ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Das samische MenschenbildDer Mensch besteht neben seinem Körper aus drei immateriellen Komponenten. Auch wenn sie im folgenden alle als »Seele« bezeichnet werden, so sind ihre Eigenschaften doch höchst unterschiedlich. Die eigentliche Seele, die Freiseele, wird von Radien-Kiedde geschaffen. Maderatja, der Urvater, nimmt die Seele in sich auf, reist um die Sonne und bringt sie zu seiner Frau, Maderakka. Nach Schwaar (1996) wohnen die Göttinnen in der Unterwelt, bei Petterson (1957) findet sich kein entsprechender Hinweis. Maderakka jedenfalls gibt der Seele den Körper. Ihre Töchter vervollständigen den Menschen, Sarakka, Göttin des Herdes und des Feuers, wenn es ein Mädchen wird, und Juksakka, die Bogengöttin, wenn es ein Junge wird. Maderatja nimmt den Menschen dann noch einmal in sich auf und vollendet ihn. Dann wird die Frau schwanger und gebärt später den Menschen. Bis zu seinen ersten Schritten wird er von Uksakka, der dritten Tochter Maderakkas, beschützt. Es gibt auch abweichende Versionen, jedoch ist stets die zweiteilige Schaffung von Seele und Körper Bestandteil des Prozesses. Der Körper jedoch, das wird spätestens beim Totenkult deutlich, enthält noch eine weitere Seele, eine Vitalkraft, die die körperlichen Funktionen aufrechterhält und steuert. Das ist die Körperseele. Das Kind erhält dann den Namen eines Vorfahren. So soll erstens der Tote zufrieden gestimmt werden und zweitens sollen sein Charakter und seine Fähigkeiten auf das Kind übergehen. Das ist die Namensseele. Damit verbunden kann auch die Übertragung der Schutzgeister des Verstorbenen sein. Die Schutzgeister sind oft Tiere, man kann deren mehrere haben und sie auch noch lebend übertragen, z. B. vom Vater auf den Sohn (s. u.). Über die verschiedenen Seelen ist der Mensch also in seine Welt eingebunden: Die Freiseele kommt aus der Oberwelt, die Körperseele hat den direkten Bezug zum materiellen Aspekt des Menschen, also zur Mittelwelt, die Namensseele verknüpft den Menschen mit der Unterwelt. Der Unterwelt streben aber alle Seelen zu: Wird die Freiseele geraubt und in die Unterwelt gebracht, so ensteht eine tödliche Krankheit, ein Sterben. Gelingt es dem Schamanen nicht, die Seele zurückzuholen, stirbt der Mensch endgültig und nach dem Begräbnis geht auch die Körperseele in die Unterwelt, damit der Tote dort einen neuen Körper bekommen kann. Daher ist es wichtig, den Toten ordentlich zu begraben, damit die noch enthaltene Seele nicht verlorengeht. Ein Sarg kann aus rohen Brettern, Birkenrinde oder einem hohlen Baumstamm gemacht sein, einen festen Friedhof gibt es in der nomadischen Kultur aber nicht. Manchmal werden dem Toten Grabbeigaben in den Sarg gelegt, die er in der Unterwelt brauchen könnte. Für den Fall, dass die Seele des Verstorbenen sich noch in der Mittelwelt aufhält, meidet man seine Hütte oder Kohte in den ersten Tagen und öffnet ihre Tür, damit die Seele hinaus kann. Mit dem Begräbnis kann auch ein Fest verbunden sein, an dem zum Beispiel das Rentier, das den Toten getragen hat, verspeist wird. Dieses Tier ist heilig und seine Knochen werden ebenfalls sorgfältig begraben, damit die enthaltene Körperseele auch in die Unterwelt eingeht. Todesursache sind oft die toten Verwandten, die die Seele zu sich rufen. Dabei ist es weniger eine Strafe für begangene Taten als vielmehr Sehnsucht nach den Verwandten. Der Tod kündigt sich stets durch bestimmte Zeichen an. Bei anderen Todesursachen obliegt es dem Schamanen, die Seele in die Totenwelt zu geleiten. Den Toten wird geopfert, damit sie davon absehen, die Seelen der Lebenden zu sich zu ziehen, man zeigt ihnen, dass sie in der Mittelwelt immer noch in Ehren gehalten werden. Manchmal sind auch Krankheiten auf diese Weise heilbar, dann braucht der Schamane nicht zu reisen. Die SchutzgeisterNicht nur Schamanen haben Schutzgeister, sondern auch ganz normale Menschen. Diese saivo oder passevare olmah (Männer der heiligen Berge) können unterschieden werden in Hilfs- und die eigentlichen Schutzgeister, wo bei die ersteren Tiergeister, die letzteren die Geister Verstorbener sind (Bäckman in Hultkrantz 1984). Diese Einteilung unterstützt übrigens wiederum die Grenze zwischen Immanenz der Mittelwelt (Hilfsgeister) und Transzendenz der Unterwelt (eigentliche Schutzgeister). In Bezug auf den Schamanen sind die Hilfsgeister eher untergeordnet. Unter den Nichtschamanen werden die Schutzgeister meist vererbt oder als Mitgift gegeben – eine immaterielle Gabe als wichtigster Bestandteil der Mitgift –, jedoch können sie auch aus eigenen Anstrengungen gewonnen werden. Dies kann nur über Träume geschehen, denn die »normalen« Sami sind ja keine Trancekünstler. Über Träume wird auch mit diesen Geistern kommuniziert. Sind die Schutzgeister Tiere, so können daraus bestimmte Regeln, z. B. das Verbot, diese Art zu jagen, die Folge sein. Die Stellung des Menschen in der WeltDer Mensch scheint den meisten natürlichen, spirituellen und transzendenten Wesen mehr oder weniger gleichgestellt zu sein. Als Bringer von Tod und Krankheiten sind die Toten und der Gott Ruto die einzigen stärkeren Wesen, während sich die anderen Götter außer bei der Menschwerdung nicht wesentlich kümmern. Das Verhältnis zur Natur, zu Tieren und Schutzgeistern ist von Aktion und Reaktion geprägt. Der Mensch ist frei zu handeln, wie er will, er muss dann aber mit einer entsprechenden Reaktion durch die Umwelt rechnen. Die Kommunikation mit der Natur über die spirituelle Dimension kann das Leben insofern vereinfachen, als dass man von der Natur selbst unmittelbar erfährt, wo das Problem liegt. Man kann sogar verhandeln. Die Beeinflussung transzendenter Wesen (Ruto, Totenwelt) scheint zwar gefährlicher zu sein, aber in einer gewissen Weise einfacher – die immanenten Wesen (Tiere), mit deren Geistern oder Seelen man spricht, haben durchaus ihre eigenen Vorstellungen, notfalls bleiben sie als Jagdwild einfach weg. Dass man sie in gewisser Weise »gut« behandeln muss – man ist vom Jagdwild abhängig –, ist damit eine Einsicht, die aus der Wahrnehmung und Erfahrung heraus erfolgt. »The aim of these rituals [Jagdritual, Begräbnis der Tierknochen] is evidently to secure the friendship and benevolence of the animals on which the humans are dependent. For example, giving the dead animals a decent burial insures that it will either return to life to be hunted again or that, as a surviving soul, it will persuade other animals of its kind to be hunted. The latter belief seems to be more common among the Saami.«
Die Sami-Kultur ist zudem ausgesprochen opferfreudig. Das Motiv für Opfer ist meist, Respekt zu bezeugen und dem Menschen genehmes Verhalten des »Beopferten« für die Zukunft zu erreichen, weniger ein Entschuldigen für Schaden aus der Vergangenheit. Die Opfer sind aber nicht unbedingt ein Zeichen von Unterwürfigkeit à la »Dein Wille geschehe«, sondern eher eine Respektsbezeugung, nach der man als Gegenleistung schon Wohlwollen des entsprechenden Naturgeistes erwartet. Die Beziehung zur Geistern und Göttern folgt also der Zielsetzung: Heil wirken, Konflikte vermeiden. zum Weiterlesen:[ Schamanismus verstehen ] Quellen:[ Bäckman in Hultkrantz 1984 ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |