FEUILLETONHanjo Schlüter, Hamburg 2003 Revisionistisches zur Buchmesse»Konkret«-Autoren rezensieren Bücher, die sich mit dem Krieg und der deutschen Opferrolle beschäftigen. In Frankfurt ist Buchmesse und Deutschland dräut der Revanchismus.
Das passiert in schöner Regelmäßigkeit, dieses Jahr nimmt sich die
»Konkret« beides gemeinsam vor: »Schreibtisch-Täter: Revanche für
1945« mit der Unterzeile »Wie die deutsche Literatur den Krieg
gewinnt« lautet der Titel der Literatur-Beilage im Oktober-Heft. In bewährter Weise, also überall Faschismus, Revisionismus, Antisemitismus und andere rechte -ismen witternd, nehmen sich die Autoren die gegenwärtige
Tendenz der Feuilletons und Literatur vor. Wenn ich hier einige Thesen zusammenstelle und kommentiere, ersetzt das nicht die Lektüre des Supplements.
Die
»Konkret« geht selbstverständlich konkret auf die einzelnen Autoren und ihre Werke
ein, das will ich mir an dieser Stelle ersparen. Ich danke den
Rezensenten, dass ich die Bücher nicht selbst lesen muss. Wie wirkt sich das auf die Literatur aus?
Muss denn jede Beschäftigung mit der Vergangenheit in geschichtliche Dimensionen eintauchen? Ein Autor, der genug damit zu tun hat, »dem Gegenüber im Badezimmerspiegel jeden Morgen unsere einzige magere Entschuldigung vorzubeten, politisch nicht aktiv zu sein: Dass unsere Kunst nämlich eine politische ist.« [1], wird diese Frage mit »Ja« beantworten. Dürfen sich Autorinnen, die mit heutigem Wissen schreiben und damit zurückblicken, hinter der Perspektive eines kleinen Mädchens verstecken? Diese Perspektive verbietet geradezu jede Reflektion über Geschichte und die Verbrechen, die wahrscheinlich auch von den Eltern dieser Mädchen begangen wurden. Und umgekehrt tritt jedes Einzelschicksal in eine geschichtliche Dimension ein, wenn sich die Protagonisten Dinge wünschen dürfen wie eine »zukünftig gerechtere Beurteilung der Deutschen.« Und damit meinen sie nicht, dass wir künftig jedem Deutschen – »denn an allem Unfug der geschieht, sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch die, die ihn nicht verhindern« (E. Kästner) – sein kleines Päckchen Individualschuld aufladen, das angesichts der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen gar nicht so klein ausfällt. Sie meinen vielmehr, dass die Schuld relativiert werde und aufgerechnet gegen das, was sie den Alliierten anlasten (Deutschland befreit zu haben?). »Er war zwar in der Partei, aber eigentlich war er kein Nazi.« – Dergleichen wollen wir nie wieder hören. »Wir konnten ja nicht anders«, ist auch eine beliebte Phrase. Um diese Entschuldigung halten zu können, wurden die Widerständler lange verfemt, sie hatten gezeigt, dass man sehr wohl anders konnte. Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, setzt sich damit auseinander: Als sie nach dem Krieg vom Schicksal der (gleichaltrigen) Sophie Scholl erfahren habe, habe sie sich geschämt: Es sei sehr wohl möglich gewesen, etwas zu erfahren (über die Verbrechen der Nazis). [2] Eine weitere These aus »Literatur Konkret«: In der Beschäftigung mit der Vergangenheit müsse das Subjekt stark zurücktreten, zuerst als Täter, konsequent auch als Opfer. Das Resultat sei eine »Lügengeschichte (…) von Faschismus und Krieg, in der es kein Subjekt gibt.« Ausprägungen dieser Wahrnehmung sind bekannt – die Nazis waren an allem Schuld; es waren gar nicht »die Deutschen«, die alles begangen haben, sondern »die Nazis«. Beziehungsweise der große eine. Die anderen waren Opfer, Opfer »der Geschichte« höchstens noch. Autoren, die die eigene Täterrolle oder die ihrer Familie (Willy Peter Reese, Uwe Timm) akzeptieren und sich damit auseinandersetzen, sind in der Minderheit. Heutzutage mahnen eine halbe Million Deutsche die USA: »Seht her, WIR wissen, was Krieg bedeutet.« Sie dürfen das, weil sie selbst ach so gelitten haben unter den schrecklichen Verbrechen »des Krieges«. Sagen sie: »Denn wir, unsere Eltern und Großeltern waren es, die Europa in Schutt und Asche gelegt haben, für den Tod von -zig Millionen Menschen verantwortlich waren, und, als reiche der Krieg allein nicht, noch die abscheulichsten Verbrechen in der Geschichte begangen haben.«? Sagen sie NICHT. Sie sagen, wenn sie sich trauen, andernfalls denken sie nur: »Wir waren Opfer« und verschweigen, dass Coventry vor Dresden stattfand. [3] Diese Revisionisten treten seit einem Jahr verstärkt an die Öffentlichkeit, ein zweifelhafter Glanzpunkt ist das Buch »Der Brand« von Jörg Friedrich. Marcel Reich-Ranicki verwies im Dezember letzten Jahres statt eines ausführlichen Kommentars auf einen Artikel von Peter Wapnewski über dessen Erinnerungen an die Nächte im Luftschutzkeller. »Nicht ein Mal habe ich in diesen ungezählten-zählbaren Stunden so etwas gehört wie aufbegehrende Verwünschungen gegen die Feinde, wie Flüche der Empörung gegen England oder die Vereinigten Staaten«, heißt es da; und später: »Keine Racheschwüre gegen die bombenwerfenden Alliierten. Man fühlte sich ihnen ja in gewissem Sinne solidarisch verbunden, sie würden jenes System zerstören, das wir selbst errichtet hatten und das zu erledigen uns die Kraft fehlte. (…) Wir sahen ja in ihnen unsere künftigen Befreier, und daß ihre Vorhut mörderische Spuren in unser Land hineinbombte, wollte uns als gesetzmäßig erscheinen.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Dezember 2002). [4] Was bleibt: Zwanzig oder mehr Bücher werden in »Literatur Konkret« rezensiert, die wenigsten davon sind empfehlenswert. Wer sehenden Auges durch den Bücherherbst gehen will und, damit das alles auch praktischen Nutzen hat, mit literarischen Weihnachtsgeschenken nicht in Fettnäpfe treten will, dem sei die Lektüre dringend empfohlen. Fußnoten:(2) Im toten Winkel. Dokumentarfilm von André Heller und Othmar Schmiderer (2002) (3) Übrigens sollte, wie in »Literatur Konkret« erwähnt wird, mit den Bombardierungen die Moral der Zivilbevölkerung, der Industriearbeiter gebrochen werden. Das dies den Krieg verkürzen könnte und ihn wohl auch verkürzt habe, sei kein Geheimnis, werde nur gern verschwiegen. Ebenso die Tatsache, dass bereits während des Krieges das britische Parlament über Notwendigkeit des Bombenkrieges und seine moralischen Fürs und Widers debattiert habe. Die Tatsache, dass Soldaten und Zivilisten aller beteiligten Länder unter dem Krieg litten, scheint mir (H. S.) aufgrund der Verneinung des Subjekts, s. o., noch einmal erwähnenswert. (4) Peter Wapnewski: Churchill im Bunker erlebt. FAZ vom 3. Dezember 2002. FAZ-Archiv. Weitere Verweise:erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |