ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Schamanismus verstehenDas Naturverständnis der Sami ist beschrieben worden. Um herauszufinden, worin dieses gründet, ist eine genaue Definition des Weltbildes, der Religion sowie der daraus folgenden Normsetzung notwendig. Ich habe bereits beschrieben, dass die samische Kultur eine schamanische gewesen ist. Auch habe ich den Schamanimus als Phänomen für meinen Zweck ausreichend beschrieben, so dass dem nicht mehr allzuviel hinzuzufügen ist. Jedoch muss noch einmal klargestellt werden, dass Schamanismus keine Religion ist, sondern vielmehr ein Weltbild, auf dem Religion, Wissenschaft, Medizin, aber auch Politik und damit Normsetzung der jeweiligen Kulturen aufbauen. Das Weltbild selbst ist dabei neutral. Aus der Anschauung, dass parallele Geistwelten existieren, mit denen man in Kontakt treten kann, ergibt sich noch keine Handlungsanweisung, ebenso wie aus der Tatsache, sich selbst, wie die Sami, als Teil der Natur zu sehen. Auch die Grundtechniken, die Trance über Trommeln und Gesänge, sind in keiner Form normativ. Erst, wenn der Schamane aus dem Jenseits regelnde Botschaften überbringt, bekommt Schamanismus etwas normatives, womit aber schon der Bereich der Religion betreten wird: Götter und Geister bekommen dann Persönlichkeit und Geschichte, um das Weltbild allgemein verständlich zu machen. Die Unterscheidung zwischen Weltbild und Religion ist gerechtfertigt, weil sich bei gleichen schamanischen Techniken und Ansichten in verschiedenen Kulturen die Religionen doch recht stark unterscheiden können. Eine grundlegende Definition von Religion ist: »Religion ist die achtungsvolle Bezugnahme zum Transzendenten.« (Stamm in meiner Magisterarbeit). Wichtig ist der Begriff »achtungsvoll«, denn er impliziert m. E., dass Botschaften, also religiöse Gebote, befolgt werden. Damit ist Religion normsetzend. »Schamanismus« ist das Bild der verschiedenen Welten, das Beherrschen von Trancetechniken, »Religion« ist die Botschaft, die der Schamane von einer Gottheit überbringt oder das Anrufen dieser Gottheit. Schamanische Religionen erfahren die Besonderheit der ständigen Offenbarung: Bei vielen Tranceritualen wird Kontakt zum Transzendenten aufgenommen, werden neue Regeln oder Ratschläge erhalten. Normsetzung erfolgt bei den Sami weiterhin durch den Ältestenrat, der sich aber an die Vorgaben aus der Geistwelt gebunden fühlt – in schamanischen Kulturen erfolgen Strafen oft für Vergehen rasch und hart durch die Geister. Bestandteil des samischen Weltbildes ist es, sich selbst als Teil eines großen, lebendigen Ganzen zu sehen. Daraus erscheint zwar logisch, dass man mit den anderen gleichrangigen Teilen sorgsam umgeht, aber es ist dennoch zu zeigen, woraus die Handlungsanweisungen erwachsen: 1. Alternative: Wir gehen sorgsam mit der Natur um, weil wir ein Teil von ihr sind. 2. Alternative: Wir gehen sorgsam mit der Natur um, weil uns die Geister dies auftragen. Der Unterschied ist sichtbar: Im ersten Fall gibt es keine Norm, das Weltbild erzeugt Handeln, das aus freiem Willen und freier Einsicht erfolgt. Im zweiten Fall steht die Furcht vor den Göttern, vor Strafen im Vordergrund. Es ist über die Religion eine Norm gesetzt worden, die befolgt wird, sei es unter Druck oder nach Einsicht wiederum aus freiem Willen. Es ist also zu zeigen, warum die Sami in ihrer ursprünglichen Kultur schonend mit der Umwelt umgehen und sich nachhaltig (wenn denn) verhalten. Zwar werde ich hier nicht mehr detailliert auf die Grundprinzipien des Schamanismus zu sprechen kommen, doch können an dieser Stelle einige theoretische Überlegungen zum Verständnis meiner Aufassungen und Thesen wesentlich beitragen. An anderer Stelle habe ich bereits angedeutet, wie Schamanismus mit Hilfe eines mathematisch-logischen Dimensionsbegriffs verständlich gemacht werden kann. DeKorne (s. a.) hat dazu einige grundlegende Überlegungen angestellt, auf denen ich aufbauen möchte. Obwohl er eher der New Age-Literatur zuzurechnen ist, haben die sorgfältig formulierten Gedanken hier durchaus ihren Platz. Es handelt sich dabei um nichts weniger als eine Erweiterung des naturwissenschaftlichen Weltkonzepts, um schamanische Phänomene als Realität beurteilen zu können: Wir leben in einer mehrdimensionalen Welt, ein Körper kann stets mit Hilfe der drei Raumkoordinaten (Länge, Breite, Höhe [x,y,z]) beschrieben werden. Mit Hilfe der vierten Dimension, der Zeit [t], könnte zum Beispiel ein menschliches Leben als Veränderung der Raumkoordinaten über die Zeit beschrieben werden. Dieses sind die vier Dimensionen, die die westliche Naturwissenschaft kennt und in denen sie sich bewegt. Nur in einigen Grenzwissenschaften wird auch darüberhinaus nachgedacht. Wie nun, wenn es nicht nur vier Dimensionen gäbe, sondern mindestens eine fünfte? Es ist eine Dimension, in der der Mensch im normalen Bewußtseinszustand nicht handlungsfähig ist, nur mit Hilfe von Bewußtseinsveränderung kann er in dieser fünften, vielleicht sechsten, siebten, Dimension aktiv werden. Dass Bewußtsein mit den Dimensionen verknüpft ist, zeigt DeKorne. Der Schamane ist derjenige, der in der Lage ist, in dieser Dimension zu handeln. Er verändert, mathematisch gesprochen, nicht nur seine Koordinaten [x,y,z,t], sondern auch die der nächsten Dimension [s], »s« steht für »spirituelle« oder »schamanische« Dimension oder das englische »supernatural«. In dieser Dimension ist es möglich, mit anderen Wesen in der Natur zu kommunizieren, sie erscheinen wie der Mensch selbst. In der schamanischen Terminologie hieße das, »mit dem Geist des Rentieres zu sprechen«. Um die schamanischen Kräfte als »real« zu akzeptieren, müßte die Naturwissenschaft also bereit sein, ihr eigenes vierdimensionales System um mindestens eine Dimension zu erweitern [x,y,z,t,s]. Eine andere Vorstellungsmöglichkeit ist das schrittweise Vorgehen: Eine Linie besteht aus überabzählbar vielen Punkten, eine Fläche besteht aus überabzählbar vielen Linien und ein Raum besteht aus überabzählbar vielen Flächen. Soweit geht unser räumliches Vorstellungsvermögen. Wenn wir jetzt bedenken, dass die Beschreibung eines Raumes immer nur eine statische Momentaufnahme sein kann, ist es gerechtfertigt, die Zeit als überabzählbar viele Räume zu betrachten. Zwar scheinen wir uns immer in demselben Raum zu bewegen, aber genaugenommen besteht unser Leben aus überabzählbar vielen Momentaufnahmen. Folgerichtig muss die schamanische oder spirituelle Dimension aus überabzählbar vielen Zeiten bestehen, in denen freilich auch alle Räume, Flächen, Linien und Punkte vorkommen. So lassen sich schamanische Phänomene sowohl in der spirituellen Dimension als auch in der »Normalwelt« wenn nicht abschließend erklären, so doch zumindest einigermaßen verständlich machen. Wenn die Naturwissenschaft in dieser Richtung forschte und schamanische Kräfte real sind, müßten auch Naturwissenschaftler schamanische Kräfte entwickeln können [Doch Vorsicht! Nur allzu leicht sind Geister erzürnt, warnen einschlägig erfahrene Ethnologen. Es bedarf größerer Fähigkeiten als bloßer Laborkenntnisse], denn es ist an diesem Weltbild nichts Religiöses, Transzendentes oder Magisches. Es ist das, was ich im folgenden als Schamanisches Weltbild bezeichne, auf der das kulturspezifische Welt- und Menschenbild und die Religion und Wissenschaft schamanischer Völker aufbauen. Die Kommunikation mit den Naturwesen läuft in der schamanischen Sitzung in der Mittelwelt ab und hat nichts Transzendentes - es ist wahrgenommene, erfahrene, nichtreligiöse Realität. Erst die Spezifizierung mit Ober- und Unterwelt, in denen Götter und Tote hausen, führt zur Religion. Die Naturgeister sind den Menschen dagegen absolut gleichgestellt, es herrscht ein Geben und Nehmen: »Furthermore, since shamanism rests on the principle of reciprocal exchange, the implication is that both partners of the exchange are on the same level. Thus, supernatural beings are conceived of as non-transcendent; neither are they worshipped or implored.« Für die samische Kultur unterscheidet Paulsen (1961) die Geister und Götter in
Ich schlage vor, die ersten drei Gruppen der nichttranszendenten Realität der schamanischen Dimension zuzurechnen. In ihnen wird auch eine ökologische Abstufung vom Individuum über die Art zum Ökosystem sichtbar. Die beiden letzten Gruppen, die Götter, sind dementsprechend zur Religion zu zählen. Auf das spezifisch samische Welt- und Menschenbild wird in weiteren Abschnitten eingegangen. Warum ist es so wichtig, sich diesen Unterschied zu vergegenwärtigen? Mein Ziel ist es zu zeigen, worin das Naturverständnis der samischen Kultur gründet. Sind es religiöse Vorschriften? Beruht es auf Wahrnehmung und Einsicht? Um dies zu zeigen, ist eine klare Grenze zwischen Realität (Immanenz) und Transzendenz notwendig. Wie geschildert, rechne ich einige Tranceerlebnisse, die Naturkommunikation, nicht zur Transzendenz (vgl. Hamayon 1994). Zwar sind die Techniken der Kommunikation mit der Natur und der Reisen in andere Welten mit Götter- oder Totenkontakt weitgehend identisch, doch in ihrer Anlage sind beide Phänomene unterschiedlich. Die Technik der Naturkommunikation ist in schamanischen Kulturen weitgehend gleich, sie ist Bestandteil des schamanischen Prinzips, der schamanischen Technik, letztlich des schamanischen Weltbildes. Die Religion ist dagegen bildhafte Ausprägung dieses Phänomens und erklärt anschaulich die Welt und stellt darüber einen Götterpantheon und Welten bereit, in denen sich der einzelne aufgehoben fühlt. Die zentrale Figur, der Schamane, fungiert als Heiler, Wissenschaftler (=Wissen Schaffender), Priester, Poltikberater. Um zu einem Verständnis dieser Funktionenvielfalt aus westlicher Sicht zu kommen, kann es hilfreich sein, diese Funktionen nach westlicher Manier zu trennen. Die Beeinflussung von Naturgeistern gehört dann zur Wissenschaftsanwendung, die Beeinflussung der Totenwelt zur priesterlichen Funktion. ZusammenfassungNeben den vier Dimensionen von Raum und Zeit kennen die Schamanen mindestens eine weitere, die spirituelle Dimension. In ihr werden sie durch veränderte Bewußtseinszustände aktiv und kommunizieren mit der Natur. Dieses gehört als wahrnehmbare Realität nicht zur Religion, die erst dort beginnt, wo der Schamane in andere Welten reist und mit Göttern spricht. Mangels eigener Erfahrung unterbleibt die Einordnung der Religion ins Dimensionsmodell. zum Weiterlesen:[ Schamanismus bei den Sami ] Quellen:[ DeKorne s. a. ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |