ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Die Rolle des SchamanenDer samische Schamane heißt noaidi und nimmt wie bei den anderen circumpolaren Völkern eine besondere Stellung innerhalb der Gemeinschaft ein. Er ist derjenige, der mit der spirituellen Dimension und den Göttern am besten umzugehen versteht und die Wissenschaft seiner Gesellschaft betreibt. Er ist Mediziner, Priester, Botaniker und Pharmazeut, Historiker, Planer und Politikberater, Experte für Rentiere, also Landwirtschaftsexperte, Armee und nicht zuletzt Metawissenschaftler. Wetterbeeinflussung ist ebenfalls dokumentiert. – Ich habe versucht, seine komplexe Funktion in westlichen Begriffen zu umschreiben (vgl. Collinder 1949). Tatsächlich wird das dem noaidi kaum gerecht, denn der schamanische Ansatz ist ein ganzheitlicher und sämtliche Funktionen durchdringen sich und bedingen einander. Zum besseren Verständnis werden sie trotzdem getrennt erläutert (vgl. u. a. Bäckman & Hultkrantz 1978): Medizin. Das Heilen ist eine der wichtigsten Aufgaben. Die schweren Krankheiten werden durch den Verlust der Freiseele verursacht, jenes Teils des Menschen, der losgelöst in Träumen und Trance operiert. Tote Verwandte möchten ihre Lieben gern bei sich haben, und so kann es schon mal vorkommen, dass eine Seele in die Totenwelt hineingezogen wird und so ein Mensch krank wird. Der Schamane muss sich dann meistens mit Hilfe seiner Trommel und bestimmten Gesängen, den joiks, in Trance versetzen. Er braucht aber nicht allein in die Unterwelt zu reisen, ihm zur Seite stehen die wichtigsten Schutzgeister: Der Vogel, der Fisch und der mächtige Rentierstier – der Bär dagegen ist zu heilig und zu mächtig, um als Schutzgeist akquiriert zu werden. In Verhandlungen mit Jabmeakka, der Herrin der Toten, gelingt es dem Schamanen meist, gegen Opferversprechungen die Seele loszulösen. Trotzdem verfolgen die Toten den Schamanen und den Geretteten auf dem Weg zurück in die Mittelwelt, alles in allem eine gefährliche Unternehmung. Weniger schwere Krankheiten werden aber auf einfachere Art und Weise geheilt, zum Beispiel durch Heilkräuter. Priester. Eine Kirche gibt es bei den Sami nicht, aber dennoch eine ausgeprägte Religion und bestimmte Ritualvorschriften. Opfer spielen eine besondere Rolle, um Heil für die Zukunft zu wirken. Mit ihnen bezeugt man Naturgeistern und Göttern Respekt. Kleinere Opfer oder Dankgebete werden von jedem Sami an heiligen Steinen, den seite, dargebracht, sind aber größere Opfer notwendig, so ist es der Schamane, der sie ausführt, wobei möglicherweise nicht jeder Schamane ein Opferpriester gewesen ist. Der Schamane, der sich um die Seelen seiner Gemeinde zu sorgen hat, auch, damit sie auf dem Weg zur Unterwelt nicht verlorengehen, umherirren und Unglück bringen, ist Seelsorger im wörtlichen Sinne. Botaniker und Pharmazeut. Weniger ernste Krankheiten werden durch die Anwendung von Naturstoffen geheilt. Der Schamane muss also die Kräuter und ihre Heilwirkung kennen. Ob er, wie seine lateinamerikanischen Kollegen, auch Extrakte und Tinkturen herstellt, ist nicht überliefert. Das Sammeln selbst könnte aber Aufgabe der Frauen gewesen sein, wie generell in Jäger-Sammler-Kulturen die Männer jagen und die Frauen sammeln. Historiker und Planer. In seiner Trance kann der Schamane durch Räume und Zeiten reisen, er kann also Kunde bringen von weit entfernt liegenden Ereignissen, in der Regel wohl, wo sich eine Rentierherde aufhält oder ob ein Opfer notwendig ist. Meistens wird es sich dabei um die Voraussage von Jagdglück oder -pech handeln. Der Schamane selbst trifft nicht die letzte Entscheidung für seine Sippe, aber seine Kunde dürfte den Ältestenrat stark beeinflussen. In späteren Zeiten haben auch Nichtschamanen mit Hilfe der Trommel geweissagt. Rentierexperte. Der Schamane kann in Erfahrung bringen, wo sich eine Rentierherde aufhält. Wenn er geschickt mit dem Geist der Herde oder dem Geist des Leittiers verhandelt, kann er sie sogar in Richtung auf seine Sippe zuführen. Der Schamane kann auch die Seele eines toten Verwandten anwerben, um auf die Rentiere aufzupassen, vermutlich meist für seine eigene Herde. Möglicherweise kämpfen Schamanen auch miteinander um Herden: Armee. Die Sami sind ein friedliebendes Volk und Kriegszüge hat es unter ihnen nicht gegeben. Der Schamane ist aber in gewisser Weise für das Jagdglück verantwortlich. Bleibt nun eine Herde aus, möchte er vielleicht Rene aus dem Nachbargebiet seiner Sippe zuführen. Seine Hilfsgeister bekämpfen dann die Hilfsgeister des Schamanen der anderen Sippe, unter Umständen bis zur völligen Zerstörung eines Schamanen. Der Wahrheitsgehalt solcher Schilderungen ist umstritten – doch die spirituelle Dimension scheint ein besserer Ort für »Kriege« zu sein, Umwelt und Volk bleiben davon weitgehend unberührt. Es ist aber überliefert, dass sich im Falle ungerechter Ressourcenverteilung die Ältestenräte untereinander verständigt haben. Der Schamanenkampf ist dann wohl die absolute Ausnahme oder eine spätere Erscheinungsform unter begonnener Ausbeutung durch die Siedler mit stärkerer Ressourcennutzung. Metawissenschaftler. Der Schamane ist Kenner des Weltbildes und erfährt in ständiger Offenbarung stetige Erneuerung der Religion, er beherrscht die zur schamanischen Wissenschaft notwendigen Techniken und dürfte auch ein wesentlicher Kulturträger, ein Überlieferer der Mythen gewesen sein. In der Person des Schamanen findet sich ein ganzheitlicher Ansatz von Wissenschaft verwirklicht, der dazu mit wenig abstraktem Wissen auskommt und immer wieder neu, quasi »online«, Wissen schöpft. Wie wird man Schamane?Hierüber gibt es wenig Überlieferungen, eine mögliche Variante liefert Bosi (1960). Danach wird ein Junge durch einen Traum von den Geistern gerufen – Träume stellen ausdrücklich eine Brücke in die spirituelle Dimension dar. Daraufhin wird er von seinem Vater bei einem erfahrenen Schamanen in die Lehre gegeben. Dort lernt er alles über Körper und Seele, die Mythen und die Technik der Trance. Tod und Wiedergeburt als Initiationsritus tauchen nicht explizit auf – dieser Komplex unterscheidet offenbar den samischen Schamanismus von anderen Nordeurasiern, er stellt sich als häufiges Reisen in die Totenwelt dar. Generell werden nur Jungen von Geistern gerufen, oft ist auch ein naher Verwandter oder der Vater selbst Schamane. Frauen spielen eine mehrdeutige Rolle im samischen Schamanismus: Zum einen dürfen sie die Trommel nicht berühren, weil es ihnen Unglück bringe, zum anderen hat es durchaus mächtige Schamaninnen gegeben. Lundmark (1984) beschreibt einige Beispiele – alle diese Frauen haben Trommel, Amt und auch die Herden von ihrem verstorbenen Ehemann geerbt, was ihrer Macht aber keinen Abbruch tut. Schamanismus ist also allen möglich, die Auswahl von Jungen, zukünftigen Jägern, scheint eher den hohen Status der Jagd innerhalb der Kultur widerzuspiegeln und ein gewisses Patriarchat zu fundamentieren. Die Schutz- und HilfsgeisterVerschiedene Schutz- und Hilfsgeister verbinden den samischen Schamanen mit der spirituellen Dimension und macht die Einbettung in die Natur und die Ahnenwelt noch deutlicher. Es gibt zunächst die eigentlichen Schutzgeister, die Männer der heiligen Berge (saivo olmah, passevare olmah), auch als Schamanengefolge oder des Schamanen Leute bezeichnet. Sie haben den Schamanen einst gerufen. Es ist daher möglich, dass es sich um tote Vorfahren oder andere tote Schamanen handelt, die jetzt noch in der Mittelwelt oder einer besonderen Welt (saivoaimo) leben, die zwischen der Mittelwelt und der eigentlichen Unterwelt liegt. Es könnten diese Geister aber auch Berggeister sein, die sich einfach in Menschengestalt darstellen – anders wäre ein Berggeist schwer vorstellbar. Neben diesen Schutzgeistern hat der Schamane drei Hilfsgeister aus der Tierwelt: Da ist der Vogel, der Botschaften, besonders zu den saivo olmah, bringt und dem Schamanen den Weg zeigt. Der Fisch überwacht des Schamanen Reise in die Unterwelt und paßt auf sein Leben auf. Der Rentierstier ist der stärkste Hilfsgeist, er kann für den Schamanen Kämpfe ausfechten. Die Ahnen, sofern die saivo olmah solche sind, sonst die Landschaft (Berge) und die Tiere helfen dem Schamanen also wesentlich, sich in der spirituellen Dimension zurechtzufinden. Damit helfen sie aber auch allgemein den Menschen, sich in der Natur zurechtzufinden und Heil (Gesundheit, Jagdglück) zu erhalten. Die Stellung der Schamanen und ihr NiedergangDie Beschreibung der Schamanen erfolgt zumeist von außen, so wird selten deutlich, ob eine Strafe bei Handlungen gegen schamanische Anweisungen durch den Schamanen selbst oder durch die Geister und Götter erfolgt. Eine Scheu vor den heiligen Männern besteht natürlicherweise. Der Schamane nimmt selbst auch am ganz normalen Alltagsleben teil, als Lohn für seine Mühen bieten ihm die Geister aber gewisse Vorteile, so kann er Tote als Wächter für seine Rentiere einsetzen. Auch zu Zeiten der Jäger-Sammler-Kultur hat es bereits zahme Rentiere gegeben. In späteren Zeiten haben Schamanen auch Bezahlung verlangt, das ist offenbar ein Aufbruch alten Sippenzusammenhalts durch den Einfluss der Kolonisation. Der Wandel der samischen Kultur von einer reinen Jäger-Sammler-Kultur über die nomadisierende Hirtenkultur bis zur heutigen Viehhaltung erfolgt langsam und über die Jahrhunderte, zahme Rentiere als Locktiere, später Last- und Nutztiere gibt es wohl schon im ersten Jahrtausend, die Betreuung zahmer Herden setzt in der frühen Neuzeit ein und die Seßhaftigkeit mit Technisierung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Wandel der alten Religion erfolgt vor allem unter dem Einfluss des Christentums (Hultkrantz 1985), die Nomadenkultur hat schlichtweg keine Zeit für umfassende Religionsveränderung. Im übrigen hat sich die soziale Struktur auch nicht stark verändert, wenn auch die Positionen von Schamane und Sippenchef näher zusammengerückt sind. Unter dem Christentum freilich werden die Schamanen verfolgt und angeklagt, die Trommeln verbrannt. Alte Elemente der Religion leben aber z. T. christianisiert bis heute weiter. Im Mittelalter noch scheint der Schamane hauptsächlich in der Trance zu agieren (vgl. Manker 1938), zunehmend findet sich jedoch die Form der Weissagung ohne Trance, für die man einen Zeiger über die Trommel wandern läßt. Dies wird in späterer Zeit von vielen Nichtschamanen praktiziert. Umstritten ist, ob dieser »Laienschamanismus« ursprünglich war und später die Spezialisierung hinzukam, oder ob er eine echte Degenerierung ist. Unter Berücksichtigung der äußeren Einflüsse schlage ich folgende Interpretation vor: Es ist möglich, dass in Vorzeiten jeder Mensch Trancespezialist war, denn die Schilderung, dass der Kontakt zu Göttern früher einfacher war, findet sich in vielen Religionen (vgl. Lakandonen/Magisterarbeit). Das Schamanenamt stellt also eine Spezialisierung dar. Die zunehmende Konzentration auf Weissagung kann mehrere Gründe haben. Erstens könnte es eine Folge des Kulturwandels weg von der Jäger- hin zu der (Hirten-)Nomadenkultur sein. Zweitens kann die Verfolgung der Schamanen durch die Christen die Sami veranlaßt haben, ihre Tradition soweit wie möglich zu verteilen, um sie zu erhalten – so kommen Laien an das Wissen um die Trommeln, sind aber wenig tranceerfahren, es bleibt die Weissagung. Drittens sind Schamanen als Teufelsanbeter verunglimpft worden. In dem Maße, wie sich dieses Bild durchsetzt, verläßt sich der Laie lieber auf sich selbst. Durch den Kolonisationsprozess wird das alte Wissen zum größten Teil ausgerottet. Weiter gibt es Aussagen, dass Schamanen eigennützig Magie betreiben und auch Sippenmitgliedern Schaden zufügen. Hier muss wieder der priesterliche Einfluss ausgeblendet werden, denn solches Handeln ist nicht original schamanisch. Möglicherweise versuchen die Schamanen auf diese Art, das vordringende Christentum aufzuhalten, ihre Sippenmitglieder »bei der Stange zu halten«, oder die Berichte sind einfach durch christianisierte Sami entsprechend überprägt. So berichtet Johan Turi (Turi & Turi 1920), Schamanen gingen einen Pakt mit dem Teufel ein. Auf der anderen Seite schildert er höchst eindrucksvoll, wie auch noch zu seiner Zeit mit schamanischer Kraft Diebe überführt und Menschen geheilt werden, Schamanen also Gutes tun. Er beschreibt seinen Urgroßvater ehrfurchtsvoll als woodrotter, eine Bezeichnung für die stärksten Schamanen, die durch ihren Blick Bäume faulen lassen können. Sein Großvater sei ebenfalls »weise« gewesen und er selbst wird auch um Heilung gebeten. Da er diese Kräfte nicht mehr hat, hilft er nur einer anderen Schamanin. Turi hat seine nur noch begrenzten Fähigkeiten geerbt. Ein weiterer Grund für die kritische Betrachtung der Schamanen könnte sein, dass diejenigen, die solche Kräfte oder Hilfsgeister erben, nicht mehr damit umgehen können, weil sie nicht mehr ausgebildet werden. Nach Turi & Turi (1920) reicht oft schon ein Gedanke des Schamanen, um die Hilfsgeister zum Handeln zu veranlassen. So kann ein Unerfahrener schnell anderen unabsichtlich Schaden zufügen, wenn er seine Gedanken nicht beherrschen kann, und der Schamanenstand erhält leicht einen schlechten Ruf. Schamanismus ist seit der frühen Neuzeit auf dem Rückzug, aber er existiert bis in unsere Tage: Neben Turi, der Schamanismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bezeugt, dokumentiert Kjellström (1984) zahlreiche Opferungen, sowohl kleiner Gaben am seite, als auch Rentieropferungen, in diesem Jahrhundert. Trommeln scheinen bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Gebrauch zu sein, und ein Sami (*1931) wird bei Trancehandlungen beobachtet. Für die Gegenwart kann als gesichert gelten, dass in gewissem Umfang Elemente der alten Religion weiterleben und besonders die seite noch eine große Bedeutung haben (vgl. Rochon 1993, Schwaar 1990 & 1994, Kjellström 1984). Ob es darüberhinaus einen im Vergleich zur westlichen Welt oder bloß der schwedischen Gesellschaft überdurchschnittlichen Anteil an Naturheilkundigen gibt, ist wohl kaum festzustellen, denn wenn es in Sápmi Tranceheiler oder gar noch echte Schamanen gibt, werden diese sich kaum offenbaren und einer wie auch immer gearteten wissenschaftlichen Untersuchung stellen. In der Tat hat die Christianisierung die schamanische Kultur zerstört, obwohl eine Koexistenz durchaus möglich ist (vgl. Mazateken/Magisterarbeit). Trotzdem hat sich einiges davon bis in die heutige Zeit erhalten. zum Weiterlesen:[ Schamanismus verstehen ] Quellen:[ Bäckman & Hultkrantz 1978 ] zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |