FEUILLETON
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Hanjo Schlüter, Hamburg 2004
»Wenn einer einen fängt, der durch den Roggen kommt …«
Eike Schönfeld hat Salingers Catcher in the Rye neu übersetzt. Eine Kurzrezension.
Über das Buch selbst brauche ich kaum Worte zu verlieren. Nur die Übersetzung ist neu, und die Rezensionen waren derart, dass man meinte, den Catcher in the Rye nun auch
auf Deutsch lesen zu dürfen. Ja, Scheiße. Sie ist ja nicht schlecht, die Übersetzung, aber an einigen Stellen schimmert das Original so sehr durch, dass man beim Lesen erst zurück ins Englische übersetzt und dann seine eigene Version bastelt. Zum Beispiel hat Schönfeld, nach eigenem Bekunden »schematisch«, »goddam« mit »verflucht« übersetzt.
Dieses Wort, das kaum benutzt wird – jedenfalls von den Leuten, die ich kenne –, taucht
in anderen Büchern auch als Übersetzung von »fucking« auf. Nun, bei
mir ist ein »verfluchtes Irgendwas« immer noch ein »Scheiß-Ding«,
und selbstverständlich kann nicht jedes »fucking« oder »goddam« im Deutschen stehenbleiben: In unserem Sprachgebrauch geht das voll in die Hose. Schematisches Arbeiten sowieso. Warum fällt das weder der Lektorin (Bärbel Flad) noch den Rezensenten auf?
Vermutlich fällt es wenigen Leuten auf, weil Übersetzungen aus dem Amerikanischen unsere Kultur inzwischen dominieren. Das gilt besonders für’s Kino (und dementsprechend das Fernsehen), das ja noch eher die Umgangssprache beeinflusst als die Literatur. Und luschig synchronisierte Filme
pflegen voll peinlicher Anglizismen zu stecken. Man gewöhnt sich offenbar daran. Aber wer sich dann zum Beispiel einen synchronisierten skandinavischen Film anguckt (ich denke gerade an den letzten Moodysson, »Lilja 4-ever«), wird dort eine ganz andere, ganz ungewohnte Sprache finden, geradezu wohltuend, gleich, wie verstörend der Film auch ist.
Holden Caulfield könnte sich in der Übersetzung durchaus anders anhören: »Ich mein’, vielleicht lesen die Zeitungsleute nur schlecht übersetztes amerikanisches Zeug, und dies ist nicht ganz so schlecht übersetzt, und überhaupt. Aber wenn jemand einen verfluchten Büstenhalter nicht abkriegt, sollte er’s vielleicht mal mit ’nem Scheiß-BH versuchen. Und bis zur Seite 234 dachte ich echt, der kennt das Wort ›spießig‹ nicht. Und nur so’ne Sachen. Wenn du beim Lesen merkst, welches Scheiß-Wort da auf Englisch gestanden hat, dann ist die Übersetzung für’n Arsch. Sowas macht mich nicht nur fertig, sowas zieht mich total runter, ich schwör’!
Na ja, ist natürlich trotzdem ’nen krasses Buch, weil der Salinger, der hat sich das ja alles ausgedacht, den Caulfield und so. Der schreibt nicht in seiner eigenen Sprache, sondern wie der Caulfield denkt und spricht. Und so’ne Leute wie Lebert oder Stuckrad-Barre, die könn’ ja nichts anderes als über ihr eigenes Scheiß-Leben schreiben, und Salinger schreibt über was, was er sich komplett ausgedacht hat. Ziemlich fett.«
Oder man lese noch einmal Plenzdorfs Hommage an Goethe und Salinger – Die neuen Leiden des jungen W. Auch das ist eine Sprache, die heute niemand mehr benutzt, aber sie macht Spaß. So etwas erwarte ich auch von einer Übersetzung.
J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen. Neu übersetzt von Eike Schönfeld. Kiepenheuer & Witsch 2003.
Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. Suhrkamp 1976. (orig. VEB Hinstorff Verlag 1973.)
erstellt 2004 (c) hanjo schlüter |
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