feuilleton
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Hanjo Schlüter, Kopenhagen 2004 HeimkehrIm Zug Oslo–Kopenhagen Nach drei Wochen Wildnis schon in Oslo Bitterkeit, Hass, Misanthropie – soweit sie sich auf den Homo sapiens sapiens teutonicus bezieht. Junge schnöselige und vor allem: deutsche Railer, die wie selbstverständlich ihre Rucksäcke in der Mitte des Korridors stapeln und sich überhaupt derart benehmen, als wollten sie noch einmal ungeniert das ganze Land besetzen.
Ab Göteburg noch mehr Deutsche, sie verwandeln den ganzen Wagen in eine deutsche Kolonie, in eine deutsche Hölle. Hasse ich sie, weil sie mir das letzte bisschen Schweden vermiesen? Ach was, spätestens Schonen ist sowieso schon Dänemark. Ich sitze mit Skandinaviern am Tisch. Sie mögen ihre Landsleute im Ausland auch nicht, weil laut und besoffen als Standardeinstellung. Aber hier: Diese breitärschige Gebärmaschine im graumelierten Jogginganzug überzeugt mich mit ihren plärrenden, schreienden, krakeelenden Kindern, dass es ein demographisches Problem offenbar nicht gibt. Bin ich gerade frauen- und kinderfeindlich? Ja! Mit dem Zugeständnis, dass Alwin, das zu schlagenste Kind im Zug Stockholm – Kopenhagen anno 2001, immerhin Schwede war. Was vor allem das Nervenkostüm von den Knochen zerrt, ist die Art, wie manche Eltern mit unruhigen Kindern umgehen. Und ich schwöre: Sollte ich jemals Kinder haben, so werden diese nie, nie, nie, niemals Mitreisende so belästigen wie Alwin oder Sarah oder was weiß ich. Höchstens werde ich den Großraum nerven mit enthusiastischem Vorlesen von »Pu der Bär«, »Pluck mit dem Kranwagen«, »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«. Und graumelierte Jogginganzüge sind eine derartige Beleidigung für das ästhetische Empfinden der Mitwelt, dass sie als sofortiger Scheidungsgrund zulässig sind.
Durchatmen, vorsichtiges Anlachen der im Leid Vereinten in dem Bewusstsein, dass es kein Entrinnen gibt, dass man es nur tapfer gemeinsam durchsteht. Später auf der Fähre wahrscheinlich noch schnauzbärtige Schwaben, bajuwarische Biker, pilszischende Pöttler. Die Welt ist so schön, riefe ich ihnen zu, schaut nur, was ihr daraus macht! Sie verstünden mich nicht. Sie holten mich kiel. Ich hätte mir den »Spiegel« in Oslo nicht kaufen sollen, überfliege die Belanglosigkeiten, die drei Wochen lang so fern waren. Nichts ist geschehen. Irak brennt, Palästina brennt, Sudan brennt. Obersorgenfurche Fischer verfolgt Deutschlands imperialistische Interessen. Schröder macht sein außenpolitisches Spielbein zum Standbein. (“It’s the economy, stupid!”) Aber Politik schafft keine Arbeitsplätze. Arbeitslosenhilfe abgeschafft. Binnennachfrage? Abweichler? Aber was tun? Schreibt Wolfgang Koeppen: »Die Boheme war tot. … Der Züricher Bohemien Lenin hatte, als er nach Rußland abreiste, die Tür des Literatencafés für die nächsten Jahrhunderte geschlossen.« – (»Nichts verächtlicher, als wenn Literaten Literaten Literaten nennen.« Tucholsky.) – Doch: »Dieser kleine untersetzte Mann … lebt so unauffällig wie möglich. Er meidet die Gesellschaft, …«, weiß Stefan Zweig. Gleichgültigkeit. Das einzig Interessante wäre die Synthese von »Politeia« und »Dao De Jing« …
Ich starre aus dem Fenster in den Regen. Tropfen, die auf dem Glas um die Wette laufen, einander vereinnahmen, sich verlieren. Langsam steigt die Leere in mir hoch. Da ist sie wieder. Duftet nach Fjäll, nach Zwergbirke, Krähenbeere, Torfmoos. Der einsame Pfiff des Goldregenpfeifers klagend über kargem Land, erschrecktes Kollern eines aufgescheuchten Schneehuhns. Vor mir streicht eine Schnee-Eule hoch. Rentiere ziehen gruchzend in höhere Regionen, suchen den kalten Schnee, das letzte blendende Weiß. Schmelzwasser umspült flechtenbewachsene Steine, betäubt die schöpfende Hand in Sekunden, schmerzt im Mund, lässt die Schläfen pochen. Schweißstinkendes Hemd, schulterndrückender Rucksack, mit jedem Stiefeltritt schmatzt der feuchte Boden. Sonnenflimmernde Luft. Am Abend der kakaoherbe Geschmack dunkler Schokolade. Im Zelt, der Kocher faucht friedlich, der Wind fängt sich flüsternd im Windfang. Die Sonne sträubt sich gegen den eigenen Untergang. Die Dämmerung legt sich wie ein feuchtes Tuch kühl auf den erhitzten fiebernden Geist. Freiheit von allem … |
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