: Wer viel opfert, um große Herden zu haben, muß damit rechnen, dass seine Nachkommen in dieser Hinsicht weniger Glück haben werden (Turi 1931). Es muss dabei festgestellt werden, dass auch die entstehende Hirtenkultur die Lebensgrundlagen keineswegs zerstört, Einflüsse von außen sind dafür verantwortlich. Johan Turi gibt eindeutig der Krone die Schuld: »They have moved the borders till the Lapps land has grown so small that the Lapps can no longer support themselves.«
Weiter stellt er die Frage, warum denn immer mehr Siedler in den Norden kommen, wenn doch das Land schon erschöpft ist. Er macht deutlich, dass die Anzahl der Sami sich kaum verändert hat, dass sie nie eine große Hungersnot erlitten haben, während aus den skandinavischen Staaten jährlich tausende von Menschen aus solchen Gründen nach Amerika auswanderten. Jedoch befinde sich kein Sami darunter. Wohlgemerkt: Es ist ein Sami, der hier 1910 (original) bereits die »Grenzen des Wachstums« ganz konkret beschreibt. Für Mjandasj mag die Kulturänderung vielleicht schlecht sein, (selbst-)zerstörend ist sie sicherlich nicht. Erst die Technisierung und der Profitzwang seit den 1960er Jahren steigert die Gefahr für die empfindliche Bergwelt doch erheblich. zum Weiterlesen:[ Das samische Weltbild. ] Quellen:[ Schwaar 1996 ] [ Turi 1931 ] Glossar:[ Nachhaltigkeit ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |