FEUILLETONHanjo Schlüter, Hamburg 2004 Steingart – Abstieg eines JournalistenAm 18. März 2004 ist Gabor Steingarts Buch »Deutschland – der Abstieg eines Superstars« erschienen. Der Spiegel veröffentlichte einen zweiteiligen Vorabdruck, nach dessen Lektüre der Kauf des Buches nicht mehr lohnt. Eine Rezension. Ich hätte an dieser Stelle gern eine ökonomische Kritik geschrieben. Als Antwort auf Gabor Steingart, der einen mit Fakten, vorgeblichen Fakten, Argumenten und schönen bunten Grafiken erschlägt – ja ja, die Focussierung des Spiegel. Ratlosigkeit ob des argumentativen Wortknäuels. Teil I:Steingart entwirft ein schönes Bild, eine malerische Metapher der Volkswirtschaft. Sie sei wie ein Planet, mit einem glühenden Kern, und immer kühleren Schichten drumherum bis hin zur erstarrten, kalten Kruste. Ganz innen ist die Bildung, das Wissen, von dem allein ein rohstoffarmes Land existieren muss. Die Unternehmer setzen es um und sorgen für die »Wertschöpfung«. Von ihrer Tätigkeit leben wir alle. Dann, etwas kühler, aber immer noch glühend, die produktiven Lohnarbeiter, dann diejenigen, deren Arbeit unproduktiv ist, weil geldverschlingend und im Ausland eh billiger; danach die anderen 45,9 Millionen: Renter, Kinder, Hausfrauen, Schüler, Studenten: Die ganze kalte Kruste eben. An diesem Bild hängt alles, und Steingart erklärt uns die Volkswirtschaft: »Schafft eine Aktivität zusätzlichen Wohlstand, oder verzehrt sie Wohlstand? Ist sie plus oder minus im Energiehaushalt unserer Volkswirtschaft?« Ich dächte doch, die Volkswirtschaft sei ein Nullsummenspiel, die Einnahmen des einen seien immer die Ausgaben des anderen. Und umgekehrt. Der Begriff »Wertschöpfung« ist in diesem Zusammenhang irreführend. Man stelle sich vor: Zwei Menschen auf einer Wiese, dahinter Klumpen von Erz, Öl, Kohle und was weiß ich noch alles. Damit daraus die Dienstleistung »Taxifahrt« wird, muss ein Dritter aus dem Haufen erst einmal Auto und Straße bauen. Dann kann der Erste den Zweiten irgendwo hinfahren. Der Zweite bezahlt dem Ersten Geld, damit dieser den Fabrikanten auszahlen kann. Wo hat der Fahrgast das Geld hergenommen? Lassen wir ihn Besitzer der Rohstoffe gewesen sein, die er an den Fabrikanten verkauft hat. So entsteht ein wirtschaftlicher Kreislauf, in dem Produkte und Dienstleistungen erstellt werden – aber ein Wert geschöpft? Das Geld vermehrt sich nicht, aber wichtig ist, dass alle drei Anteil am Umlauf des Geldes haben, dass das Geld durch ihre Hände geht. Funktioniert eine Volkswirtschaft anders? Im Grunde genommen funktioniert das simple Beispiel schon nicht mehr, wenn jeder der drei einen Gewinn machen will … Das Problem sind also nicht die kalten Krusten. Problematisch ist vielmehr, dass immer mehr Menschen immer weniger Anteil am Kreislauf des Geldes haben, und ergo auch weniger nachfragen können, was wiederum dazu führt, dass mehr Leute weniger Anteil am Kreislauf des Geldes, na ja, und so weiter. Den Menschen zuzumuten, für weniger zu arbeiten, damit ihre Arbeit »produktiver« (bedeutet in diesem Kontext: für den Unternehmer gewinnbringender) ist, funktioniert auch nicht: Das Geld zirkuliert schon wieder langsamer. Der volkswirtschaftlich denkende Unternehmer (ein Paradoxon?) dagegen müsste sagen: Ich gebe meinen ganzen Gewinn den Arbeitern, damit sie meine Produkte kaufen können, denn nur so halten wir den Kreislauf in Gang. Wenn der Arbeiter dagegen kaum mehr verdient als das Existenzminimum, kann er wenig zur Nachfrage und damit zur »Belebung der Konjunktur« beitragen, wie es so schön heißt. Noch einmal Steingart: »Millionen Menschen sind nicht an der Wohlstandsvermehrung beteiligt und tauchen stattdessen eben auf der anderen Seite der Bilanz auf. Hier sorgen sie für Wohlstandsverzehr, Wachstumsverluste, erhöhen mit jeder weiteren Million die Gefahr, dass aus dem deutschen Abstieg ein Absturz wird.« Aha. Die sind nicht nur selbst schuld, die reißen das ganze Land in den Abgrund, die Rentner, Arbeitslosen, Studenten, Schüler, Kinder, Hausfrauen. Sie sind geradezu Parasiten, Wohlstandsschmarotzer an unserem Volke. Glaubt Steingart das ernsthaft? Er schreibt so. Schön, er beklagt die mangelnde Kreativität der Unternehmer und das abnehmende Bildungsniveau. Dass eine gewisse Partei aus ideologischen Gründen am dreizügigen Schulsystem festhält, obwohl alle Erkenntnisse (pisa & Co.) dagegen sprechen, erwähnt Steingart dagegen nicht. Erfindungsreichtum, der fehle uns Deutschen. Hm, ja, sicher ein Hauptproblem für die Zukunft, und wer seine Forscher ins Ausland treibt, braucht sich später nicht zu wundern. Aber das war auch schon vor diesem Essay bekannt, genauso wie die Tatsache, dass fast jede Dienstleistung einer industriell produzierten Grundlage bedarf. Dass Steingart in dieser Hinsicht den Politikern die Leviten liest, ist wohl das einzig Nützliche dieses Artikels. Falls die Politiker ihn lesen. Teil II:Der zweite Teil von Steingarts Essay stellt in großen Zügen die Geschichte des bundesdeutschen Sozialstaats dar, die Fehler, die schon bei seiner Erschaffung gemacht wurden, seinen massiven Ausbau, begleitet von der Kurzsichtigkeit der Politiker, Kanzler für Kanzler bekommt sein Fett ab. Einschub zur Erinnerung: Der Sozialstaat war und ist so angelegt, dass Altwerden besser bezahlt wird als Kinderkriegen. Wobei die Kinder das Altwerden bezahlen. Noch Fragen? Der Abschnitt »Was tun Kanzler?« fasst leider nur längst bekannte Allgemeinplätze zusammen, die zudem auch in der Konzeption mitunter fragwürdig sind. Steingart stellt ausgerechnet Großbritannien und die usa als leuchtende Beispiele dar, was schon fast eine Beleidigung für den denkenden Menschen ist. Klar haben die Jobs geschaffen, aber Jobs, die die Arbeitnehmer schön in der Nähe von Steingarts kalter Kruste halten und für den »produktiven Kern« allenfalls Profit abwerfen, aber keinesfalls, um in Steingarts Bild zu bleiben, neue Kernenergie in Form von Bildung, Kreativität, Innovation. Über diese Kernenergie verliert Steingart in Teil II seines Essays kein Wort mehr. Vielleicht stellt ihn ja zufrieden, dass in Deutschland der Einzelhandel als erste Branche schonmal die ordentlich sozialversicherten Arbeitsplätze zugunsten von Mini-Jobs abbaut. Massiv. Geht ja genau in die richtige Richtung. Wahrscheinlich würde er den Minijobbern am Ende wieder vorwerfen, bloß Wohlstandsschmarotzer zu sein. Gelesen haben muss man den Essay also nicht, vom Kauf des Buches gar nicht zu reden. Wer’s trotzdem versuchen will: Den Vorabdruck gibt es bei Spiegel online gegen Bezahlung. Gabor Steingart: Deutschland – Der Abstieg eines Superstars. Piper Verlag, 304 Seiten, 13 Euro. erstellt 2004 (c) hanjo schlüter | startseite | impressum |