ZUM NATURVERSTÄNDNIS DER SAMIstartseite | impressum | inhaltsverzeichnis Hanjo Schlüter, Jokkmokk 1999 Die Trommel – Instrument und DokumentDie Schamanentrommel ist der wichtigste Gegenstand des Schamanen, vielleicht der samischen Kultur überhaupt. Genauso, wie der Schamane eine hochkomplexe Rolle in der Gesellschaft einnimmt, ist die Trommel weit mehr als ein Musikinstrument, das der Extase dient. Sie ist das Instrument der schamanischen Wissenschaft, sie ist gleichzeitig auch Dokument, Bewahrung des Wissens, mit ihrer oft detaillierten Bemalung, die meist die Welten bzw. das samische Weltbild darstellt. Freilich können nichtschamanische, westliche Wissenschaftler sie nicht lesen, sie können vielleicht die Figuren und Vorgänge deuten, aber nie ihr Wissen zur Entfaltung bringen, so wie ein Laie der Physik vielleicht ein kompliziertes Buch über Teilchen lesen, aber kaum verstehen, geschweige denn mit einem Teilchenbeschleuniger neue Erkenntnisse gewinnen könnte. Zur Verdeutlichung der Funktion der Trommel stelle ich, wie beim Schamanen, wieder Analogien zur westlichen Kultur her: Der westliche Wissenschaftler liest ein Fachbuch und glaubt an die Realität des darin enthaltenen Wissens – er glaubt nämlich daran, dass ein beschriebenes Experiment, das er nicht selbst ausgeführt hat, tatsächlich so stattgefunden hat, er verlässt sich geradezu darauf. Die Buchstaben sind nur eine Abstraktionsform, die Codierung der Information über das Experiment. Der samische Schamane, der Wissen benötigt, schlägt seine Trommel. Benutzt er sie zur Weissagung, so lässt er einen Ring oder anderen heiligen Gegenstand über die Figuren wandern und schöpft daraus Erkenntnis. Für ihn und seine Sippe ist das so gewonnene Wissen Realität. Man könnte diesen Vorgang mit einer Online-Recherche in einer Internet-Datenbank vergleichen, die Trommel ist das Medium, wie der Rechner oder das beschriebene Fachbuch. Dient die Trommel einem Trance-Ritual, so kann sie ohne weiteres als wissenschaftliches Instrument bezeichnet werden. Sie ermöglicht die Erforschung der spirituellen Dimension und ist damit für die schamanische Kultur gleichbedeutend wie naturwissenschaftliche Instrumente zur Erforschung des Raumes und der Zeit in der westlichen Kultur. Diese Meinung mag ein wenig merkwürdig anmuten, aber wer objektiv an die Sache herangeht, wird sich vergegenwärtigen, dass Forschungsinstrumente nicht metallblitzend mit einer Menge an Rechnerplatinen, hochwertigen Linsen, empfindlichen elektronischen Rezeptoren ausgestattet sein müssen, nur dann vielleicht, wenn wir kleinste Einzelheiten des Raumes wahrnehmen wollen. Warum also nicht der spirituellen Dimension Realitätsstatus zubilligen und die Trommel als ein, wenn auch archaisches, Instrument zur Erforschung dieser Dimension sehen? Ergebnisse kann damit aber nur zutage fördern, wer bestimmte Kenntnisse hat, das ist in der westlichen Naturwissenschaft nicht anders. Ferner ist die Trommel auch als Medium zur Kommunikation mit der Natur zu sehen. Etwas vergleichbares fehlt der westlichen Wissenschaft. »Jede einzelne Trommel bildet ein Kompendium des Wissens seines lappischen Besitzers über sowohl geistige als materielle Dinge. Die gesammelten Trommeln bilden einen Kulturatlas der vorchristlichen Lappen, (…).« Manker (1938 & 1950) beschreibt die Trommeln umfassend, nahezu abschließend – nicht alles ist für die Zielsetzung der Arbeit interessant, eigentlich dient dieser Abschnitt nur der Illustration und dem Verständnis des samischen Schamanismus, daher werde ich hier nur einige Aspekte beleuchten, ohne auf die regional großen Unterschiede in Herstellung, Form und Bemalung der Trommel einzugehen. Das am häufigsten verwendete Holz ist Kiefernholz, wobei der verwendete Baum bereits als heilig gilt. Es werden nur Bäume verwendet, deren Wuchsform eine Eignung zum Trommelbau verspricht, eine Trommel, deren Holz man erst mühsam in Form bringen muss, ist wenig wirksam. Die geeigneten Bäume dürfen für keinen anderen Zweck gefällt werden. So ist es nicht auszuschließen, dass ein Baumgeist später in der Trommel wohnt, obwohl er für die Jagdmagie keine besondere Rolle spielt. Manker beschreibt, dass solch speziell ausgesuchtes Holz auch praktisch von Vorteil ist, z. B. in Bezug auf Stärke oder Resonanzfähigkeit. Neben der Kiefer finden Fichte, Birke und Eberesche Anwendung. Wird die Trommel nicht aus einem Rahmen, sondern aus einer Schale gefertigt, wird die Wurzelpartie benutzt. Es können übrigens mehrere Holzarten für eine Trommel verwendet werden. Für die Bespannung wird Rentierhaut benutzt, meist muss ein besonderes, seltenes Rentier seine Haut hergeben, eine sterile Kuh oder das Kalb einer einjährigen Kuh zum Beispiel. Diese seltenen Vorkommnisse werden in einer bestimmten Form als heilig oder einfach als Zeichen gesehen, dass diese Haut besonders geeignet sei. Generell wird die dünnere Kalbshaut vorgezogen. Die Haut wird enthaart, aber nicht gegerbt. Die feuchte Haut wird auf die Trommel gespannt, beim Trocknen zieht sie sich zusammen, was Spannung und Festigkeit der Nähte erhöht. Der Ton der Trommel ist allerdings nicht ganz so wichtig: Gerissene Felle werden schonmal genäht oder geflickt. Die Trommel wird mit Farbe aus zerkauter Erlenrinde bemalt, wobei die Zahl und die Komplexität der Figuren mit den Jahrhunderten zunehmen, je mehr die Trommel der Wahrsagerei ohne Trance dient, vielleicht, je mehr die samische Kultur sich wandelt. Die Farbe zieht in die obersten Hautschichten ein, so dass der Gebrauch der Trommel sie nicht gleich wieder abplatzen lässt, sondern sie lange erhalten bleibt. Da oft spitze Malwerkzeuge zum Einsatz kommen, trägt die unausweichliche Ritzung der Haut ebenfalls zur Haltbarkeit bei. Wegen der blutähnlichen Farbe genießt die Erle wieder einen besonderen Status. Dieses »Erlenblut« spielt auch bei Jagdritualen eine Rolle. Der Schutzgott des Bären ist der Erlenmann, Leibolmai, wegen der Bedeutung der Erlenrindenfarbe, vielleicht auch, weil sich der Bär bevorzugt in Erlenhainen aufhält. Das Holz der Trommel wird mit Schnitzereien verziert, die Schalentrommeln bieten naturgemäß mehr Platz für künstlerische Gestaltung. An der Rückseite der Trommel sind oft mehrere Gehänge befestigt, Riemen mit Zinn-, Kupfer-, Eisen- oder Silberschmuck oder auch Bärenzähne und -klauen. Neben der Funktion als Rasseln sind diese heiligen Gegenstände Sitz von Schutzgeistern oder diesen als Opfer verbunden. Auch Schmuck, der bei der Namensgebung geschenkt wurde und mit den Schutzgeistern der Ahnen verbindet, kann an die Schamanentrommel gehängt werden. Kleinere Zinnstifte geben an, wieviele Bären nach dem Rat der Trommel erlegt worden sind und steigern Kraft und Ruhm der Trommel, aber auch des Schamanen. Der Hammer (Trommelschlegel) wird aus Rentierknochen oder Horn gemacht und ebenfalls verziert, zuweilen mit Haut überzogen. Die Form des Doppelhammers geht nicht nicht etwa auf den Thorshammer zurück, sondern ist durch die Wahl des Materials, bevorzugt nämlich Augsprossen von Rengeweihen, zu erklären. Als Zeiger, der bei der Anwendung der Trommel ohne Trance über das Fell wandert, können ein Hornstück, eine Holzgabel, ein Messingring, eine Metallplatte oder eine Tierfigur dienen. Die neuzeitlichen Trommeln sind aufwendig bemalt, weil sie der Weissagung dienen (s. u.). Es findet sich oft der gesamte Kosmos der Sami dargestellt, die Sonne dominant in der Mitte und die Götter, Welten, Wohnstätten, Tiere und Landschaft drumherum angeordnet oder eine dreischichtige Gliederung in Ober-, Mittel- und Unterwelt. Jedes der Symbole hat eine bestimmte Bedeutung für sich und dann im Prozess der Weissagung. Für die Beschreibung und Bedeutung einzelner Symbole verweise ich auf Manker (1950). Die Anwendung der TrommelOffensichtlich bedarf eine neue Trommel einer besonderen Einweihungszeremonie, die Quellen geben aber höchst unterschiedliche Rituale wieder, von der Opferung eines Rentieres, der gemeinsamen Sitzung mehrerer Schamanen über das erste Schlagen durch ein Kind bis hin zu einer relativ normalen Sitzung. Die Handhabung dieses Instruments scheint im Laufe der Jahrhunderte, wie samischer Schamanismus und Kultur allgemein, einem bestimmten Wechsel unterworfen gewesen zu sein (vgl. Manker 1938): In den ältesten Quellen vom Ende des 12. Jahrhunderts heißt es, der Schamane würde mit der Trommel tanzen und dazu singen, bis er in Trance fällt. Am Ende der Reihe steht die Weissagung, in der der Schamane den Zeiger über das Fell wandern lässt und daraus sein Wissen schöpft. Dies ist in späten Jahren von jeder Familie gemacht worden. Da in dieser Zeit, gegen Verschwinden des Schamanismus, immer noch eine Verbindung zur spirituellen Dimension besteht und das Wissen Nutzen bringt, darf dieses Ritual aber nicht abgewertet werden, obschon die Einflussmöglichkeiten des Schamanen geringer sind als zu früheren Zeiten. »Verschwinden« meint übrigens: den Augen der Obrigkeit entzogen. Ein typisches Ritual in der frühen Neuzeit kann folgendermaßen ablaufen: Eine gewisse Grundstimulation erfolgt bereits durch Alkohol. Trommelt und singt sich der Schamane in Trance, so wandert er oft auf seinen Knien umher, er kann auch als Beweis seiner Macht die Geister beeindrucken, indem er in glühende Kohlen greift oder sich mit dem Messer Verletzungen beibringt. Zuletzt fällt er wie tot zu Boden und seine Seele verlässt ihn. Dieser Zustand dauert ein bis zwei Stunden und er löst seine Aufgaben. Während dieser Zeit darf der Körper nicht berührt werden, sonst kann die Seele vielleicht nicht zurückkehren. Auch müssen einige Frauen ständig joiken, um den Schamanen an die Aufgabe zu erinnern und ihn sicher wieder zurückzugeleiten. Wenn er langsam wieder zu sich gekommen ist, kann er gegebenenfalls Auskünfte erteilen. Samische Schamenen unternehmen im wesentlichen Seelenreisen und werden nicht von Geistern besessen. Ziel seiner Trance kann sein:
Von außen sieht das Ritual also sehr einfach aus, aber was im Schamanen selbst vorgeht, welche Verbindung er mit der Trommel eingeht, davon ist aus den alten Quellen selbstverständlich nichts zu erfahren und vermutlich könnte man es kaum in Worte fassen oder dann würden es nur Schamanen verstehen. Aufbewahrt wird die Trommel im heiligen, hinteren Teil der Kohte, bei Wanderungen am Ende der Karawane. Für Frauen ist es gefährlich, sie zu berühren, so müssen sie einen anderen Weg gehen. Nach dem Tod des Schamanen kann sie ihm als Grabbeigabe belassen werden, oft sind Trommeln aber auch vererbt worden, je älter und bewährter sie sind, desto stäker kann man ihr vertrauen. zum Weiterlesen:Quellen:zurück | inhaltsverzeichnis | weiter erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |