feuilleton
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Hanjo Schlüter, Hamburg 2004 »Früher war auch schon alles zu spät«Frank Schulz und Jan Jepsen lesen im Café Mathilde. Da sitzt er also, kaum drei Armlängen entfernt, in den mehr oder weniger gemütlichen roten Kunstledersesseln im Café Mathilde. Die Denkerstirn reicht bis zum Hinterkopf, das Resthaar sorgt für Ausgleich, der Bart ist schon grau durchzogen. So sieht er aus: Frank Schulz, der Meister des Schelmen- und Heimatromans, der auf der Klaviatur der norddeutschen Melancholie so ergreifende Elegien zu spielen versteht: Gepflegte Säuferoratorien nämlich. Schulz liest aus seinem Roman »Kolks blonde Bräute«, der gerade bei Zweitausendeins neu aufgelegt wurde, Jepsen aus dem noch nicht veröffentlichten dritten Teil seiner »Trilogie der Triebe«. Sie lesen mit verteilten Rollen. Schulz übernimmt seinen Ich-Erzähler, Jepsen alle anderen Figuren (und vice versa). Das tut gut, denn Schulz liest leise, zunächst ohne große Dramatik, fast im Plauderton, wie nebenbei; Jepsen lässt die skurril-verschrobenen Freunde des Erzählers lebendig werden. Bis Schulz dann den Hinni gibt, den siebzigjährigen Dorfschankwirt des heimatlichen »Nests« nebst Stammgast Alfons. Er röhrt auf platt und Jepsen übersetzt simultan, dichtet nach, konterkariert, dass es die reine Freude ist. Kolks blonde Bräute. Kolk ist Postbote in Hamburg, wohin es ihn, sein heimatliches Nest auf der niedersächsischen Geest flüchtend, verschlagen hat. Sein Problem: Frauen. Genauer: Keine Frauen. Und ständig muss er scharfen Bräuten erotische Postkarten zustellen, beziehungsweise: einer Braut eine Postkarte. Diese Begebenheit durchzieht das ganze Buch: Alle Hör- und sonstigen Abstürze nebst ihrer geheimnisvollen Ursachen ranken sich um eben diese Postkarte. Das Bittere an der Geschichte ist indes der Hopfen, denn blonde Bräute, das sind, ganz klar, die vielen zelebrierten Bierchen und Biere seit der Jugend im Nest über die Hamburger Zeit bis hin zur Rückkehr in die Heimat. Von der guten alten Zeit in den Siebzigern bis ins Jahr 2001 wühlt Ich-Erzähler Bodo in den Lebenskrisen seines Freundes Kolk; ausgerechnet Bodo, der, wie wir aus dem Folgeband »Morbus Fonticuli« wissen, selbst gehörig einen an der Marmel hat. Frank Schulz singt ein Lied über die Sehnsucht nach Heimat, über das gute Früher der Jugend und das schwierige Heute der alkophilen Dreißiger. Was, neben all dem wiedererkannten Lokalkolorit, den Roman so lesenswert macht: Schulz beherrscht das Werkzeug des Schriftstellers, die Sprache, wie zurzeit kaum ein anderer und zeigt dabei, dass hiesige Literatur leicht und humorvoll sein kann, ohne dabei je banal oder gar trivial werden zu müssen. Bis ins letzte Fältchen sauber durchgezeichnete Portraits, sorgfältig transkribierte Akzente und Dialekte sowie die ewige Szenerie der Eck-, Steh- und Stammkneipe – hier werden alle Tiefen des Lebens (und des Glases) ausgelotet. Wer also in der tragischen Misere seines eigenen Lebens eine gnadenlose Aufmunterung braucht, dem sei »Kolks blonde Bräute« dringend empfohlen. Allen anderen natürlich auch. »Trinken war integraler Bestandteil unserer Adoleszenz.« ps: Jan Jepsen ist jetzt leider zu kurz gekommen – aber sein Manuskript harrt ja auch noch der Veröffentlichung. FundstellenFrank Schulz bei Zweitausendeins: Bücher und Hörbücher. Kolks blonde Bräute. Band I der Hagener Trilogie. Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins. Gebunden, 298 Seiten, 12,90 Euro. Morbus Fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien. Band II der Hagener Trilogie. Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins. Taschenbuch, 767 Seiten, 10 Euro. |
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erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum
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