FEUILLETON Hanjo Schlüter (Don’t) Mention the War!Jonathan Safran Foer und David Grand lesen im Literaturhaus und diskutieren über den Krieg Einer sorgt derzeit für ein bisschen Furore in den Feuilletons und verdreht den Rezensenten die Köpfe: Jonathan Safran Foer (Jg. ’77) hat ein Buch geschrieben. Das allein wäre vielleicht nicht so bemerkenswert, weil ihn ja vorher niemand kannte, aber es ist ein ›ernsthaft komisches‹ Buch über den Holocaust, für das man ihn gelegentlich in eine Schublade mit Benigni (›La vita è bella‹) steckt. In ›Alles ist erleuchtet‹ fährt ein junger amerikanischer Jude in die Ukraine, um die Geschichte seiner Familie zu erforschen. Bevor es, so wie ich verstanden habe, tragisch wird, ist es erst einmal pointengespickt, in der Hauptsache, weil der Leser vieles aus Briefen, die der ukrainische Übersetzer (und Freund?) des jungen Protagonisten schreibt, erfährt. Dieser Übersetzer spricht ein eher kurioses Englisch, das auch in der deutschen Übersetzung sehr gut herauskommt, und verleiht dadurch unter anderem den kleinen Tücken der ukrainischen Reise sehr viel Komik. Ob das nun so revolutionär ist, dass es die Hymnen der Kritik rechtfertigt, oder nicht: lustig und unterhaltsam ist es auf jeden Fall, sowohl die von Foer gelesenen englischen Passagen als auch andere, von Felix Knopp vorgetragene, deutsche Auszüge aus dem Buch. Wovon die ›Körperfluchten‹ des zehn Jahre älteren David Grand handeln, kann ich allerdings nicht sagen, weil sich mir die präsentierten Texte schlichtweg nicht erschlossen haben. Das macht aber nichts, dergleichen passiert. In ihrer Begrüßung hatte Ursula Keller, die immer ein bisschen nach Leibweh aussieht – wer weiß, vielleicht hat sie welches –, angekündigt, dass das Programm aus gegebenem Anlass geändert wurde. Man wollte nach etwas verkürzter Lesung und literarischem Gespräch noch mit den Autoren über den Krieg sprechen, »weil ja doch bestimmt Bedarf da ist.« Da musste ich glatt aufpassen, dass ich nicht mit Leibweh durch zuviel Betroffenheit geschlagen würde. Aber immerhin: das literarische Gespräch sollte abgekürzt werden. Ich mag es nämlich überhaupt nicht, wenn Autoren genötigt werden, zu ihrem Werk Stellung zu nehmen. Alles, was der Leser braucht, sollte im Buch stehen, andernfalls hätte der Verfasser geschludert. Vielleicht war auch Jonathan Foer ein wenig dieser Ansicht, denn er gab dem moderierenden Joachim Scholl, Kulturredakteur bei Radio Bremen, eine Frage mit folgender charmanter Metapher zurück: »Fragen Sie einmal einen Vogel, warum er fliegen kann. Ich wette, Sie finden keinen einzigen, der es Ihnen erklärt. Dafür sind die Ornithologen besser ausgestattet. Die Literaturkritiker sind die Ornithologen, und es ist gut, dass es sie gibt.« Der Krieg. Das Publikum traute sich nicht so recht, vielleicht war doch kein Bedarf vorhanden. Zögernd, ein, zwei Fragen, dazwischen immer wieder Anbiederndes zum Buch – »Kennen Sie eigentlich…?« –, wie es leider zu oft auf Lesungen passiert. »Sie beide repräsentierten ja, um im Klischee zu sprechen, das intellektuelle Amerika, das auch von uns, die wir das Alte Europa sind, geschätzt wird. Falls Sie Ihre Meinung oder Ihren Protest äußern, fühlen Sie sich da mit anderen Künstlern, Wissenschaftlern oder Philosophen als eine solche Gruppe (um das Wort ›Bewegung‹ zu vermeiden), und dringen Sie überhaupt durch angesichts der Selbstzensur der Medien? Wie sieht’s aus in Amerika?« »Nun«, sagte da Jonathan Foer, »wie könnte ich mich zu Dingen äußern, von denen ich nichts verstehe? Ich möchte dazu eigentlich nichts sagen, nur weil ich dieses Buch geschrieben habe. Wenn ich es nicht geschrieben hätte, würde mir niemand solche Fragen stellen.« Er hat es aber geschrieben. Wenn Foer diesen Unterschied nicht sieht, hätte er es vielleicht besser bleiben lassen, hätte nicht in Princeton Literatur und Philosophie studieren sollen und stünde noch gut aufgehoben hinter der Hotelrezeption. Am liebsten mochte ich ihn am Revers packen und durchschütteln, aber das ging natürlich nicht. Foer ist ein Junge, der sich mit sich selbst beschäftigt, wie auch in seiner Stellungnahme zum Buch bisweilen deutlich geworden ist. Irgendwann wird er damit fertig sein. Ich wünsche ihm, dass er dann noch eine Öffentlichkeit findet, die seine Meinung einfordert. Bis dahin verschone er uns mit seinen Naseweisheiten. Wir haben genug damit zu tun, dem Gegenüber im Badezimmerspiegel jeden Morgen unsere einzige magere Entschuldigung vorzubeten, politisch nicht aktiv zu sein: Dass unsere Kunst nämlich eine politische ist. Was sagte nun David Grand? »Ich möchte nicht als Schriftsteller antworten, sondern als Vater zweier Kinder, der in New York lebt und Angst hat.« Ja, auch er war auf Demonstrationen mit eher 500 000 als oft berichteten 100 000 Teilnehmern, ja, auch er wurde von der Polizei hart angefasst. Es haben sich bedeutende Stimmen erhoben und wurden gehört. Das sei doch im un-Sicherheitsrat genauso geschehen. »Aber wer«, schloss er resigniert, »vermag George Bushs stählernen Willen zu brechen?« Ich denke, ich sollte es doch mit den ›Körperfluchten‹ versuchen. [ Zitate frei, aus der Erinnerung des Autors ] Bücher:Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet. Deutsch von Dirk van Gunsteren. KiWi. 384 pp. 22,90 Euro. David Grand: Körperfluchten. Tropen Verlag. 440 pp. 21,80 Euro. Verweise ins Netz:[ Literaturhaus ] [ Foer bei KiWi ] erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |