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Hanjo Schlüter
Hamburg 2004
Bücher stapeln sich. Noch vom letzten Jahr, in den letzten Monaten gekaufte, ein Stapel von Zweitausendeins, weil bestimmte Titel endlich heruntergesetzt (böse Zungen sagen »verramscht«) waren. Zu lange Liegengebliebenes. Trotzdem folgt anlässlich der Buchmesse und des nächsten Weihnachtswunschzettels ein Blick auf Neuerscheinungen dieses Jahres. Meine ganz persönliche Buchmesse. Kursiv gesetzte Titel habe ich bereits gelesen, das sind also echte Tipps. Die anderen Infos stammen aus verschiedenen Rezensionen …
Herrje, sind Bücher teuer. Auch keine neue Erkenntnis, schon Tucholsky bedrängte seinen Verleger »Macht unsere Bücher billiger.« Lassen wir das. Ich hatte während der letzten Jahre eine Faustregel: Für Neuerscheinungen zahle ich 50 Cent je zehn Seiten, ohne zu murren. Und Verlage, die auf Satz und Verarbeitung achten (z. B. Diogenes) dürfen etwas mehr verlangen. Aber diese Faustregel gilt schon längst nicht mehr. Gerade bei dünnen Bänden kratzen die Verlage oft an der Euro-Grenze, überschreiten sie gar schamlos. Als hätten sie nach der Euro-Einführung nur die Währungskürzel ausgetauscht … Soll man jammern? Zwar unter Seufzen, doch kaufe ich weiter Bücher: Wissend, dass ein Autor nur dann wirklich verdient, wenn sein Buch zufällig ein Bestseller wird, wissend, dass kleine Verlage um ihre Unabhängigkeit kämpfen, wissend, dass im Buchhandel die Margen nicht gerade groß sind. Aber, liebe Verleger, einige Werke sind so hochpreisig, dass ich dann doch auf die Taschenbuchausgabe warte. Damit jeder weiß, wer gemeint ist, habe ich diese Bücher mit einem zackigen Stern * markiert. So. Und jetzt geht’s los mit
Das wichtigste Ereignis des Buchjahres hat bereits im Frühling stattgefunden: Die Neuauflage von Frank Schulz’ Debüt »Kolks blonde Bräute« (Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, 298 S., 12,90 Eu). Und weil ich über Frank Schulz schon geschrieben habe, gehe ich bruchlos über zu … ja, zu wem eigentlich? Norman Mailer hat gesagt, alles unter fünfhundert Seiten dürfe sich sowieso nicht Roman nennen. Das sollte er mal einem beliebigem Verlagsvertrieb erzählen, der schon ab dreihundert Seiten anfängt, mit Zahlen zu argumentieren. Marcel »der Rezénsent« RR hat die Grenze bei zweihundert Seiten festgelegt. Was soll ich denn mit anämischen 192 Seiten? Für 17,90 Euro? Morten Feldmanns »Der perfekte Mann« –*– (Antje Kunstmann) erhält von der Kritik von »nichtssagend« bis »herrlich« die ganze Bandbreite. Sebastian Busch, sein Ich-Erzähler, ist ein von Frauen verzogener Mann, ein Weichei, ein Schlaffi, ein »enteierter Mann« (spiegel special). Allmählich merkt er es selbst. Humor top, Tiefgang Flop? Man wird sehen.
Nicht viel dicker (240 Seiten, 19,80 Eu, *) ist Ralf Rothmanns »Junges Licht« (Suhrkamp), eine Pubertätsgeschichte über den zwölf- oder dreizehnjährigen (die Rezensenten sind hier uneins) Julian Collien, Ort und Zeit: Ruhrpott, sechziger Jahre. Im Großen und Ganzen sehr positiv von der Kritik aufgenommen. Na ja, deutsche Filmemacher beherrschen das Genre »coming of age« wie kein anderes, warum also nicht die Autoren? Wer Kindheitsromane aus der Zeit mag, ist auch mit dem gleichnamigen Buch von Gerhard Henschel (496 Seiten, na bitte, endlich mal ein dickes Buch, für 22,90 Eu, Hoffmann & Campe) gut bedient, obwohl die Kritiker geteilter Meinung sind: An Sprache und Detailfreudigkeit scheiden sich die Geister. Einfach mal ein paar Seiten im Buchladen anlesen.
Etwas schmaler geraten ist Monique Truongs »Das Buch vom Salz« (336 Seiten, 19,90 Eu, C. H. Beck). Ein verklemmter, vietnamesischer, schwuler Koch heuert beim bekanntesten Lesbenpaar in Paris an: Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Gute Küche, die Pariser Bohème der Zwanziger, die Lebensgeschichte eines Ausgestoßenen – das verspricht eine Menge.
Falko Hennig wird von einigen, seinen Verlag eingeschlossen, als komischster unter den jungen Berliner Autoren gehandelt. Sein Buch »Radio Hochsee« (138 Seiten, 12 Euro, hier lohnt der * nicht, da eh schon Broschur, Piper) versammelt Texte aus der gleichnamigen Lesebühne. Satire, mit der der Mitbegründer der Charles-Bukowski-Gesellschaft den ganz normalen Alltag aufs Korn nimmt. Wer in Berlin wohnt, kann ihn regelmäßig live erleben.
Verschont uns mit Eurem langweiligen Leben, Ihr Showstars und -sternchen, besonders, wenn es noch nicht einmal halb vorbei ist, wie Ihr wohl hofft. Aber so mancher hat wirklich eine Geschichte zu erzählen: Fritz Bringmann teilt seine »Erinnerungen eines Antifaschisten 1924–2004« auf 280 Seiten (Konkret Literatur Verlag, 14,90 Eu). Als Widerstandskämpfer im KZ Neuengamme inhaftiert, überlebt, als Kommunist auch in der Bonner Republik nicht wohlgelitten – Bringmanns Leben hört 1945 nicht auf. Es ist – wie der Verlag wirbt – ein Stück deutscher Zeitgeschichte.
Wer gern und gut isst, wird während der Lektüre von Ullrich Fichtners »Tellergericht« (240 Seiten, 17,90 Eu, DVA) stellenweise schmunzeln, seufzen oder lachen – denn er weiß Bescheid und macht hinter jeden Absatz ein Häkchen: »Genauso ist es.« Leider. Wer sich noch nie oder wenig über’s Essen Gedanken gemacht hat, sollte sich verpflichtet fühlen, wenigstens einen Blick zu riskieren und die siechende Esskultur in Deutschland bewusster wahrzunehmen.
»Im Netz der inneren Sicherheit« schreibt Christiane Schulzki-Haddouti über die neuen Methoden der Überwachung (190 Seiten, 14,90 Eu, Europäische Verlagsanstalt). Sie tut dies als IT-Journalistin bemerkenswert nüchtern, bar jeglicher Verschwörungstheorien. Was ist vor dem 11. September schiefgelaufen, was danach? Und was kommt jetzt? Das Buch (Stand: Sommer 2004) ist kaum weniger als eine Sterbeurkunde für den freiheitlichen Rechtstaat; ein Fazit, das Schulzki-Haddouti so nicht zieht, nichtsdestotrotz aber auch die eine oder andere staatsphilosophische, wichtige Frage aufwirft. Nur das Lektorat hätte hier und da bemühter sein können (»Hamburger Elektrizitätswerke«, und das kommt einem Hamburger Verlag unter).
Albrecht Müller deckt vierzig Denkfehler, Mythen und Legenden auf, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren, so der Untertitel seines Buches »Die Reformlüge« (240 Seiten, 19,90 Eu, Droemer). Dabei steckt Müller gewiss nicht mit dem Kopf im Sand, sondern benutzt selbigen – den Kopf nämlich –, um quer zu denken und Thesen, die bereits Dogmen geworden sind, in Frage zu stellen. Als ehemaliger Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Brandt und Schmidt und Bundestagsabgeordneter von 1987 bis 1994 hat Müller bestimmt eine Meinung, die man wenigstens zur Kenntnis nehmen sollte.
Drei Sachbücher, eine Biografie, fünf Romane und ein Textbändchen. Keine ganz schlechte Ausbeute. Angesichts meines Bücherstapels werde ich doch wieder irgendwo streichen müssen. Sucht noch jemand ein Jugendbuch zum Verschenken? Na, welches werd’ ich da wohl empfehlen?