ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Das samische WeltbildIm Laufe der Jahrhunderte hat die samische Kultur eine Veränderung von einer Jäger-Sammler-Kultur hin zu einer nomadischen Hirtenkultur erfahren. Daneben hat es besonders an den Küsten schon immer seßhafte Fischer gegeben. Meine Schilderung versucht, die grundsätzliche Sichtweise der alten samischen Kultur zusammenzufassen, regionale Unterschiede werden meist ausgeblendet. Die Änderung hin zur Hirtenkultur hat sich auf Weltbild und Religion nicht so stark ausgewirkt, denn es hat schon die Phase der Christianisierung eingesetzt, so dass eher christliche Überprägungen zu entlarven sind (vgl. Hultkrantz 1985). Schamanismus im engen, sibirischen Sinn geht eher mit einer Jäger-und-Sammler-Kultur einher, so sind auch diese Abschnitte zu verstehen. Allerdings können Elemente der Hirtenkultur immer mal durchschimmern, denn zahme Rentiere gibt es auch schon zur Zeit des Jäger-Sammlertums. Wie so viele schamanische Kulturen hat auch die samische eine grundsätzliche Dreigliederung der Welt: Es gibt die Mittelwelt, in der die Menschen leben, darüber die Oberwelt der Götter und darunter die Unterwelt der Toten. Die MittelweltDas ist die Welt der wahrnehmbaren Realität, in der die Menschen leben. Wie ich gezeigt habe, gehört das Umgehen mit schamanischen Dimensionenen nicht ausschließlich in die transzendenten Ober- und Unterwelten. Die Kommunikation des Schamanen mit den Geistern oder Seelen der Jagdtiere findet zwar über Trancezustände, aber durchaus in der Mittelwelt statt. Durch sie erscheinen die Elemente der Natur gleichberechtigt, weder untergeordnet noch übergeordnet (Hamayon 1994). Sofern die Hilfsgeister des Schamanen Tiergeister sind, sind sie durchaus in der Mittelwelt present: Die Tiere sind bereit, dem Menschen zu helfen, wenn dieser sich um sie bemüht. Man kann mit ihnen verhandeln, man kann sie umschmeicheln, erzürnen, mit ihnen Freundschaft schließen, sie als Hilfsgeister gewinnen und dergleichen mehr. Einige zarte Hinweise bei Bäckman & Hultkrantz (1978) lassen darauf schließen, dass Jagdtiere bei Fehlverhalten ausbleiben können. Wenn die Geister von Individuen oder Arten und damit Individuen und Arten als Wesen selbst so auf menschliches Verhalten reagieren, ist es wahrscheinlich, dass auch ganze Ökosysteme auf das Verhalten des Menschen reagieren, denn auch sie haben eigene Seelen oder Geister (Paulsen 1961). Man tut also gut daran, über die spirituelle Dimension eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen - man braucht dabei aber nicht zu katzbuckeln, denn wie schon erwähnt, sind die Wesen einschließlich des Menschen gleichberechtigt. Das schlägt sich auch in der Tatsache nieder, dass die Knochen erlegter Tiere ein ebenso sorgfältiges Begräbnis erfahren wie tote Menschen. Oft reichen Opfer, um den Respekt zu bezeugen. Diese Sichtweise ist nicht als religiöse, vielleicht abergläubische Ausprägung einer Wissenschaft »Ökologie« zu verstehen, sondern als Konsequenz realer Wahrnehmung, also als Wissenschaft im strengsten Sinne. Denn: nur wer sich auf das vierdimensionale Weltbild beschränkt, kann dies als Aberglauben oder Religion interpretieren, wer sich um eine entsprechende Erweiterung bemüht, wird diese Wahrnehmungen als Wahrnehmung der Realität innerhalb des schamanischen Weltbilds zu deuten wissen und nicht als religiöse Offenbarung. Die beginnt in der Tat erst mit der Ausformulierung der Religion: Die Ober- und die UnterweltIn der Oberwelt wohnen die hohen Götter, die hauptsächlich mit der Erschaffung der Menschen befaßt sind. Unter ihnen ist Radien Atzhie oder -Acce, auch Jubmel genannt (Schwaar 1996) der höchste. Er hat die Welt aus seiner Renkuh erschaffen, doch schon dabei stören ihn böse Geister, die durch Opfer zu besänftigen sind. Sein Sohn Radien-Kiedde ist derjenige, der die Menschen erschafft, ferner gibt es Maderatja oder -acce, der ebenfalls daran teilhat. Dies sind wohl die wichtigsten Götter. Die Unterwelt ist die Welt der Toten. Verständlich, dass christliche Missionare sie als Hölle interpretieren und dies den Sami einreden. Ursprünglich ist die Totenwelt aber nicht böse oder schlecht - in Jabmeaimo leben die toten Sami genauso wie einst im Leben. Unklar ist die Dreiteilung der Unterwelt: In Saivoaimo leben danach die guten Menschen oder die mächtigen Schamanen. Dieses Bild könnte von den Christen kreiert sein - traditionell bezeichnet saivo die Schutzgeister der Mittelwelt und ihre Wohnstätten, heilige Plätze, oft Berge. Dies könnten aber auch die Geister verstorbener Schamanen sein, dann passten die Schilderungen zusammen (vgl. Bäckman & Hultkrantz 1978, Hultkrantz 1984). In Rutaimo, einer weiteren Unterwelt, wohnt Ruto. Dieser von Grund auf böse Gott bringt Krankheit unter die Menschen. Er ist oft als Teufel im christlichen Sinne interpretiert worden, zu dem die schlechten Menschen kommen, doch tatsächlich ist Ruto einfach böse und beeinflußt die Menschen eher im Leben in der Mittelwelt. Die von ihm ausgelöste Krankheit muss durch ein Pferd zurück nach Rutaimo gebracht werden - dieses Heilritual ist oft als Pferdeopfer interpretiert und Ruto dann als der germanischen Odinsidee entsprungen gedeutet worden. Dies kann inzwischen als widerlegt gelten (Ränk 1981). Es ist die Krankheit, die auf das Pferd übertragen wird und zurückgebracht wird, das ist eindeitig ein Heil- und kein Opferritual. »Vieles spricht doch dafür, dass kirchliche Einflüsse mehr in den religionsethischen Beurteilungen (Lohn oder Strafe nach dem Tode!) als in Aufbau und Einrichtung der Unterwelt selbst zum Ausdruck kommen.« Die Unterwelt ist also schamanisch, nicht jedoch das Konzept von Lohn oder Sühne, denn ursprünglich leben alle Toten in Jabmeaimo unter der Herrschaft von Jabmeakka, der Herrin der Toten. Auch diese Göttin ist nicht per se böse - im Gegenteil, in Verhandlungen mit ihr kann der Schamane die Seelen Verstorbener als Rentierhirten gewinnen. In der Unterwelt leben die Menschen gerade so wie in der Mittelwelt. Deshalb ist es so wichtig, sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten: Wer als Dieb oder gar Mörder vom Ältestenrat verbannt wird, lebt auch nach dem Tode in Jabmeaimo allein. Jabmeaimo wird oft als Spiegelbild der Mittelwelt dargestellt, die Menschen liefen mit den Fußsohlen an der Unterseite der Erdoberfläche. Ein enger Kontakt mit der Totenwelt ist vorprogrammiert, zumal die Toten immer noch Interesse an den Stätten ihres Lebens haben. Darin könnte ein Grund liegen, die von den Ahnen gelernte Lebensweise zu bewahren, sie könnten sonst böse werden. Die Ehrfurcht vor den Ahnen ist ein zentrales Element der samischen Religion, allerdings leben die Toten nicht ewig. Sie werden mit der Zeit kleiner und verschwinden, etwa in dem Maße, wie die Erinnerung an sie schwindet. Nur große Schamanen sind nahezu unsterblich, weil sie sehr lange im Gedächtnis weiterleben. Die Toten sind auch für Krankheiten verantwortlich: Sie möchten ihre Lieben in der Unterwelt bei sich haben und ziehen darum ihre Seelen zu sich. Dies scheint der Hauptgrund für schwere Krankheiten zu sein, ein Verlust der Seele als Strafe für unrechtes Handeln taucht zumindest in der deutsch- und englischsprachigen Literatur nicht auf. ZusammenfassungDie Sami kennen eine Oberwelt der Götter, die mit der Menschschaffung befaßt sind, ihre eigene Mittelwelt, in der sie mit der Natur kommunizieren, und die Unterwelt der Toten, in der man ganz so wie im Leben lebt. Ein absolutes Fehlhandeln, dass göttliche Strafe zur Folge hätte, scheint es nicht zu geben, es handelt sich eher um Aktion und Reaktion in der Realität der Mittelwelt. Ein Bewahren der traditionellen Lebensweise ließe sich noch auf Ehrfurcht vor den Ahnen zurückführen. Der Ursprung dieser Lebensweise wird in zwei unterschiedlichen mythologischen Zyklen überliefert (s. Verweise). Auch die Tatsache, dass man in der Unterwelt genauso wie in der Mittelwelt lebt, bedingt sicher eine »ordentliche« Lebensweise. Ursachen für schwere Krankheiten sind der »Seelenraub« durch tote Ahnen, motiviert durch Sehnsucht nach den Lieben, und der böse Gott Ruto. Zum Weiterlesen:[ Diskussion der Mythologie. ] Quellen:[ Bäckman & Hultkrantz 1978 ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |