ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Das gegenwärtige Naturverständnis der SamiÜber eine Kultur oder Volksgruppe zu forschen, ist nicht einfach: Behandelt man die Menschen schlicht als Forschungsobjekt, um objektivierende Distanz zu wahren, so wird man nie Zugang zu den notwendigen Feinheiten der zu untersuchenden Kultur erhalten. Hält man sich dagegen lange in ihrem Einflußbereich auf, lernt die Sprache und schließt vielleicht Freundschaft mit Angehörigen jener Kultur – denn nur in intensiven bis intimen Diskussionen lassen sich Weltbilder und Ansichten angemessen beleuchten –, dann ist man so eingenommen und sympathisierend mit der Kultur, dass ein auch nur annäherungsweise objektives Arbeiten unmöglich wird. Zwischen beiden Methoden sind freilich alle Abstufungen denkbar. Für mich selbst stellt sich die Frage der Arbeitsmethode nicht: Naturverständnis hängt sehr stark mit dem eigenen Weltbild zusammen, mit persönlicher Philosophie und Religion. Ich erwarte nicht, dass ein Mensch dergleichen mit einem Fremden, vielleicht über einen Dolmetscher, diskutiert. Mein Weg wäre also derjenige, möglichst engen Kontakt zur untersuchenden Kultur, in diesem Fall zur samischen, zu suchen, und möglichst an ihr teilzuhaben, um langsam die Ansichten einzelner Menschen kennen- und später die Kultur verstehenzulernen. Einen anderen Weg, einen ›wissenschaftlicheren‹ Ansatz, hat Timm Rochon für seine Fallstudie (1993) gewählt. Mit Hilfe eines Dolmetschers hat er über einen Fragebogen vierzig Sami aus der Gegend um Jokkmokk zu ihrem Naturverständnis befragt (ebenso wie die Dene in Kanada) und versucht, daraus das Naturverständnis der Sami bzw. der Dene abzuleiten. Die Möglichkeit, diese Studie auszuwerten, schiebt die Notwendigkeit einer eigenen ›Feldarbeit‹ zunächst auf, zumal Rochon detailliert seine eigenen Motive und Ansätze und die damit verbundenene Probleme darlegt. Ich werde mich im folgenden mit der Studie auseinandersetzen, indem ich erstens die Ansätze des Autors beschreibe, seine Methoden und natürlich die Ergebnisse. Zweitens werde ich die Studie einer allgemeinen Kritik unterwerfen und drittens die Ergebnisse mit den Schilderungen H. U. Schwaars vergleichen, eines Schweizer Schriftstellers, der mit den finnischen Sami lebt und ein Freund und sehr intimer Kenner der samischen Kultur ist. So sind die beiden Extrema der möglichen Methoden vereint. Ich selbst kann aufgrund zwar umfangreicher Literaturkenntnisse aber weniger, anfänglicher direkter Kontakte nur intuitiv zustimmen oder ablehnen. Ein Vertreter der Sami soll ebenfalls zu Wort kommen. Den Schluss dieses Kapitels bildet die Frage nach den Ursachen für das Naturverständnis der Sami. Rochon verfolgt mit seiner Arbeit einen ähnlichen Ansatz wie ich selbst. Er kritisiert die damals bestehenden Konzepte von ›Nachhaltigkeit‹ und fordert von der westlichen Gesellschaft ein neues Naturverständnis. Seine Studie will ebenso wie meine Arbeit dazu beitragen, von nachhaltigen Kulturen zu lernen. »New attitudes and perspectives of nature
are needed for an alternative concept of
sustainability to be ecologically compatible with the
natural environment. In searching for new concepts
and approaches to nature perhaps we should turn to
cultures that have sucessfully lived with the earth,
by maintaining a reciprocal and balanced relationship
between themselves, nature and other living
creatures. Der Autor verkennt nicht, dass seine Forschung der Schwierigkeit unterliegt, dass der Forscher Mitglied der dominanten westlichen Kultur ist und dass Sym- oder Antipathien in die Studie einfließen. Mit der Problematik der Position und Haltung des westlichen Ethnologen beschäftigt er sich eingehend. Rochon hat sich von Mai bis September 1990 in Jokkmokk aufgehalten und während dieser Zeit sowohl Interviews als auch Literaturrecherche durchgeführt. Auch allgemeine Beobachtungen sind in die Studie eingeflossen. Befragt wurden vierzig Sami, darunter Rentierhalter, Künstler, Lehrer, Forscher, auch Angehörige der Kirche sowie einige Arbeiter und Jugendliche. Um die Aussagen zu verifizieren, wurden stichprobenartigen Befragungen in Karesuando und Kautokeino durchgeführt. Der Großteil der Befragungen erfolgte über einen Dolmetscher. Die Ergebnisse der Studie, das gegenwärtige Naturverständnis der Sami betreffend [1]Die Natur ist den Sami auch heute noch überragend wichtig, immer noch sehen sie ihre Kultur als der Natur entsprungen an. Daher billigen sie der Natur nicht nur biologische oder ökologische, sondern auch kulturelle und spirituelle Werte zu. Es besteht eine Abhängigkeit von der Natur, die Schutz und Nahrung, ein Zuhause gibt. Auch wenn die täglichen Bedürfnisse heute nicht mehr aus der Natur gestillt werden (können), spielt diese Einstellung eine große Rolle besonders bei Aufenthalten in der Natur, den sie den Aufenthalt in den Orten vorziehen. Die Sami empfinden großen Respekt für die Natur und sehen sich als Teil von ihr. Rücksichtnahme und Bescheidenheit – nicht mehr zu nehmen, als man braucht – spielen in ihrem Naturverständnis ebenfalls eine wichtige Rolle. Kein Teil der Natur ist höher- oder minderwertig, sie lebt als ganzes und eben dieser Wert des Lebens wird von den Sami erkannt. Elemente der alten Religion sind so auch heute noch in ihrem Glauben erhalten, heilige Plätze in der Natur werden immer noch als etwas besonderes gesehen. Aus der Selbsteinschätzung als Teil eines großen Ganzen folgt der Respekt für die anderen Teile unmittelbar und daraus der Gleichheitsansatz, jeder Wert, jeder Teil des Ganzen sei gleichrangig. Ein Leben nach dieser Sichtweise wird den Sami aber durch massiven Landschaftsverbrauch (Stauseen, Forstwirtschaft) erschwert oder unmöglich gemacht, auch die Landrechtslage und der inzwischen entwickelte Profitzwang in der Rentierzucht tragen nicht zu einer Unterstützung dieser alten Auffassung bei. Besonderes Augenmerk verdient die Aussage einer Sami, es werde immer noch der medicine man aufgesucht. Da Rochon in der Kulturbeschreibung das Wort ›shaman‹ bzw. ›noaidi‹ verwendet, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem erwähnten medicine man nicht um einen Schamanen, sondern eher um einen Naturheilkundigen handelt, der gleichwohl Teile alten schamanischen Wissens bewahrt haben kann. Sollte Schamanismus versteckt überlebt haben, so würde dieses Geheimnis wohl kaum westlichen Forschern preisgegeben werden. Die geschilderten Ergebnisse erhält Rochon aus den Beschreibungen der Sami ihres Verständnisses direkt oder einzelner Bräuche. Seine weiteren Schlußfolgerungen enthalten die Forderung, dass eine westliche nachhaltige Gesellschaft ein vergleichbar ganzheitliches Naturkonzept entwickeln müsse. Die Ergebnisse der Studie sind nun aber keinesfalls als das Naturverständnis der Sami anzusehen und korrekterweise betont Rochon dies auch. Der größte Anteil der schwedischen Sami beispielsweise lebt in Stockholm und hätte vermutlich ein sehr viel verwestlichteres Konzept. Es lohnt ein genauerer Blick auf die befragte Gruppe: Rentierhalter, Künster, Lehrer, Forscher und Kirchenmitarbeiter machen den größten Teil der Befragten aus, also auf der einen Seite Menschen, die als ›Landwirte‹ einen sehr engen Kontakt zur Natur haben und auf der anderen Seite Menschen mit höherer Erziehung, die noch am ehesten als Bewahrer der ursprünglichen Kultur gelten können. So ist Rochon mehr oder weniger ausdrücklich erklärt auf der Suche nach dem ursprünglichen Naturkonzept der Sami, was wiederum meiner Arbeit sehr entgegenkommt. Trotzdem müssen die Ergebnisse von aller Naturromantik befreit werden: Versuchte man in Deutschland eine Umfrage unter einem entsprechenden Personenkreis, also Öko-Bauern, Lehrern, Künstlern, ein bißchen alternativer Szene vielleicht, so würde man gewiss überdurchschnittlich viele Menschen mit einem vergleichbaren Naturverständnis oder der Neigung, einen Heilpraktiker statt einen Arzt zu konsultieren, treffen. Insofern muss auch das von Rochon erarbeitete Naturverständnis als existent, aber doch relativiert zu anderen Kulturen betrachtet werden. Im Gegensatz zu dem potentiellen Kreis deutscher Befragter haben wir es hier aber offenbar mit einem traditionellen, auf Religion und alter Lebensweise sich gründenden Naturverständnis zu tun. Das macht den besonderen Wert der Ergebnisse aus. Nun können die Ergebnisse der Studie aber noch einem großen Zweifel unterworfen werden, das ist der Wahrheitsgehalt der Aussagen. Teile der samischen Kultur und vor allem die alte Religion sind unterdrückt und lange verboten gewesen. Öffnet man sich da einem Forscher aus der dominanten Kultur und vertraut ihm offen die letzten Geheimnisse an? Sicher nicht, und so bemerkt auch Rochon, dass die Sami an bestimmten Stellen die Antworten verweigern. Schwaar, obschon ein Freund der Sami, macht die Erfahrung, dass die Sami oft aus Selbstschutz heraus die Unwahrheit sagen. »Samen hüten ihre Kultur wie einen
Goldschatz, geben sie Fremden nicht preis und
versuchen, Schnüffler mit falschen Angaben hinters
Licht zu führen.« Wohlgemerkt: Ich möchte Rochons
Arbeit nicht diskreditieren, auch kenne ich die Befragten
nicht und die Arbeitsumstände nur, soweit sie in der
Studie selbst geschildert sind. Ich möchte deutlich
machen, dass gerade bei den Sami die wissenschaftliche
Annährungsweise zu absolut falschen Ergebnissen führen kann. Wie Rochon erlebt auch Schwaar, dass die Sami in der Natur glücklicher sind, z. B. wenn sie in einem Sommerlager zur Kalbmarkierung leben. Die Natur wird als Zuhause und als gebend erlebt: »Ich plane nicht, ich gehe, wenn ich
muß, und nehme, wenn meine Bedürfnisse es
verlangen. Die Natur bietet an und gibt; die Leute
aus dem Süden jedoch verbieten und nehmen.« So eine Einstellung erfordert eine sehr flexible
Lebensweise, man lebt mit der Natur und darum auch
teilweise nomadisch. Dies wird mit zunehmender
›Akkulturation‹ unmöglich. Vorsichtig ausgedrückt, halte ich es für wahrscheinlich, dass der Anteil der Naturheilkundigen und Trancekundigen unter den Sami signifikant höher ist als in einer westlichen Volksgruppe, seien es die Schweden oder die Deutschen, trotz New Age. Für die Arbeit ist das aber nur von geringer Bedeutung, weil die letzten Schamanen nicht als solche herumlaufen und ihr Wissen unter die Forscher streuen. Nils-Aslak Valkeapää: Meinung eines SamiZum Schluss sollen noch die Sami selbst zu Wort kommen: Die Essays des wohl bedeutendsten samischen politischen Künstlers Nils-Aslak Valkeapää wären es wert, in voller Länge abgedruckt zu werden. Hier sind einige Ausschnitte ausgewählt, die wichtige Positionen wiedergeben, aber keinen zusammenhängenden Text bilden können, die Essays besitzen einfach eine zu große Bandbreite. »Ich wohne in meinem Haus an dem Platz,
wo sie [meine Vorfahren] früher gelebt haben. Diese
Vergangenheit ist nicht einmal so kurz, denn man kann
nachweisen, daß meine Vorfahren wirklich schon vor
10.000 Jahren diesen steinigen Boden genutzt haben,
die Völker, aus denen mein Volk stammt, und das man
heute die Samen nennt. Aber auch in diesem langen
Zeitabschnitt geschah dieses Nutzen so unmerkbar,
daß heute kaum Spuren zu sehen sind. Das zeigt, daß
die Menschen im Einklang mit der Natur lebten. Sie
haben sich nie als Herren der Natur betrachtet – sie
haben es nicht für notwendig erachtet, bleibende
Denkmäler, Pyramiden und Befestigungen zu errichten.
Hier galt nicht, der Größte und Schönste zu sein,
mehr und am meisten zu bekommen. (…) ZusammenfassungAuf der Suche nach dem Naturverständnis der ursprünglichen samischen Kultur finden sich in der Gegenwart wertvolle Hinweise: Die Natur wird als ein lebendiges Ganzes betrachtet, in dem der Mensch nur Teil vieler gleichrangiger Teile ist. Natur, obwohl sie auch unfreundlich sein kann, wird als beschützend und ernährend empfunden, also mehr Leben erhaltend als zerstörend. Zu fragen ist, worin dieses Naturverständnis gründet. In der Literatur klingt vielfach an, es sei in der alten Religion zu finden. Dieses Antwort ist aber nicht ausreichend, weil nur unzureichend zwischen Weltbild, Wissenschaft und Religion sowie Normsetzung unterschieden wird. Mit dieser Problematik gilt es, sich auseinanderzusetzen Ferner ist zu zeigen, wie aus diesem Naturverständnis in der alten Kultur Handlungsanweisungen, Normen, zum schonenden, nachhaltigen Umgang mit der Natur erwachsen sind. zum Weiterlesen:[ Die Kultur der Sami vor
der Kolonisation ] Quellen:Kjellström 1984
Glossar:[ Nachhaltigkeit ] Fußnoten1. In der Studie werden ebenfalls Teile der ursprünglichen Kultur, der Kolonisation und der gegenwärtigen Probleme geschildert, soweit diese zum Verständnis notwendig sind. Ich verweise den Leser auf eigene einschlägige Arbeiten (s. Querverweise) und externe Netzliteratur. Auch auf die Schilderung des Naturverständnisses der Dene verzichte ich, ein Vergleich beider Kulturen war ausdrücklich nicht das Ziel Rochons. zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |