FEUILLETON Hanjo Schlüter Zur (K)Lage der NationenAchtung: In diesem Kommentar stecken viel Satire und Ironie. Man soll das nicht unbedingt ernst nehmen. Das deutsche Feuilleton, und nicht nur dieses, spielt mal wieder verrückt. Das ist an sich nichts Neues, aber ich habe heute Morgen eine Tasse Espresso zuviel getrunken, und das entschuldigt vieles, wenn auch nicht alles. Wir Deutschen sind nämlich die besseren Deutschen und die besseren Menschen überhaupt, weil wir erst Täter und dann Opfer waren und damit beide Seiten kennen. Es passt ja doch alles so hervorragend zusammen: Erst haben wir die anderen Staaten mit unserem fürchterlichen Moralismus des geläuterten Täters genervt: »Nie wieder!« Und: »Wir wissen, wie das ist, ihr aber nicht, und deshalb sind wir der bessere Staat!« Schließlich ist London nie bombardiert, Frankreich nie invadiert und die usa nie vietnam-traumatisiert worden. Und falls doch, dann haben sie nichts daraus gelernt, sondern nur wir. Wir Deutschen. wir. Und darum geht unsere Meinung über alles, über alles in der Welt. Perdu, finito. Inzwischen haben sogar die deutsche Intellektuelle und das Feuilleton entdeckt, dass es in Deutschland auch Opfer gab. Die Rolle ist fast noch angenehmer, weil es ja nicht nur darum geht, Entschädigung für die Bombenopfer der allierten Kriegsverbrechen zu erstreiten, man kann das noch prima gegen die Zwangsarbeiterentschädigung aufrechnen, nein, man kann sogar den anderen die Komplettäterschaft zuschieben: »Ihr habt damals schon, und jetzt wieder (und Opfer einer durchgeknallten Regierung waren wir Deutschen sowieso, wir haben von nichts gewusst, und heute wissen wir und sind darum besser (dran) als ihr. Und Hitler war sowieso Österreicher).« Und schon wieder wissen wir besser, wie es ist, haben allein wir aus der Geschichte gelernt, und unsere Meinung geht über alles, usw. usf. »Wehret den Anfängen«, wusste schon der alte Ovid (es könnte ein harmloser Flirt schneller ernst werden, als dir lieb ist). Aber genau das kommt davon, wenn man das humanistische Bildungsideal zum Teufel jagt. Nach dem kompletten Genom vor ein paar Jahren (und den Unterschied zwischen ›gelesen‹ und ›entschlüsselt‹ wahrscheinlich nicht verstanden) druckt jener, der sogar hinter Walsers armseliger Peinlichkeits-Prosa Antisemitismus wittert, auf zwei Seiten alle Komposita, die ›-phobie‹ enthalten, ab, das Faktenmagazin aus München wird wahrscheinlich mit den »100 schlimmsten Ängsten« nachlegen, und der gute Augstein hat vor seinem Ableben noch schnell zwanzig Titel zum Thema wk ii bestellt. Wir verharren in Selbst-Reflektion, erstarren in Historiaphobie – es könnte wieder passieren, wenn man sich nur bewegt. Buh! Und dann kommt jemand aus Texas und wird doch glatt mit Hitler verglichen. Darüber regt man sich auf? Bush als Gröfaz? Beleidigung? Für wen? Historisch absoluter Blödsinn, denn der ganze amerikanische Imperialismus ist ja seit dem Zweiten Weltkrieg ein fortgesetztes Kontinuum, Bush vielleicht der letzte wirkliche Feind Hitlers: Ziel war schon immer die amerikanische Weltherrschaft, und weil wir Deutschen kläglich gescheitert sind, uns dem entgegenzustellen, müssen das jetzt die Araber machen (Saddam sein Schnurrbart ist sogar ein klein wenig größer als der vom Hitler Adolf), denn die wahre Gefahr ging nie vom Bolschewismus aus, sondern vom kapitalistischen Imperialismus. Deutlich: Das ist nicht meine Meinung, ich referiere das nur. Schelm, wer solchen Weltanschauungen Antisemitismus unterstellt. George W. als Erfüllungsgehilfe, dieses Bild ist so lächerlich wie das zur Zeit im Netz kursierende Photo, auf dem Bush den Einen Ring Saurons trägt. Stimmiger hingegen ist das Bild des mächtigen, doch besorgten Kanzlers, der verspricht, die alte Republik und ihre Ideale zu retten, sich aber als erzböser Imperator entpuppt (ich denke, dass das schon so bekannt ist, dass ich niemandem die Spannung von Episode iii genommen habe) und die weit entfernte Galaxis nun seinerseits mit Furcht und Terror beherrscht. Da ist es nur gut, dass Deutschland im Imperialen Senat widerspricht und ich hoffe, dass wir uns dann tatsächlich dereinst auf der Seite der Rebellen wiederfinden werden, selbst, wenn wir gemeinsam mit dem Ewigen Milchgesicht Mark Hamill kämpfen müssten. Bloß: wer gibt die Leia mit ihren festgeklebten Brüsten? Will das überhaupt noch jemand sehen? Dass diesen Mythos ein Amerikaner geschaffen hat und dafür nicht von den Erben McCarthys gevierteilt wurde, ist schon amüsante Fußnote. Aber genau wegen dieser unserer zukünftigen Rolle ist zu begrüßen, dass Joschka Fischer auf Friedensmission unterwegs ist und zu retten versucht, was noch zu retten ist. Schon deshalb, weil er in Gedenkstätten und auch anderswo immer so sorgenzerfurcht dackelblickend ausschaut, dass ich ihm nie unterstellen würde, er wollte mir den moralpädagogischen Zeigefinger in den Anus rammen. Schließlich ist man ja selbst viel zu oft Zeigefinger und kann sich dafür nur noch hassen, hassen, hassen, dass man den Amerikanern nicht einmal mit dem herablassendsten aller Gefühle, nämlich mit Mitleid, begegnen kann, weil sie alles andere sind als eine Kulturnation wie das Alte Europa, und zugrunde gehen werden, wie der Zerfall des Römischen, Französischen oder Deutschen Imperiums schon in dessen oder deren Entstehen programmiert war, und weil wir so haushoch über den Amerikanern stehen, weil sie nie etwas geschafft haben (und Leute wie Ernest Hemingway oder Norman Mailer, Miles Davis oder Charlie Parker, Paul Simon oder Andy Warhol oder Henry David Thoreau natürlich keine Amerikaner waren, und sich überhaupt die deutsche Forschungselite nach Kleinhintertupfingen an der Knatter und nicht in die Staaten verzogen hat), dass wir sie und ihre Burger und ihre Kriege sogar ignorieren könnten, ohne irgendwas zu verpassen. Und Donald Rumsfeld bekommt den Karlspreis verliehen, weil sich niemand je wieder so um die europäische Einheit verdient gemacht haben wird. [ 1 ] Vielleicht aber sollten wir lieber den Deutschen Sonderweg konsequent zuende gehen anstatt zu rebellieren: Erst alle Soldaten aus den awacs abziehen, dann aus der nato austreten und schließlich die Bundeswehr auflösen, ausgenommen natürlich die Teile, die wir brauchen, um die bösen Flüsse und die bösen Ausländer in Griff zu bekommen, den Katastrophenschutz mithin. Und da wir neuerdings wieder so dicke mit unseren lieben Nachbarn sind, schmiegen wir uns noch etwas mehr an Chirac an, der uns im Falle eines Falles schon mit seinen Atomraketen, falls von dem Gebombe neulich in der Südsee noch welche übrig sind, beschützen wird. ›Entente atomiale‹, sag ich nur. Deutschland ist für die Amerikaner eh uninteressant, weil wir gar kein Öl haben, da können wir auch still in unserem historisch-idealistischen Biotop vor uns hin mulchen, ein wenig die britische Presse verklagen und ansonsten die besseren Dichter und Denker sein. Vielleicht haben wir dann ja irgendwann sogar Gelassenheit und Humor und können die Dinge betrachten, ohne sie vorher auf schwarz und weiß zu reduzieren. PS: Die Idee mit dem Karlspreis kommt von Jürgen Wieckmann, die Ovid-Recherche von Richard Schröder (benutzt er jetzt auch häufiger), und konkret möchte ich noch die ›konkret‹ 1/03 und die ›taz‹ von heute (25. Jänner 03) als, äh, Meinungsbildner, benennen, von dem Rest weiß ich nicht mehr, wo er herkommt, weil ich viel zu viel lesen muss, dafür werde ich bezahlt. Wahrscheinlich aus meinem Kopf und es ist ein Albtraum und Zeit, daraus aufzuwachen. Leserbriefvon Jürgen Wieckmann, 26. Januar 2003 Hi Hanjo, ein gutes Stück – mindestens zum zweimal Lesen geeignet. Kleine Korrektur. Die Idee, dem Rumsfeld für den Karlspreis vorzuschlagen, ist kein Gag, der ursprünglich aus meinem Kopf stammt. Das habe ich irgendwo aufgeschnappt, frage mich aber jetzt nicht wo. Das riecht eher nach Harald Schmidt – jedenfalls vom Stil her. Egal. (…) In Vorkriegszeiten ist es schwierig, publizistisch den Durchblick zu bewahren. Die Manipulation der veröffentlichten Meinung läuft bekanntlich zur Höchstform auf. Wenn man Glück hat, kriegt man Jahre später noch Teilwahrheiten präsentiert. Oft liegt dann auch noch im Nebel, welche Information aus welcher Quellen aus welchen Beweggründen durch die globale Medienlandschaft gepustet wird. Mich beschleicht bei derzeitigen Nachrichtenlage eher die Vermutung, dass hier das klassische Spiel ›böser Bulle – guter Bulle‹ gespielt wird. Die guten Bullen sind Deutschland und Frankreich, die Rolle des Bösen spielen die Amis. Das sind recht simple Verhörmethoden – immer wieder gerne benutzt und in der Regel sehr effektiv. Das in aller Kürze. Besten Gruß Jürgen Leserbriefvon Axel Koch, 1. Februar 2003 Moinsen, Herr Doc, habe Ihre letzte Heimatseitenauffrischung gelesen. Sprachlich fein, hab gegrinst – aber: War es ein allgemeines Zeter & Mordio? Mir fehlte ein wenig das Resumee am Ende – also nach dem Motto: Gut gebrüllt, Löwe, aber was zur Hölle wollte er damit erreichen? Nur mal Luft machen? Gruß Koch Fußnoten:1 Eine Woche später. Das war ja wohl der kürzeste Preisträger der Geschichte. Naja, Blair hatte man ja sowieso nicht zu Europa gezählt, und was Aznar da produziert hat, zeigt einmal mehr, dass man alle Konservativen incl. New Labour ruhig über einen Kamm scheren und in dieselbe Schublade stecken kann. Ganz nach unten. Bleibt zu hoffen, dass die Aggressiven Acht von ihren Untertanen kräftig getreten werden, und zwar in den Allerwertesten. erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |